Photo by Tayla Kohler on Unsplash

Was Regenbogen-Zebrastreifen zum Ausdruck bringen

3 Minuten Lesedauer

Innsbruck hat einen. Kufstein neuerdings auch. Seither gibt es Diskussionen über den Regenbogen-Zebrastreifen. Wahlweise geht mit dessen Existenz Freude einher, dass dadurch der LGBTIQ-Community ein öffentlich gut sichtbares Zeichen gesetzt wird, trifft er auf völlige Ablehnung oder, gar nicht so selten, sorgt er für Jubel angesichts der optischen Bunter-Werdung des öffentlichen Raumes und Stadtbildes.

Dass es mit letzterer Position nicht getan ist, beweisen die Begleitveranstaltungen rund um die Zebrastreifen. Meist sind es Drag-Queens, die zur Einweihung ebenjener über ebenjene medienwirksam geschickt werden. Das ist nicht nur ein Zeichen der Diversität und der Toleranz, sondern auch schon gleichermaßen die Enthüllung der Agenda des dahinterstehenden theoretischen Überbaus.

Denn diese Auswahl ist kein Zufall. Drag-Queens sind biologische Männer, die mit Frauenkleidung und viel Schminke klassische Geschlechterrollen verwischen und zugleich ausweiten wollen. Ein schwuler oder auch heterosexueller Mann darf damit sehr wohl Gefallen daran finden, temporär in Frauenrollen zu schlüpfen und im gleichen Augenblick damit, mit der Überspitzung und Zuspitzung von Weiblichkeitszuschreibungen und -klischees, auf die kulturelle Konstruktion von Geschlechterrollen hinweisen.

Damit ist die theoretische Grundannahme benannt, die in letzter Konsequenz zu LGBTIQ-freundlichen Zebrastreifen führt. Geschlechterrollen sind, so die Annahme, konstruiert, verhandelbar und sogar in dem Moment erst wirklich lebbar und auslebbar, in dem ihnen Raum und Sprache gegeben wird. Indem ich als Mann kulturellen Raum einfordere, auch Frauenkleider tragen zu dürfen und darüber einen Diskurs eröffne und öffentlich sichtbare Symbolik etabliere, bin ich Teil der Erschaffung von neuen Geschlechterrollen-Möglichkeitsträumen.

Dem zugrunde liegt eine Unruhe und Skepsis eindeutigen Begriffen und Kategorien gegenüber. Die Gender-Theorie im Hintergrund, gespeist von postmodernem Denken, ist überzeugt, dass Sprache Realität schafft und erschafft und somit auch die sprachenverwandte Symbolik eines Regenbogen-Zebrastreifens Identitäts- und Identifikationsmöglichkeiten hervorbringt. Damit ist er weit mehr als nur ein Solidaritäts-Zeichen, das im Pride-Monat womöglich besonders viel Aufmerksamkeit bekommt. Er ist ein Mosaikstein in einer gesamtgesellschaftlichen Bemühung.

Es geht also letzten Endes nicht nur darum, ein Zeichen der Toleranz zu setzen, sondern theoretische Annahmen Schritt für Schritt in der Praxis des tagtäglichen Denkens und Handels zu verankern. Der Regenbogen-Zebrastreifen ist nicht nur Stadtverschönerung, sondern eigentlich handfeste Agitation auf der von postmodernen Denkbewegungen so geschätzten Symbol- und Zeichen-Ebene.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Vorheriger Text

Neues vom Tourismus

Nächster Text

Amt und Internet

Aktuelles aus Kategorie

Alpenscheiße

Obwohl wir manche Wörter wie selbstverständlich jeden Tag in den Mund oder

Schräger Diskurs

Ursula Beilers Text „Grüß Göttin!“, seit einiger Zeit am Kreisverkehr zur Ausfahrt

Mauskauf

(Kaufhaus West, aber dennoch lautet die Zeitangabe 09:00 MEZ)