(c) Helmuth Schönauer

Bitte um einen Verbots-Duden

3 Minuten Lesedauer

Wer die Rechtschreibung wegschmeißt, schmeißt bald einmal danach die Wörter weg und am Schluss gar das Denken. 

Um die Jahrhundertwende wurde in den Ländern Deutschland, Österreich, Rumänien und Schweiz eine Rechtschreibreform durchgeführt, die einen barrierefreien Zugang zum Lesen und Schreiben ermöglichen sollte. 

Nach einem Vierteljahrhundert Diskussion vor allem um die Reisekosten, bei der die Experten sicher dreimal wegen natürlichen Abgangs aus dieser Welt ausgetauscht werden mussten, gab es schließlich für das neue Jahrhundert ein orthografisches  Kompendium, das beinahe alles ermöglichte. 

Die Alten verweigerten daraufhin das Richtig-Schreiben und sagten den Kids: „Machts, was ihr wollt!“
Und die Kids wechselten gleich auf die damals aufkommende SMS- und Display-Kultur und erfanden eine Art Bilderschrift, denn Emoticons sind nun wirklich barrierefreie Zeichen für die großen Gefühle der Vereinsamung. 

Wenn eh alles wurscht ist, kann ich auch die Sau herauslassen, wann immer ich will. – Aus dieser Haltung heraus hat sich diese Chat-Net-Blog-Kultur entwickelt, wo jeder voller Wut auf den anderen einschlägt. 

Allmählich setzt sich jetzt gegen diesen Wildwuchs ein Gesetzeswerk durch, das die Spielregeln der analogen Welt auf den digitalen Diskurs übertragen soll. Der Witz ist nur, dass viele nicht mehr wissen, wie man argumentiert, was persönliche Unversehrtheit ist und was der Angesprochene überhaupt mit den Sätzen tun soll, die ihm im Minutentakt zugestellt werden. 

Die Kunst spielt da wieder einmal eine Vorreiterrolle für die Kultur des Diskutierens und damit auch für die Demokratie überhaupt.
Längst gibt es Blog-freie Räume, wo etwas freiwillig gelesen werden kann, ohne dass es zu einer neurotischen Gegenäußerung kommen muss. Im sogenannten Blog-diskutierten Raum hilft man sich meist dadurch, dass diverse Themen einfach tabuisiert werden wie zur Hochblüte des Biedermeiers.
Die Tabus ändern sich zwar immer wieder, Dauerbrenner aber sind Migration, Klimaschutz, Virologie oder Gendern. Wem dennoch die Schreibhand ausrutscht, der wird sofort mit den zwei Keulen Rassismus und Hass erschlagen. 

Als Schriftsteller weiß ich, dass es immer Jahre dauert, bis das, was man als Literat schreibt, auch beim Publikum ankommt.
Für die nächsten Jahre, in denen meine Texte mit den Rassismus-Hass-Keulen niedergeschlagen werden, wünsche ich mir ganz schlicht einen Duden.
Einen, in dem nicht die Rechtschreibung geordnert wird, sondern einen, wo die verbotenen Wörter und Tabu-Moticons drin stehen. 

Die Gesellschaft würde angesichts eines solchen fetten Verbots-Dudens vermutlich entsetzt sein, was sie sich laufend verbietet. Keine Regierung der Welt bringt ein solch rigides Sprech- und Sprachsystem auf die Beine, wie wir es uns momentan selbst verordnen. 

Achtung: Dieser Text ist Literatur und kann nicht be-postet werden. Helmuth

Stichpunkt 20|42, geschrieben am 22/11/20

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

Weihnachten 2020

Nächster Text

"2020" - eine kleine Weihnachtsgeschichte

Aktuelles aus Kategorie

Rituale

Vor langer, langer Zeit machte ich mich einmal in einer Glosse über

Good To Be Back

In der Literatur feiern wir manchmal so etwas wie Sonnenschein ohne Sonne,