Liebe Stadt Innsbruck,

ich wünsche mir von dir eine Entscheidung.

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Du bist das Herz der Alpen. Eine Weltstadt. Studentenstadt. Sportstadt. Kulturstadt. Radstadt. Meine Heimatstadt. Die vielen Beinamen auf die du hörst, haben dir Politiker in Reden und Marketingmenschen durch Kampagnen verpasst. Du bist urban-alpiner Lebensraum für mehr als 120.000 Menschen und für Millionen, die letzte Station vor dem Brenner auf dem Weg in Richtung Süden. Viele kennen deinen Namen, kaum jemand dein Herz, dein wahres Wesen. Selbst ich tue ich mich schwer. So schwer, dass ich dir diesen Brief schreiben muss.

Du hast es nicht leicht. Im restlichen Tirol, in den ländlicheren Regionen wirst du als Großstadt gesehen. Als Ort der Ignoranz, der Arroganz und als Brutstätte von Verbrechen. Bei dir sei man nicht sicher. Deine Bewohner seien typische Städter ohne Moral und Traditionsbewusstsein. Gar keine echten Tiroler. Während die echten Tiroler sich seinerzeit tapfer den Bayern und Franzosen entgegenstellten und für die Bewahrung alles Tirolerischen kämpften, fremdelten, so erzählt man sich, die Innsbrucker Bürger weniger mit den Fremden, als mit den eigenen Leuten.

In Tirol ist Innsbruck die Geburtsstätte großstädtischer Toleranz und liberalen Gedankenguts, das die urtirolerischen Werte und Traditionen höchstens belächelt, eher verachtet. Regenbogenfahnen auf der Innbrücke, Grüß-Göttin Schilder neben der Autobahnauffahrt, ein Grüner am Bürgermeistersessel. Symbole mit Strahlkraft. Die Landeshauptstadt ist ein Fremdkörper im eigenen Land, ein Organ, das zwar nicht abgestoßen wird, aber zumindest deplatziert wirkt. Wien ist anders. Innsbruck auch. Zumindest im eigenen Land.

Apropos Wien. Von Wien aus betrachtet ist Innsbruck tiefste Provinz. „Wir sind eure Hauptstadt, ihr Bauern“, skandieren Fußballfans aus der Bundeshauptstadt gerne, wenn sie am Innsbrucker Tivoli zu Gast sind. Innsbruck-Anhänger dürfte das wenig treffen. „Asoziale Wiener“ eben. Vergleicht man sich als Innsbrucker in Tirol, gibt man sich gerne urban. Vergleicht man sich mit Großstädten, ist man froh von den Konflikten einer richtigen Großstadt im Alltag weitestgehend verschont zu bleiben.

Und das ist das Problem. Liebes Innsbruck, ich liebe dich von ganzem Herzen, obwohl ich gar nicht weiß, wer du wirklich bist und sein willst. Bist du eine Sportstadt? Dann dürfen eine 50 Meter Schwimmhalle, ein echtes Trainingszentrum für einen der erfolgreichsten europäischen American Football Vereine und ausreichend Fußballplätze für die Jugend kein Problem sein. Bist du eine Studentenstadt? Dann müssen wir uns über Mietpreise, Sperrstunden und konsumfreie Plätze unterhalten. Bist du eine Kulturstadt? Dann muss dein Herz bluten, wenn innerhalb weniger Jahre der Hafen, das Weekender und viele andere Institutionen verschwinden und kaum noch Raum für kritische (Sub-)Kultur(initiativen) existiert. Bist du eine Radstadt? Dann solltest du rasch nach Holland, Belgien, Frankreich oder Deutschland blicken und dir anschauen was es dazu braucht. Bist du eine Weltstadt? Dann dürfen wir über Toleranz und Offenheit gegenüber anderen und anderem nicht mehr diskutieren und ich darf mich nicht vor jeder Gemeinderatssitzung fürchten, weil die Diskussionskultur dort den Decknamen Politik kaum noch verdient.

Liebes Innsbruck, du bist meine Heimatstadt. Und ich mag dich wie du bist. Aber ich wünsche mir mehr Mut von dir, mehr Bekenntnis, einen klaren (Zeit-)Plan. Vielleicht müssen deine Funktionäre sich, ob der schwierigen finanziellen Lage, auch einfach klipp und klar entscheiden, auf manches verzichten, anderes forcieren, eines nach dem anderen angehen, Schritt für Schritt, und uns Bürger mit guter Kommunikation auf die Reise mitnehmen.

Eines ist jetzt schon sicher. „Von allem ein bisschen“ funktioniert nur, wenn es um Tapas oder Antipasti vom Lieblingsitaliener geht. Die Wiener dürfen nicht recht behalten. Dafür hast du zu viel Potential.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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