Ohne Industrie kein Wohlstand

Oft vergessen und doch wahr.

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Gemessen am durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen zählt Tirol zu den reichsten Regionen Europas. Auch wenn nicht alle in gleicher Weise davon profitieren, möchte man wissen, wem das Land seinen Wohlstand verdankt.

In einem ersten Teil zu diesem Thema konnte ich anhand der Verteilung von Tourismus und Industrie auf die einzelnen Landesteile zeigen, dass mehr Menschen direkt oder indirekt von der Industrie leben als vom Tourismus. In einem zweiten Teil soll die auf den ersten Blick etwas gewagte These aufgestellt und begründet werden, dass auch der Wohlstand, der durch den Tourismus geschaffen wird, letztlich der Industrie zu verdanken ist. Und dasselbe gilt für die Menschen, die ihre Einkommen aus einer Arbeit beziehen, die weder mit dem Tourismus noch mit der Industrie verbunden ist.

Zuerst aber zum Tourismus. Eine erste Grundlage für den Besuch so vieler Gäste ist im Sommer wie im Winter in der Attraktion der alpinen Landschaft zu sehen. Ohne Berge, ohne Schnee gäbe es weit weniger Grund, den Urlaub gerade in Tirol zu verbringen. Eine zweite Grundlage ist die touristische Infrastruktur mit Beherbergungsbetrieben, Liftanlagen, Schipisten, Wanderwegen und Schwimmbädern. Eine dritte und wohl die wichtigste Grundlage ist die Kaufkraft potentieller Gäste, ohne die das Angebot der Natur in Verbindung mit der touristischen Infrastruktur nicht genutzt werden könnte.

Rund die Hälfte aller in Tirol gezählten Übernachtungen entfällt auf die Gäste aus Deutschland, ein weiteres Viertel auf solche aus den Niederlanden, der Schweiz und dem österreichischen Inland. Insgesamt hat sich die Zahl der Nächtigungen seit 1950 mehr als verzwanzigfacht. Wieso aber können sich heute so viel mehr Menschen einen Urlaub in Tirol leisten als vor 70 Jahren? Dazu ist es notwendig, nach den Ursachen der in dieser Zeit in den genannten Ländern und anderswo gestiegenen Einkommen zu fragen.

Angesichts der Komplexität der modernen Wirtschaftsstrukturen empfiehlt es sich, zum besseren Verständnis in weiter zurückliegende Zeiten zurückzublicken, als die Menschen das zum Leben Notwendige noch weitgehend selbst erzeugten. Ihr Einkommen bestand aus der Menge an hauptsächlich landwirtschaftlichen Gütern, die sie jährlich herstellten. Dies reichte in normalen, von Missernten freien Jahren gerade einmal aus, das Überleben zu sichern. Eine darüber hinausgehende Produktion machte wenig Sinn, da angesichts der dünnen Bevölkerungsdichte und der vorherrschenden Selbstversorgung zu wenige potentielle Abnehmer für etwaige Überschüsse vorhanden waren.

Dies sollte sich zum ersten Mal ändern, als infolge fortschreitender Bevölkerungszunahme in einzelnen Regionen größere Siedlungen entstanden, die in der Folge als Städte bezeichnet wurden. Eine wachsende Zahl potentieller Kunden ließ es lohnend erscheinen, sich auf die Herstellung bestimmter Güter zu spezialisieren, die man gegen andere eintauschen konnte. An die Stelle der Selbstversorgung trat die Arbeitsteilung. Spezialisierung und Nachfrage erlaubten die Herstellung von mehr und besseren Sachgütern oder – mit anderen Worten – eine erste Steigerung der quantitativen wie qualitativen Produktivität der menschlichen Arbeit. Allerdings war es lange Zeit nur eine kleine Minderheit der in den Städten und ihrer unmittelbaren Umgebung lebenden Menschen, die aus dem Verkauf ihrer Produkte höhere Einkommen erzielten und damit etwas wohlhabender wurden als die umfangreichere, restliche Gesellschaft.

Eine sehr viel stärkere Steigerung der menschlichen Produktivität und der daraus resultierenden Einkommen ermöglichte die sogenannte Industrielle Revolution. Sinkende Sterberaten führten seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunächst in Europa und in der Folge auch anderswo zu einem rascheren Wachstum der Bevölkerung und zur Entstehung von Großstädten mit mehreren 100.000 bis über eine Million Einwohner. Ihre steigende Nachfrage ließ es für potentielle Unternehmer lohnend erscheinen, zur Erzielung höherer Stückzahlen die traditionelle Handarbeit durch Maschinen sowie die menschliche und tierische Energie durch leblose und effizientere Energieträger wie Kohle, Erdöl und Strom zu ersetzen. Die Produktivität der damit arbeitenden Menschen erhöhte sich um ein Vielfaches – bereits um 1800 konnten mit einer Spinnmaschine etwa 100 mal so viel Baumwollgarne hergestellt werden wie mit dem traditionellen Spinnrad. Die Zahl der Automobile, die in der Bundesrepublik Deutschland pro Einwohner erzeugt wurden, wuchs – um ein weiteres Beispiel der gewaltigen Produktivitätssteigerung zu nennen – zwischen den 1950er und den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts in nur 30 Jahren um das Vierfache. Insgesamt stieg die jährliche wirtschaftliche Wertschöpfung pro Kopf der Bevölkerung in West-, Mittel- und Nordeuropa in den letzten 200 Jahren auf mehr als das Zwanzigfache an. Gewerkschaftliche Lohnkämpfe und staatliche Sozialpolitik sorgten dafür, dass langfristig nicht nur einige wenige, sondern im Laufe der Zeit immer mehr Menschen vom so viel größeren „Kuchen“ profitierten.

Allerdings fällt – um zur Eingangsthese von der entscheidenden Bedeutung der Industrie zurückzukommen – bei genauerem Hinsehen auf, dass es außerhalb der Industrie lediglich im Bergbau, im Verkehr und vor allem in der Landwirtschaft zu einem ähnlich starken Anstieg der Produktivität kam. In den meisten anderen Branchen, die mit über 70 Prozent inzwischen den größten Teil der Erwerbstätigen beschäftigen, fiel der Anstieg der Produktivität deutlich geringer aus. Zu ihnen zählen die vielfältigen privaten und öffentlichen Dienstleistungen wie das Gastgewerbe, der Handel, das Bank- und Versicherungswesen, die Verwaltung und die öffentliche Sicherheit, das Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen oder auch das Baugewerbe. Zwar konnten moderne Hilfsmittel wie Schreib- und Rechenmaschinen, Telefon, Computer oder leistungsstarke Baumaschinen auch in diesen Bereichen die menschliche Arbeit effizienter und produktiver gestalten, allerdings nicht annähernd im selben Ausmaß wie in der Industrie.

Wieso können dann die Beschäftigten dieser Branchen ähnlich hohe Einkommen erzielen wie die in der Industrie Beschäftigten, obwohl ihre eigene Produktivität weit weniger stark gestiegen ist? Vor allem deswegen, weil dank der bis heute steigenden, industriellen Wertschöpfung und der dadurch geschaffenen Kaufkraft immer mehr und immer teurere Dienstleistungen in Anspruch genommen werden können. Dies wiederum kommt den in den privaten wie öffentlichen Dienstleistungsberufen Beschäftigten in Form höherer Einkommen zugute. Sie werden wie die direkt in der Industrie erzielten Einkommen außer für den Erwerb weiterer Sachgüter in zunehmendem Maße für Dienstleistungen aller Art ausgegeben, unter anderem auch für Urlaubsreisen nach und in Tirol. Somit verdanken sowohl der Tourismus als auch die Beschäftigten in anderen privaten und öffentlichen Dienstleistungen ihre Einkommen und ihren Wohlstand in letzter Konsequenz der Industrie.

Geboren 1946 in Hohenems. Er studierte Geschichte und Anglistik an der Universität Innsbruck, wo er auch als Assistent, Dozent und seit 1993 als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte tätig war. Seit 2010 befindet er sich im Ruhestand.
>> Mehrere Forschungsaufenthalte im Ausland, u.a. an der Business School in Harvard, sowie Gastprofessuren in Salzburg, Brixen, Trient und New Orleans.
>> Forschungsschwerpunkte: Stadtgeschichte, Unternehmensgeschichte, Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung im österreichischen, europäischen und außereuropäischen Rahmen.
>> Publikationsauswahl: Mit der Großstadt aus der Armut. Industrialisierung im globalen Vergleich, Innsbruck 2015; Unter den Reichsten der Welt - Verdienst oder Zufall? Österreichs Wirtschaft vom Mittelalter bis heute, Innsbruck 2007; Die deutsche Wirtschaft im 16. Jahrhundert (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 11), München 1992; Big Business in Österreich. Österreichische Großunternehmen in Kurzdarstellungen, Wien 1987; Big Business in Österreich II. Wachstum und Eigentumsstruktur der österreichische Großunternehmen im 19. und 20. Jahrhundert. Analyse und Interpretation, Wien 1990.

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