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Vor dem Winter 2

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Bei allem, was man tut oder nicht tut oder anders als sonst tut, sagt man jetzt „coronabedingt“. Obwohl alle, die ein bißchen etwas hermachen wollen, nicht „Corona“, sondern „Covid-19“ sagen (die Krankheit heißt Covid-19, Corona ist ja bloß die Familie oder Ordnung oder was immer, der das Virus angehört, du Dödel!), sagen dann, wenn sie etwas tun etc., „coronabedingt“ und nicht „covid-19-bedingt“. Und dabei sind es weder das Viruschen noch das Grippchen, die das Tun bedingen, sondern die Große Angst.

Wegen der Großen Angst also sind wir Mitte März verfrüht in unser Haus im Wald gezogen, und aus dem selben Grund sind wir nun auch hier geblieben. Normalerweise (oder „normal“, wie der Tiroler sagt) wohnen wir hier von Ostern bis Allerheiligen, und das war mehr oder weniger schon immer so, seit ich selber ein Kind war. So lang wie im heurigen Jahr bin ich noch nie, und ist auch sonst niemand aus der Familie je hier gewesen. Da die Kinder während all der Zeit nicht oft in der Schule waren, hält sich auch das Auf- und Abgefahre in Grenzen, und bis vor ein paar Tagen kamen wir in den Genuß eines tirolischen Bilderbuchherbstes. Ein alter Freund der Familie, der in Wien lebt und dort alle Jahre wieder unter dem Herbst- und anschließenden Winterhochnebel leidet, machte sich unter einem Vorwand los. Für einen Nachmittag stattete er uns in unserer Waldeinöde einen Besuch ab. Tags darauf schlug das Wetter um, und er kam in den Genuß von etwas ganz Seltenem: dichtem Hochnebel über Innsbruck. Er kämpfte sich am Nordkettenhang bergan, und immerhin gelang es ihm, etwa in Höhe der Höttinger Alm ins Reich der Sonne durchzustoßen. Für solches ist der Stephansdom dann doch zu niedrig.

Jedenfalls wird es hier im Wald jetzt richtig still. Wo es sonst auf dem Weg unterhalb unserer Wiese immer betriebsam zugeht, sieht man stundenlang – niemanden. Die Kinder haben ziemlich viel Unterricht, wenigstens das scheint besser zu funktionieren als im Frühjahr. Vom Briefträger abgesehen, der zwischen 9 und 10 am Vormittag aufkreuzt, treffen wir tatsächlich tagelang keinen Menschen. Bloß gestern kam überraschend Besuch. Es war gegen 6, also stockfinster. Ich saß beim Schreiben im oberen Stock, da ertönte die Klingel an der Haustür. Sie erklingt zu jeder Jahreszeit äußerst selten, denn meistens hört und sieht man allfällige Eindringlinge schon vorher und zeigt sich. Ich eilte hinunter (wer mag das sein?), und in der Finsternis sah ich zuerst ein ziemlich großes Lieferauto und dann erst einen ziemlich kleinen Mann, der unmittelbar vor mir stand und mir ein sehr kleines Paket in die Hand drückte. Ich versuchte die Adresse zu entziffern, er sagte bloß: „GLS.“ Dann sah ich erst, daß das große Lieferauto vom Schotterplatz, auf dem die Autos normalerweise stehenbleiben und umdrehen, weiter auf den Rasen direkt am Haus vorgedrungen war. Auf dem Auto stand in großen Lettern, was er gerade gesagt hatte, und darunter kleiner ein Name, den ich am ehesten für rumänisch halten würde.

Ich sagte, „Da bist du ein Stück zu weit gefahren, besser hättest du dort oben umgedreht.“

Er sagte nocheinmal „GLS“, dann stieg er ein.

Der Rasen liegt um einen halben Meter tiefer als der Schotterplatz, deshalb gibt es dazwischen ein sanftes Gefälle bzw. eine sanfte Steigung, die er nun mit seinem großen Auto in Angriff nehmen würde. Er wendete auf dem Rasen, dann blieb er in der kleinen Steigung hängen. Ich fuchtelte vor dem Seitenfenster herum und rief, „Hast du schlechte Reifen? Du mußt noch ein bißchen zurückfahren ins Ebene, dann geht es vielleicht.“ Dann ging ich ins Haus, um meine Frau zu holen, die oben an ihrem Schreibtisch gerade telefonierte, damit sie mir vielleicht mit dem Anschieben helfen würde. Währenddessen hörte ich das schwere Motorengeheul-und-Räderdurchdrehgeräusch, das darauf schließen ließ, daß „GLS“ jetzt das kleine Rasenstück mit seinen schlechten Reifen durchpflügte. Bis wir allerdings drei Minuten später unten vorm Haus im Finstern standen, hörten und sahen wir ihn nur noch unterhalb der Wiese durch den Wald davondüsen.

Man ist mit diesen Fahrern immer per du, was am Land ja unter allen Leuten üblich ist, aber es liegt auch daran, daß man nicht weiß, ob sie einen denn verstehen oder nicht, und kaum hat man es gesagt, kommt man sich wieder irgendwie rassistisch vor. Keine Ahnung, wie man sich in dieser Lage politisch korrekt verhält.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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