(c) Helmuth Schönauer

Der Morgenmoderator (6)

4 Minuten Lesedauer

Du wachst in der Früh auf, und die Welt ist eine andere geworden. Der Blutdruck arbeitet sich am Alptraum ab, der nicht und nicht aus den Adern geht. 

Jemand hat dir zum Einschlafen gestern erzählt, dass er das nächtliche Festgeläut am Stephansdom für eine Kriegswarnung gehalten hat. Die Sirenen sind schon bombardiert, nur die Glocken läuten noch, ehe sie abgenommen und zu Kugeln umgeschmolzen werden. Oder war es letzte Woche?

Der Alptraum zieht sich schon über Monate dahin. Der pensionierte Morgenmoderator ist überfordert, sich auch nur auszumalen, wie er diese äffisch-lustigen Morgensendungen jetzt moderieren müsste.

Der Morgenmoderator ist der erste im Land, der auf diese Veränderung reagieren muss. Nicht nur am Tag der Kriegserklärung, ab jetzt gilt es Tag für Tag eine Klangfarbe über die Sendung zu legen, die niemand je trainiert hat. 

Afta Grins denkt mit Entsetzen daran, wie läppisch infantil die Ausbildung gewesen ist. „Spielts a weng am Musi und seids happy und sagts den Leit, dass sie heit schifoahrn gian solln.“

Ganz früher hat man noch in Mundart moderiert, weil man selbst nicht in einer verständlichen Gemeinsprache reden konnte. Aber in Mundart kannst du nicht gendern, du kannst nicht Weiberleitinnen sagen, also musst du raus aus der Mundart. Und in der Katastrophe werden ohnehin keine ganzen Sätze mehr verwendet, also kannst du auf Deutsch stammeln, bis du zu deinem ersten englischen Song kommst. 

Die Musik in der Morgensendung „Leck Tirol“ hat naturgemäß Einfluss auf die Tageseinfärbung der Psychen. Bei einer Kriegserklärung etwa musst du diesen Dreischritt beibehalten: „No-milk-today“, etwas später dann „Heast-es-net“ von Hubert von Goisern und kurz vor dem Wetter „Schifoarn“, auch wenn Sommer ist, immerhin haben die Gletscher offen. 

Machst du das nicht, werden die Tiroler orientierungslos und gehen auf das nächste Maul los, das gerade offen ist, und das bist du als Morgenmoderator, der die Aggressionen so lange aushalten muss, bis später endlich der Landeshauptmann seines aufmacht. 

Aber da ist es schon zu spät. Die Depression liegt schon über den Tirolern, sie fühlen sich vielleicht sogar außerstande, schifahren zu gehen und alles abzuwedeln, was den Kontinent bedrückt.

Jetzt ist die Sendung schon am Laufen, der Ex-Morgenmoderator quält sich aus dem Bett und versucht zu schiffen, er würgt seinen Tee hinunter und nimmt die letzte Blutdrucktablette.  

Ich muss was horten! Und wenn es nur Blutdrucktabletten sind. Ich muss mich beruhigen, ich muss was horten. 

Wie lange dauert es heute, bis die erste schlechte Nachricht kommt? Kann sie der Morgenmoderator hinauszögern? Wodurch unterscheiden sich Morgen- und Abendmoderator? 

Verlässlich kommt schon wieder eine Schalte nach Südtirol, wo ein Jammerer aus der Wirtschaft Maul und Hand aufhält. Ein Schüttelbrotproduzent jammert heute, dass das Schütteln mit der Hand schon wieder teurer geworden ist. Bald wird der Konsument nicht mehr mit den Preisen mitgehen.

Afta Grins macht den Radio aus, ein Möbel-Spot hat ihm den Rest gegeben. Wie kann man Möbel kaufen sollen, wenn es keine Wohnungen gibt? Es ist nicht nur Krieg, es läuft auch alles falsch. 

Für heute muss es genügen, dass er die Laufschuhe hervorholt. Morgen wird er sehen. Und übermorgen vielleicht läuft er den Nachrichten davon, ehe ihn dann die Front einholt, die am Rande des Flughafens mit Sandsäcken aufgebaut wird.

STICHPUNKT 22|29, geschrieben am 24.03. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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