(c) Walter Klier

Atmen im Freien

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Offenbar soll jetzt schon wieder (wie in diesem Frühjahr) der Mensch daran gehindert werden, an die frische Luft zu gehen und dort womöglich in Gruppen herumzusitzen. Unsere so fürsorgliche Stadtregierung hat sich anfang der Woche schon aufgepudelt über Menschenmassen auf den Almen und daß das jetzt nicht so weitergeht, sonst! Und auch auf der Inn-Ufer-Mauer sollen diese Studenten gefälligst nicht so in Rudeln herumsitzen und durch dieses ihr Sitzen öffentliches Ärgernis erregen.

Nun gut, es sollen ja alle nach Kräften mithelfen, daß unser totaler Krieg gegen das Virus in einem ganz hervorragenden Sieg, ja was denn, endet eben. Da bin ich voll dafür, um nicht zu sagen volle. Nur würde ich, da Anhänger evidenzbasierter Wissenschaft, gerne in Erfahrung bringen, wo sich denn die mörderischen Alm-Cluster und Ufermauern-Hotspots aufhalten, mir ist nämlich noch keiner über den Weg gelaufen. Kann mir da jemand Hinweise geben, wie man sich die heimtückische Ansteckung an einem Tisch im Freien auf einer Alm vorstellen soll? Ich war am Sonntag selber auf einer solchen, und außer mir waren sicher 20 oder 30 andere Leute dort. Ich habe sie mir alle sehr genau angeschaut, was sie tun und lassen, dort oben auf der Alm. Ich frage mich immer noch, worin hier allfällig ansteckendes Verhalten bestanden haben könnte. Vielleicht hilft mir jemand aus der verehrten Leserschaft weiter.

Im Grunde erscheint es mir auch herunten in der Stadt, selbst auf einer belebten Straße der Innenstadt, außerordentlich unwahrscheinlich, daß sich dortselbst Leute anstecken, die einfach nur in einer gewissen Entfernung aneinander vorbeigehen. Heute vormittag sah ich zwei Polizisten, die vermutlich Dienstanweisung haben, so – gewissermaßen doppelt kostümiert – die Straße entlangzumarschieren. Mir taten sie leid, und ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie sie mit dem Fetzen vorm Gesicht irgendwelche schwierigeren Amtshandlungen unternehmen müssen. Oder gar einem Dieb oder sonstwie gesuchten Übeltäter nachlaufen! Da wenigstens, so hoffe ich, dürfen sie das Ding dann ablegen, damit sie noch Luft kriegen. Oder würde selbst in einem solchen Fall der Kampfauftrag gegen das Virus vorrangig zu behandeln sein?

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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