Als Spitzenköchin Johanna Maier von der Tiefkühlpizza-Packung lachte

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Tiefkühlpizza will ab sofort nicht mehr Tiefkühlpizza sein. „Sie ist zugleich duftendes Brot, feine Tomatensauce und ist obendrein mit italienischen Spezialitäten wie herzhaftem Grana Padano, fruchtigen Tomaten und frischem Rucola belegt“. Zu finden ist diese Umschreibung auf der Packung einer Tiefkühlpizza, für welche die Spitzenköchin Johanna Maier ihre Hand ins sprichwörtliche Feuer legt und ihren guten Namen hergibt.
Aber nicht nur das. Das Bild neben dieser Beschreibung der Gourmet-Variante einer Tiefkühlpizza suggeriert, dass Frau Maier den Rucola für die Pizza selbst geerntet und die Tomaten höchstpersönlich von Hand an  genau die Stelle der Pizza platziert hat, an der sie notwendigerweise sein sollen. Ihr Lächeln, eingefangen natürlich in unberührter Naturlandschaft ihres Heimatbundeslandes, legt nahe, dass es der anspruchsvolle Tiefkühlpizza-Genießer mit purer Natur zu tun bekommt.
Johanna Maier ist natürlich nicht die Erste, die ernst macht mit „Gourmet“ für den kleinen Mann, der lieber knapp drei Euro für eine tiefgekühlte Pizza ausgibt als ein vielfaches davon in einem Gourmet-Restaurant liegen zu lassen. Musterbeispiel dafür ist auch Alfons Schuhbeck, der in München unweit des Marienplatzes alles mit seiner Marke versieht. Von Gourmet-Menüs um 100 Euro und mehr bis hin zum Fleischkäse-Semmel ist alles unter der Dachmarke „Schuhbeck“ erhältlich.
Der Grundansatz dahinter ist löblich. Es geht um eine Demokratisierung von Qualität. Vor allem aber ist es eine Segmentierung und Ausdifferenzierung. Es darf zumindest in Frage gestellt werden, ob diese beiden Spitzenköche (und deren Berater) aus reiner Menschenfreundlichkeit heraus gehandelt haben. Möglicherweise war und ist eher die Hoffnung Antriebsfeder, dass sich der Pöbel, der sich am Vorabend Gourmet-Tiefkühlpizza mit Dosenbier einverleibt hat, demnächst doch einmal in das etwas höherpreisige Restaurant verirrt. Man gönnt sich ja sonst nichts und selbst der Niedrigstverdiener kann sich zumindest einmal pro Jahr Haubenküche leisten.
Unter Umständen kann man auch noch ein aufklärerisches Projekt wahrnehmen. Der Haubenkoch lässt sich herab und nähert sich dem Kulinarik-Pöbel an, weil es umgekehrt meist nicht funktioniert. Dem Kulinarik-Proletariat fällt es im Anschluss wie Schuppen von den Augen. Jahrelang hat es nach Industrie schmeckende Pizzen gefressen, jetzt plötzlich schmeckt es, wie gut frischer Rucola und Grana Padano schmecken kann. Es lernt die schöne Welt der differenzierten Geschmäcker kennen und schätzt fortan frische und gute Küche. Nur: Zu mehr als zu einem Fleischkäse mit Schuhbeck-Branding reicht es finanziell aber dann immer noch nicht.
Den Spitzenköchen müsste eigentlich an einer Veränderung der Durchlässigkeit in Bezug auf die unterschiedlichen Segmente gelegen sein. Auch der Arbeiter von nebenan sollte sich, etwa beispielsweise mittels Aktionen oder gezielten Unterstützungen, Haubenküche und Gourmet-Menüs leisten können. Wer „kulinarikferne“ Bevölkerungsschichten an die gute, wahre und schmackhafte Küche heranführen möchte, muss auch Räume und Möglichkeiten schaffen, an denen das leistbar und möglich wird.
Nun sind mir persönlich keine solchen Aktionen oder Projekte bekannt. Es ist damit legitim völlig andere Beweggründe zu unterstellen: Die Erweiterung der Zielgruppe und die Durchdringung des Marktes. Nicht das größtmögliche Kulinarik-Glück für Alle ist das Hauptanliegen dieser Köche, sondern der größtmögliche Gewinn für die eigene Marke, das eigene Image und das eigene Unternehmen.
Hier geht es zur vorherigen Folge von „Kleingeist und Größenwahn“.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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