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Über Flaggen und Fähnchen

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Die nun nach dem US-Wahlausgang verloren herumstehenden Trump-Anhänger müssen jeden Betrachter dauern, wie sie, die Stars and Stripes nun schlapp von den Schultern hängend, an den Kameras vorbeiblicken. Vor nicht allzu langer Zeit wurden diese Fahnen noch triumphal geschwenkt. Damals zeigte man stolz Flagge: Wir sind das Volk!  Man wundert sich nur, dass die andere Hälfte Amerikas nicht mit derselben Flaggendichte aufmarschiert ist. Auch jene sind schließlich Patrioten und besitzen sicher ein Sternenbanner. Jeder Amerikaner hat sowas.

Andernorts werden derweil Fahnen (außer die eigene natürlich) verbrannt, zerrissen und am Boden zertreten. Natürlich auf Befehl von oben und vor gezückten Kameras. Sicher gibt es staatliche Manufakturen, die mit der Herstellung dafür jeweils benötigter Fahnen ganzjährig beschäftigt sind. Wo sonst auch würden diese Menschen die Flaggen Amerikas oder Frankreichs hernehmen, wenn man sie ihnen nicht großzügig für den Protest zur Verfügung stellte?

Es werden ja überhaupt an vielen Orten dem Volk gerne Fahnen und Fähnchen zum medienwirksamen Schwingen und zur patriotischen Ertüchtigung gratis gestellt. In der Türkei zum Beispiel, scheint kein Auftritt Erdogans ohne solcherart ausstaffiertes Auditorium auszukommen. Wir sind das Volk! Und in Polen trugen Rechtsradikale gerade vergangene Woche beim „Unabhängigkeitsmarsch“ stolz Staatsfahnen durch die Straßen, zusammen mit Transparenten, auf welchen sie versprachen die Zivilisation zu retten: Fahne ist gleich Zivilisation.  Und auch hierzulande werden, speziell bei FPÖ-Veranstaltungen, immer gerne Fähnchen in der alkoholfahnengeschwängerten Luft geschwungen. Also, man sieht schon, wer sich als das recht(mäßig)e Volk versteht, der muss Flagge zeigen. Und ein Fähnchen kriegt man dafür immer ganz uneigennützig von irgendwem geschenkt.

Unsere österreichische Staatsflagge (die mit dem Bundesadler), das wissen nicht alle, ist sogar gesetzlich geschützt. Die nackte rot-weiß-rote Variante dagegen (ohne Adler) darf jedermann jederzeit hissen, sofern nicht der Anlass dazu „geeignet ist, eine öffentliche Berechtigung vorzutäuschen oder das Ansehen der Republik Österreich zu beeinträchtigen“ (§ 7 Wappengesetz). Aber das führt zur – leider nie gestellten — Frage, ob nicht der extensive Gebrauch der Flagge durch gewisse Herrschaften eben dieses Ansehen schädigt?

Und wie ist das mit dem Landeswappen?  Durfte denn die Tiroler FPÖ bei ihrem martialischen Wahlkampfauftakt die offizielle Tiroler Landesflagge mit sich führen? Immerhin war das, wenn auch als Ereignis geplant, noch lange kein repräsentatives Landesereignis. Und über die Frage, wie würdevoll der Auftritt war, ließe sich streiten. In Tirol sieht man den Schutz der offiziellen Insignien aber sowieso nicht so eng. Weil Tirol isch lei oans. Deshalb sind hier alle jederzeit das Volk. Der Tiroler Adler findet sich dementsprechend, obwohl laut einem OGH-Urteil nur „die WÜRDIGE (meine Hervorhebung) Verwendung des Landeswappens jedermann gestattet“ wäre, sowieso auf allem und jedem:  Es gibt ihn wahlweise in Holz geschnitzt, aufgestickt oder selbstklebend, in  Edelrost oder Stahl. Er wirbt als Aufnäher auf Shirts und Loden, für Fußball und Wirtschaftsrunden, klebt auf Autos aller Marken, ziert Wandbilder, Feuerzeuge und Flachmänner, Käsebretteln, Kissen und Vorhänge und ist sogar als Körper-Tattoo ebenso wie ganzflächig als Tapetenmuster erhältlich.

Na, wenn das kein würdiger Gebrauch ist! Aufkleber gibt’s schon ab zwei Euro. Und so kann hier jeder, egal ob aus Vorarlberg oder Afghanistan, mit wenig Aufwand Teil des Volkes werden. Ganz egalitär und von blöden Gesetzen unbehelligt.

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin, tätig in der Flüchtlingsbetreuung und im Gemeinderat Sistrans. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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