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Selbsternannte Päpste und andere

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Eines Sonntagmorgens im Jänner, kurz bevor wir uns aufmachten, einer heiligen Messe in den Katakomben der Stadt beizuwohnen (insgesamt 10 Teilnehmer, davon 6 im Altarraum und einer auf der Empore, der als einziger auch singen durfte), lief noch im Radio wie immer um diese Zeit diese geradezu unfaßbar inklusive Religionssendung. Dort hörte ich eine Wendung, die ich vorher noch nie gehört hatte: „Selbsternannte Propheten“. Da war der Tag, ansonsten trist und ohne Hoffnung auf Besserung der Lage, dann doch gerettet. Der Gipfel der Blödigkeit war erreicht. Wieder einmal, es würden ja an anderen Tagen wieder andere solche Gipfel auftauchen, sich über uns auftürmen.

Das Wörtchen „selbsternannt“ hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Karriere erlebt. Der es verwendet, hat vermutlich das Gefühl, den jeweils Gemeinten auf eine besonders elegante Weise zur Schnecke gemacht zu haben, unter dem Motto: Widerrede sinnlos, dieses Pickerl bleibt jetzt picken.

Als „selbsternannt“ werden zum Beispiel Experten enttarnt, die sich über etwas äußern, was nicht ganz genau in ihr Fachgebiet gehört, und sich demnach, in bezug auf dieses ihr Nicht-Fachgebiet, ad hoc selbst zum Experten ernannt haben. Also wehe, ein Epidemiologe vergreift sich meinungsmäßig an der Virologie oder umgekehrt, um zwei momentan besonders beliebte Fachgebiete zu nennen. Dann heißt es gleich „selbsternannt“ – und ab mit dem Selbsternannten in jene Scheißgasse, die an die Stelle des altmodischen Prangers getreten ist, also der Shitstorm, der im ungünstigen Fall bewirkt, daß man seine bürgerliche Existenz im Handumdrehen los ist.

In letzter Zeit wird das Wort in seinem Gebrauch mehr und mehr verallgemeinert. „Selbsternannt“ ist so ziemlich alles, was einem der vielen offiziellen und inoffiziellen Regierungssprecher nicht paßt. Ich habe kurz bei Onkel (oder Tante?) Google unter dem eingangs zitierten Begriff nachgeschaut, und nun doch noch staunen dürfen. Bei „selbsternannte Propheten“ findet man erstaunliche 87.300 Einträge. Ich hatte eigentlich gedacht, der Begriff sei selten, weil in sich unsinnig, da es ja für die Ernennung von Propheten selbst im Alten Testament keine Propheten-Ernennungs-und-Evaluierungs-Kommission (PEEK) gab. So viel ich weiß, waren Propheten zu keiner Zeit gern gesehen und genossen, ähnlich wie eine Menge christlicher Heiliger, erst post festum eine Art von nachgetragenem Ansehen. Gott hatte sie zum Propheten bestimmt, was aber den Zeitgenossen nicht unmittelbar eingängig war. Dieser Umstand taucht in der Bibel unter dem Begriff des „falschen Propheten“ auf: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ Genauso wird es ja heute empfunden, wenn ein Selbsternannter sich zu was auch immer äußert, wozu er keine staatlich beglaubigte Lizenz hat. Zwar ist Wissenschaft bekanntermaßen etwas anderes als Religion, doch wird sie im Anwendungsfall gern in religiösen Kategorien und Formen abgehandelt. In ihrem Bereich hat man mit der Universität eine offizielle PEEK geschaffen, was bei Fächern wie der Klimakunde, die sich erklärtermaßen mit der Zukunft beschäftigen, oft geradezu tragikomisch wirkt.

Auch in unserer modernen, gottlosen Zeit sind die selbsternannten Propheten häufiger, als man denkt. Der Online-Ausgabe der „Zeit“ gelingt im Oktober 2020 eine tolle Schlagzeile: „Selbsternannter Prophet noch in Polizeigewahrsam.“ In der Ortschaft Goch am Niederrhein hatte man nicht nur einen im engeren Wortsinn selbsternannten Propheten inklusive Glaubensgemeinschaft aufgespürt, sondern auch einen zugehörigen Straftatbestand. „Eine 25-Jährige soll dort gegen ihren Willen festgehalten worden sein.“ Das wäre aber, wäre es denn wahr, auch dann verboten, wenn es sich um einen richtigen, also PEEK-approbierten Propheten handelte. Oder machen nur selbsternannte Propheten solche schlimmen Sachen?

Lustiger sind Selbsternannte, die etwas sein möchten, was es gar nicht gibt, aber geben könnte, nur wären dann nicht sie es, sondern wer anderer:

„Der selbsternannte ‚König von Deutschland‘ ist frei … Peter Fitzek ist das Oberhaupt vom Königreich Deutschland, welches auch von ihm gegründet wurde. Er ist der wohl bekannteste Reichsbürger, denn er schafft es durch unzählige Gerichtsprozesse in die Schlagzeilen. Doch nun ist er wieder frei.“ (Pro7, 13.4.2018)

„Amtsgericht Hof: Der selbsternannte ‚König von Deutschland‘ … ist am Freitag vom Landgericht Hof wegen Fahrens ohne Führerschein zu einer Freiheitsstrafe von fünf Monaten verurteilt worden“ (Die Welt, 5.7.2019)

„Der selbsternannte ‚König von Deutschland‘ muss ins Gefängnis … hatte das Amtsgericht Wittenberg Fitzek wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in 27 Fällen in den Jahren 2014 bis 2016 sowie Beleidigung zu zwei Jahren und acht Monaten Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt“ (FAZ, 20.12.2019)

Um das ganze abzurunden, gab ich jetzt noch den Suchbegriff „selbsternannte Päpste“ ein, und siehe da: 34.400 Treffer! Es wimmelt geradezu. Allein für die jüngere Vergangenheit spricht Kathpress von „rund 20 selbst ernannten Päpsten“, und zwar anläßlich des Todes von Papst Gregor XVII., dem Oberhaupt der „Palmarianisch-katholischen Kirche“. Man lernt tatsächlich nie aus.

Und weil ich den Suchbegriff nicht unter die ausschließenden Anführungszeichen gesetzt habe, mischen Onkel und Tante Google mir zur Auflockerung noch ein paar andere dazu: einen selbsternannten Meisterfälscher, einen selbsternannten Interimspräsidenten (Juan Guaidó), eine selbsternannte vatikanische Geheimagentin, einen selbsternannten Hofnarren, einen selbsternannten Papstpilger (Johannes Paul II), selbsternannte Exorzisten, Romexperten, Staatskabarettisten, und, zum guten Schluß, noch einen selbsternannten „Pandemiemaßnahmen-Skeptiker“ (der Sänger Michael Wendler). Damit sind wir wieder beim Dauerthema. Eine gute Bekannte hat mir übrigens geraten, die Nachrichten gar nicht mehr zu hören, das sei der Gesundheit zuträglicher. Sie könne das von sich berichten, während ihr Mann (so wie ich) aus alter Gewohnheit immer noch zuhöre und dann anschließend ganz still und verbittert sei. Vielleicht werde ich ihrem Rat folgen. Meine Glosse wird sich dann, aktueller Anregungen beraubt, mit den wahrhaft wichtigen Dingen befassen; vielleicht werden wir uns so, zumindest geistig, aus dem Corona-Eck herausarbeiten.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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