Tiroler Filzwerk 2.0

4 Minuten Lesedauer

Filz ist ein textiles Flächengebilde aus einem ungeordneten, nur schwer zu trennenden Fasergut. So steht es auf Wikipedia, also wird es wohl stimmen. Die Wiener Stadtzeitung Falter veröffentlichte vor wenigen Tagen einen Artikel mit dem Titel „Tiroler Filzwerke“. Das Artikelbild zeigt das historische Abbild eines Skifahrers (Franz Klammer!). Es ist also auf den ersten Blick erkennbar, dass es sich hier nicht um eine Reportage über die Tiroler Traditionsfirma Giesswein, sondern um einen Text zur bevorstehenden Olympia 2026 (Innsbruck – Tirol) Abstimmung handelt.
Das stimmt. Zumindest halb. Die bevorstehende Abstimmung ist nämlich nur der Anlassfall. Der Artikel selbst beleuchtet die Netzwerke, die Flächengebilde hinter dieser Abstimmung. Oder besser gesagt hinter der Pro-Kampagne, die die regionale Politik so sehr braucht. Belustigt lese ich die Zeilen und stelle mir vor, wie der archetypische Wiener mit seinem Sechzehnerblech in der Hand auf der Couch lümmelt und es mir gleich tut, spricht SEINE Stadtzeitung liest. Im Hintergrund läuft (bei ihm!) währenddessen Liebesgschichtn und Heirratssachen. Seine Augen fliegen über den zweiseitigen Text.
„Typisch Tiroler“, prustet er nach zehn Minuten Lektüre lauthals hervor. „Ur-deppert. Des san hoid doch ois Bauernschädl. Habi imma scho gwusst. Bei uns gabats sowas ned. Mia ham den Häupl. Dea is aständig“, sinniert er weiter. Während ich mir die Szene vorstelle, interveniert mein innerer Tiroler bereits lautstark. Wiener Politik und anständig? Dass ich nicht lache. Seit Jahrhunderten weiß man in den Bundesländern, also  außerhalb des Wasserkopfes (Wien!), dass ebendort nicht immer alles mit rechten Dingen abgeht. Wien ist anders. Das beweist ja schon der Stadtslogan!
Doch bei uns. Bei uns in den Bundesländern, da läuft es wirklich anständig. Da ist die Welt noch heil und in Ordnung. Mit den Wienern würden wir uns nie vergleichen. Nie! Die Freunderlwirtschaft. Die Rumhaberei. Das Spritzertrinken und Geschäftlntreiben. Nein. Sowas gibt es bei uns nicht. Und dann kehrt man mit den Gedanken wieder zu den Buchstaben zurück. Tiroler Filzwerk. Da deckt ein Wiener Journalist doch offensichtlich genau solche Machenschaften auf. Bei uns in Tirol! Das darf nicht sein.
Kurze Zeit später sucht man den Wikipedia-Eintrag zum Thema Filz und muss innerlich laut lachen. Filz ist ein textiles Flächengebilde aus einem ungeordneten, nur schwer zu trennenden Fasergut. Ja. Der Titel des Artikels ist verdammt gut gewählt. Wer ihn liest bekommt unweigerlich zum Schluss, dass dieses Tiroler Netzwerk, das seit Jahrzehnten die Zügel dieses Landes in der Hand hält, wirklich ein (mehr oder weniger) ungeordnetes, nur (verdammt) schwer zu trennendes Gebilde ist. Hier halten die einzelnen Fasern so lange zusammen, der gesamte Pullover in den Müll geworfen wird.
Ja, der Filz ist widerständig, verdammt widerständig sogar. Filz muss ein Tiroler sein. Der Filz überdauert (seit) Generationen. Nur gut, dass (wir!) die Jungen mittlerweile lieber Baumwolle tragen.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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