Plattenzeit #67: Paramore – After Laughter

6 Minuten Lesedauer

Nische und Masse


Die Gegenwart ist schon bemerkenswert. Grundsätzlich ist so gut wie jede Musik nur ein paar Mausklicks entfernt. Dadurch sollte eigentlich jeder in der Lage sein, seine eigene Mikro-Nische zu finden und sich in dieser einzurichten. Das nennt man dann wohl auch Individualisierung. Im Heute gibt es nicht nur die passende Mode für jede Befindlichkeit, sondern auch den entsprechenden Soundtrack.
Jetzt könnte man meinen, dass es eine friedliche Koexistenz der Genres und Spielarten gibt. Doch dem ist nicht so. Veranstalter, die ihre Nische gefunden haben, jammern ausgiebig. Ihre Konzerte, natürlich mit hochtalentierten Musikern nur so gespickt, seien schlecht besucht. Niemand mehr würde sich für gute Musik interessieren. Alle würden sie nur zu den großen Acts pilgern und da stattliche Eintrittsgelder bezahlen, während die hochmusikalische Band aus dem New Yorker Underground nur vor zehn Leuten spiele, von denen noch mal die Hälfte ohnehin Pressekarten hätte.
Es liegt die Vermutung nahe, dass viele Menschen den Überblick verloren haben. Statt sich stundenlang durch obskure Online-Magazine zu klicken und die dortigen Plattentipps zu hören verlässt man sich lieber auf die bereits etablierten, großen Namen. Das ist nicht nur schlecht.
Richten wir unsere kritischen Ohren auf einige hochgradig bekannte Bands entdecken wir Erstaunliches. Eine der erstaunlichsten Bands sind die Amerikaner Paramore. Früher hätte man diese noch etwas vereinfachend dem Genre „Emo“ zugeschlagen. Da sang eine junge Frau über ihre Abgründe – und das auf schöne und mitreißende Art und Weise.
Spätestens mit dem selbstbetitelten Album von 2013 kam eine andere Band zum Vorschein. Teilweise rockig-angepunkte Gitarren verbanden sich mit einer unfassbaren Pop-Sensibilität und mit der Gabe große Melodien zu schreiben. Hooklines, Alter! Und die Sängerin Hayley Williams konnte immer noch so schön schmachten, dass Männerherzen zum Schmelzen gebracht wurden und sich Frauen ernsthaft fragten, ob sie das richtige Geschlecht liebten.
Seither sind einige Jahre ins Land gezogen. Es gab bandinterne Probleme und private Katastrophen. Der Sound auf dem aktuellen Album „After Laughter“ hat sich gewandelt. Man könnte auch sagen, dass sich die Pop-Momente und die Gabe Hooklines zu schreiben noch mehr herausgeschält haben. Statt punkigen Gitarren regiert hier eine Art „weißer“ Funk und der unmittelbare Drang tanzbare und tänzelnde Licks zu zelebrieren. Auch die 80er als Referenz schauen immer wieder vorbei. Ein Retro-Album ist es dennoch nicht geworden.
Hayley ist immer noch traurig. Vielleicht trauriger als je zuvor. Nur klingen die Songs, welche sie überwiegenden mit dem durchaus begnadeten Gitarristen Taylor York auf die Beine stellt, nicht mehr so. Die Text-Musik-Schere schlägt hier aber voll zu. In dem fröhlich poppenden und hüpfenden „Told You So“ singt sie eine fatalistische Textzeile: „For all I know / The best is over and the worst is yet to come“.  Im Opener „Hard Times“ steigt sich ebenfalls wenig optimistisch ein: „All that I want / Is to wake up fine / Tell me that I´m alright / That I ain´t gonna die“. Erstaunlich, dass sie mit diesen Songs erst kürzlich ganze Hallen zum Hüpfen und zum Mitsingen brachten.
Das liegt, unter anderem, an der hohen Qualität der Musik. Nur an der Oberfläche klingt die Musik ein wenig „bubblegumig“. Tatsächlich sind die Gitarren-Riffs aber messerscharf, die elektronische Sounds punktgenau eingepasst und weisen jeglichen vermuteten Dilettantismus weit von sich. Wer sich die Mühe macht sich durch Live-Mitschnitte der Bands zu hören weiß schnell, dass hier echte Könner am Werk sind. Hayley Williams trifft alle Töne souverän und turnt und tanzt dazu noch wie es sich für einen waschechten Popstar gehört. Die Frau hat Talent und Charisma. Ihre Band spielt präzise und tight.
Da ist sie also, die Musik für die Masse. Jener Masse, der man so oft mangelnden Geschmack und Dummheit nachsagt. Die Situation ist anders: Die breite Masse hat, zum Teil verständlicherweise, keine Lust auf stundenlange Online-Recherche um die nächste interessante Band zu finden. Sie überträgt die Verantwortung, womöglich etwas zu leichtfertig, auf große Bands der Gegenwart. Sie erhofft sich, dass die Superbands schon wissen, was sie tun und auf der Höhe der Jetzt-Zeit musizieren. Eine solche Band ist „Paramore“. Dieser Band kann man nahezu  blind vertrauen.


Fazit


Unter Fans der Band ist „After Laughter“ umstritten. Die neue Richtung gefällt nicht jedermann und jederfrau. An den meisten Orten, vor allem von Kritikerseite, wird aber herausgestrichen, welch brillantes Pop-Album „After Laughter“ sei. Das stimmt. Hier regiert die Eingängigkeit. Faszinierend dabei ist, wie wenig das mit Reißbrett und Schema-F zu tun hat. Man schreibt echte, kreative Songs, die auch noch die Massen bewegen und berühren. Was kann daran schlecht sein?


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Eric Ryan Anderson, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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