(c) Helmuth Schönauer

Kekspolster

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Im Februar werden denkende Menschen in Tirol immer ganz aufgeregt.
Sie stellen sich, –wie andere zu Silvester gute Vorsätze fassen –, am ominösen Hofer-Day die drei Fragen:

1. Wird die Exekution Hofers auch heuer wieder gefeiert? 

2. Gibt es auch heuer wieder Keks für Personen, denen die Hinrichtung Hofers ein besonderes Anliegen ist?

3. Und welche Ausrede werden die Keksträger aus dem Mund fallen lassen, warum sie unbedingt das Keks annehmen, trotz großer Skepsis? 

Wie das Amen im Gebet kommt es dann am 20. Februar zur Keksübergabe an verdiente Persönlichkeiten aus Nord-, Ost- und Südtirol.Einzige Überraschung: Einer der beiden Landeshauptmänner muss wegen der Seuche im Homeoffice bleiben und die Kekse remote übergeben.Der analog anwesende Rest-Hauptmann hat alle Hände voll zu tun, die Keks in gebotenem Abstand an die Fern-Brüste der Männer und Frauen zu heften, die tapfer in der Innsbrucker Hofburg aufgestellt sind.Ausnahmsweise stechen sie sich vor der Kamera selbst die Nadel in die Brust, damit es zu keiner Infektion durch die öffentliche Hand kommt. 

Die alte Forderung nach einem eigenen Hauptmann für Osttirol kommt wieder zur Sprache, denn jemand bringt es auf den Punkt: Wenn auch noch der gesunde Hauptmann krank geworden wäre, stünden wir jetzt leer da mit unseren Schatullen! 

Unter den Südtiroler Vertreterinnen stechen alphabetisch Lilli Gruber, Reinhold Messner und Joseph Zoderer hervor. Alle drei haben indirekt mit Journalismus zu tun und erzählen somit ständig Geschichten, die zusammen das gewünschte Südtirol-Bild ergeben.Reinhold Messner sagt ziemlich abgeklärt, dass er von Keks nichts halte, er es aber ausnahmsweise annehme, weil sie alle drei eine Art liberales Südtirol repräsentieren. 

Leider wird seine kluge Erklärung von den Vertretern aus Nordtirol konterkariert. Ein ehemaliger Caritas-Man, eine Hospiz-Frau in Ruhe und ein Bischof in Defensive wegen eines Sex-übergriffigen Messners stellen so das ziemliche Gegenteil der in Südtirol evozierten Gedankenfreiheit dar.

Bei Keksen gilt generell, dass das einzelne zwar für den Augenblick eine Auszeichnung sein kann, wenn man es aber in den Kontext der Geschichte setzt, so werden schon seit Jahrhunderten immer die Anpassler und Nachhinker ausgezeichnet.

Bis zur endgültigen Abschaffung des Kekskultes sollte man daher nur mehr Kekspolster verteilen, wie sie bei Begräbnissen den Verstorbenen nachgetragen werden.
Die Kekspolster sollten die Größe eines Briefes haben, damit man sie über die Postfächer allen Haushalten zustellen kann wie jetzt den Energiegutschein.
Ein Kekspolster wäre auch nachhaltig, denn man kann ihn für alle Orden als Unterlage verwenden, wenn man beim Hofer-Day wieder einmal unter die Ausgezeichneten fallen sollte.

STICHPUNKT 22|21, geschrieben am 24.02. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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