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Beschlagnahmt

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Wenn bei einer Wahl die abgegebenen Stimmen wieder einmal ein niedriges Niveau erreicht haben, stoßen die enttäuschten Wahl-Hingeher höheren Alters gerne den Satz aus: „Das Wahlrecht ist damals mit Blut erkämpft worden, wir sollten es nützen!“

Ähnliches gilt für die Freiheit der Literatur, die ebenfalls vielen Dichtern Verdruss gebracht hat, indem sie ständig mit Gerichtsverfahren eingedeckt wurden. Wenn es dabei auch nicht um den physischen Tod gegangen ist, so ist die Verachtung durch stromlinienförmige Zeitgenossen oft recht passabel ausgefallen.

Im Österreich der 1980er gab es einen großen Kulturkampf um die Freiheit der Kunst. Dieses vorerst papierene Recht musste Schritt für Schritt erkämpft, und Fall für Fall ausjudiziert werden.
Die Kämpfer von damals sind längst in Vergessenheit geraten, und nur der Tod, der keinen einzigen vergisst, holt diese Solitäre jetzt der Reihe nach heim und versöhnt sich mit ihnen. 

Einer von ihnen ist der Innsbrucker Autor Werner H. Otter (1944-2020).
„Am 25.11.2020 verstarb nach kurzer schwerer Krankheit unser Mitglied Dr. Werner H. Otter im 77. Lebensjahr.
Der gebürtige Wiener studierte Sozialwissenschaft an der Universität Wien und promovierte 1970; er war Schriftsteller, Journalist und Zeitungsredakteur in Innsbruck.
Seine Bücher Gnadenlos! Politik, Justiz und CV; ein Erlebnisbericht [Innsbruck: Ed. Dokumente der Ges. für Information und Medienvielfalt, 1987] und Die Rechtsbrecher. Die Justizmafia und ihre Methoden; ein Tatsachenbericht [Innsbruck: Otter 1988] wurden beschlagnahmt und brachten dem Autor Untersuchungshaft, sowie eine vorübergehende Einweisung in die Psychiatrie Hall.“ (Autorensolidarität 4/20) 

Was hier im Nachruf der IG Autor*innen so abgerundet heroisch klingt, war ein subtiler und nervenaufwändiger Kampf um das Ranking der diversen Freiheiten. Die Freiheit der Kunst konkurriert nämlich stets mit der Religionsfreiheit, dem Monopol des Staates auf die Sicherung seiner Hoheit, dem Recht auf Unversehrtheit der Person, dem Recht auf Datenschutz undsofort.
In jedem Einzelfall musste damals das Gericht entscheiden, welche Freiheit nun für eine gewisse Zeit die höchste ist.
Werner H. Otter hat für seine Auseinandersetzung die Satire in Gestalt des Tatsachenromans gewählt. Damit hatte er sich ordentliche Gegner zugelegt, nämlich öffentlich wirkende Protagonisten und die Justiz, die ja zumindest keine literarische Kritik verträgt.
Die Reaktion des Apparates fiel dementsprechend klar aus: Beschlagnahmt! Psychiatrie! 

In einem Interview hat Werner in seiner unvergesslich grandiosen Art den Fall als Peanuts für die Seele abgetan. „Mei“, meinte er, „die Bücher wären eh nicht gelesen worden, so haben sie wenigstens als Beschlagnahmungsobjekte einen gewissen Sinn.“ Und über den Aufenthalt in der Psychiatrie versuchte er alles klein zu halten: „Ich habe mit den Wärtern Karten gespielt und fünfzehn Kilo zugenommen!“ 

Der Gang der Literatur in Österreich ist mittlerweile ein angepasster geworden, die Literatur kann in jeder Formation mitmarschieren. Zum einen wird sehr viel Krimi produziert, wo  alles verbal niedergeschossen werden kann, ohne dass jemandem ein Schaden entsteht, außer dem eigenen Hirn. Zum anderen hat sich längst die sogenannte Hosenscheißer-Literatur durchgesetzt, wo alle vor Angst einmal zuerst die Hose vollmachen, damit später der Text möglichst unverbindlich und nichtssagend Anerkennung findet. 

Was früher das Gericht entschieden hat mit schweren Konsequenzen für die Autoren, machen heute die Leser in perfektem Stil. Ständig denunzieren sie Autoren und hängen ihnen diverse Punzierungen um, um sie verächtlich zu machen. Und in den Pausen der Denunzierung verlangen sie die Entfernung der Texte aus dem Netz. 

Für Autoren, die es noch mit dem argumentativen Schlachtfeld des Gerichtes zu tun hatten, ist es ernüchternd zu sehen, wie die sogenannten Leser jetzt die Freiheit der Kunst abschaffen. 

Achtung: Dieser Text ist Literatur und kann daher nicht be-postet werden.

STICHPUNKT 21|06, geschrieben am 11/01/21

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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