(c) Helmuth Schönauer

Frösteln machen

3 Minuten Lesedauer

An manchen Tagen hast du alles richtig gemacht, die Körperbedürfnisse gestillt, mit dem nächstbesten Kind gespielt oder einen Hund ausgeführt, Sport betrieben und den Mull ausgetragen, und dennoch wird der Tag umso leerer, je näher es in Richtung Dämmerung geht. 

Da sagt jemand auf dem Weg zum Mullhaus: Mir fehlt die Kultur, aber ich weiß nicht welche. 

Da erinnerst du dich, dass es ja Ö1 gibt. Diesen Sender nennt man auch Kultursender, weil darin keine Werbung vorkommt. Merke: Das Gegenteil von Werbung ist Kultur!

Auf Ö1 geht es nach 17 Uhr meist recht elegisch zu. Berühmt sind empfindsame Satzelemente wie „frösteln machen“. Der Moderator legt gleich los:„In der Bucht von San Francisco wird 1969 ein Song aufgenommen, der heute noch frösteln macht.“ 

Tatsächlich löst diese Einleitung zu einem Gitarrenstück mit etwas dünnem Gesang gleich heftige Erinnerungen aus. 

– Um diese Zeit (1969 also) habe ich an einer Sandbank des Obernberger Bachs hockend Bob Dylan gehört. Er macht mich auch heute noch frösteln.

– 1972 bestand ich die Führerscheinprüfung und hatte anschließend einen Kaltstart mit einem Opel Kadett. Das macht mich heute noch frösteln.

– 1974 habe ich eine kalte Analyse zu Thomas Bernhards Frost geschrieben. Das macht mich heute noch frösteln. 

(Der Kunstgriff meiner coolen Arbeit bestand darin, dass ich die Bilderwelt des Medizinstudenten mit jener eines Germanistikstudenten ersetzte, was die Sache wirklich kalt und fröstelnd machte.) 

Nach ein paar Minuten ist der Song auf Ö1 zu Ende, und ehe mir der Moderator weitere vor Sinn zitternde Sätze ans Gehör weiterreicht, breche ich den Ö1-Besuch ab. 

Und siehe, ich habe ein Glücksgefühl, der Tag ist plötzlich voll und rund, sodass ich vor 18 Uhr schon daran denke, zu Bett zu gehen, wie es in den Altersheimen des Landes üblich ist. 

Kultur bringt es wirklich! – Dabei ist sie so billig zu haben, man muss nur die Werbung für ein paar Minuten ausblenden, für echte Kultur braucht es nämlich nicht einmal Künstler. 

Ehe ich mir wieder einen pandemischen Stream mit einem depressiven Dichter auf den Bildschirm lade, schalte ich auf Ö1 und warte auf einen Satz, der mich frösteln macht.


STICHPUNKT 22|03, geschrieben am 05.01.2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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