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Digital aufs Amt

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Das Berückende an der Verwaltung ist dies: für uns Bürger wird ein Gang aufs Amt niemals Routine. Immer muß man auf eine kleine Überraschung gefaßt sein, irgendetwas wird nicht so sein, wie es all die Jahre war, ganz leicht kann es passieren, daß man als Depp dasteht wegen etwas, von dessen Existenz man bis vor zehn Sekunden nichts wußte …

Diesmal also die Anwohnerparkkarte, die jedes zweite Jahr fällig wird. Seit neuerem bekommt man ein E-Mail, damit man rechtzeitig dran denkt. Sehr aufmerksam das. Zugleich den Link zur Anmeldung, alles ganz modern, alles digital. Also frisch ans Werk, des Formular ausgefüllt!

Wie lange gibt es dieses Anwohnerparken denn schon? (Heißt natürlich AnwohnerInparken! Oder Innen, oder …) Man glaubt das Formular jedenfalls schon in- und auswendig zu kennen – aber dank Digitalisierung dürfen wir etwas Abwechslung genießen. Manche Felder lassen sich erst im zehnten Versuch anklicken. Warum, weiß ich auch nicht. Zuerst geht es nicht, irgendwann versuche ich mit dem Cursor den Rand zu treffen, wieder nichts. Dann aber geht es auf einmal. Und so munter über die drei oder vier Seiten, manche Felder müssen ausgefüllt werden, bei anderen wählt man per Klick, und dann ist Schluß, absenden!

Zum Absenden sei, wenn vorhanden, bitte die Bürgercard zu verwenden. Einen Moment bin ich ganz stolz: Ich weiß genau, wo das E-Mail mit dem Kennwort sich aufhält, aus dem die Bürgercard (wahrscheinlich heißt sie korrekt BürgerInnCard oder so) im wesentlichen besteht, finde es dort auch und kopiere das Kennwort an die verlangte Stelle.

Dann geschieht als nächstes: nichts. Das Kennwort geht nicht. Im Amt deswegen anzurufen, geht im Moment auch nicht, denn es ist sieben am Abend. Also vertage ich die Fortsetzung der Amtshandlung auf den nächsten Tag. Das ist auch so ein Vorteil des digitalen Zeugs: Wenn es einem zu sehr auf den Keks geht, steht man auf und macht anderntags weiter.

Tags darauf hatte ich die entsprechende Seite zugemacht, und als ich sie tags drauf wieder öffnen wollte, – war sie weg. Also alles noch einmal von vorn, und keine Müdigkeit oder allfälligen Weltverdruß vorschützen. Dann war ich – schneller als beim ersten Mal – auch wieder am Schluß, beim Bürgercard-Kennwort. Nun sah ich erst die andere Möglichkeit, das ganze nämlich ohne Bürgercard zu schicken, einfach so. Das ging, und es ging schnell. Schon war das Formular abgeschickt.

Als es weg war und demgemäß nicht mehr einsehbar, begann ich darüber nachzudenken, welche der drei Optionen ich am Schluß angekreuzt hatte. Ich kann sie leider hier nicht wörtlich zitieren, denn dafür müßte ich mich nochmals in diesem Formular bis zu der Stelle am Schluß durcharbeiten, wo man anklicken muß, wie man es haben möchte: erst mittels Erlagschein zahlen, dann Karte abholen, oder im Rathaus zahlen und dann dort die Karte holen und außerdem noch etwas ähnliches, jedenfalls etwas, was bisher die freundliche Dame beim Bürgerservice (oder Bürger-Inn-Service?) kurz erklärt hatte, die es mir sicher, wenn ich dann die neue Karte holen gehe, auch wieder erklären wird.

Aber wer weiß, was bis dahin noch geschieht bzw. was ich da, mit welchen dramatischen Folgen, wohl angeklickt oder nicht angeklickt habe …

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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