(c) Helmuth Schönauer

Alpenpflaster

4 Minuten Lesedauer

In loser Folge stellt das Alpenfeuilleton Ereignisse, Schicksale oder Gegenstände vor, die das Zauberwort „Alpen“ genetisch in sich tragen.

Jeder Weg ist mit harten und weichen Sachen gepflastert. Das härteste Programm freilich mündet schließlich in einem Western, der von Dummys als Leichen gepflastert ist.

Da fast alle Aktionen in den Alpen auf einen Western hinauslaufen, ist es kein Wunder, dass es Alpenpflaster gibt, um die Härte des Lebenswegs erträglich zu machen mit stabilisierenden Maßnahmen.

Beim Alpenpflaster handelt es sich im ursprünglichen Sinn um Granitsteine, aus denen man früher das Pflaster für die Transitstraßen zusammengeposselt hat. Seit die Straßen nicht mehr gepflastert werden, weil sich mit Asphalt der Kipppunkt des Klimas schneller erreichen lässt, ist plötzlich ein Wort samt Bedeutung frei geworden.

Das muss man sich vorstellen: In den Alpen, wo die Bevölkerung ins Unermessliche wächst und wo deren Sprache sich ins Dünne verzieht, in diesen Alpen wird plötzlich „Alpenpflaster“ frei!

Nicht lange freilich, denn so einen semantischen Leckerbissen lässt sich kein Startup entgehen, das irgendetwas am Kasten hat.

Und da ist es schon, das berühmte Startup „Alpenpflaster“, das den Alpenmenschen bringt, was sie brauchen.

Die drei wichtigsten Gebrauchsgegenstände der Gegenwart sind immer noch: Homepage, geiles Wording, plastifizierbares Foto aus dem 3-D-Drucker.

Wenn du diesen Dreischritt einhältst, bist du über Nacht erfolgreich! (Wenn auch vielleicht nur für eine Nacht.)

Alpenpflaster hat also durch die geschickte Fügung des Startups seine Konsistenz gewechselt. Aus dem harten Gestein für Befestigung ist ein Soft-Produkt voller Geschmeidigkeit geworden, der ideale Stoff für einen Heilbedarf.

Und das sind sie schon aufgezählt, die Pflastertypen. – Du kannst sie bei leichten Sportverletzungen ebenso verwenden wie bei zu schwerem Sitzen im Büro.

Denn mehr Anwendungsbereiche gibt es in den Alpen ja nicht, entweder du besteigst einen Berg oder einen Bürosessel. Beides ist gleich gefährlich und führt zu den erwünschten Sportverletzungen, die man sich gut behandeln lassen kann, wenn man privat- oder sportversichert ist.

Die beste Unterstützung bei der Heilung von Sport- oder Büroverletzungen bietet das Alpenpflaster!

Du kannst die Finger einzeln umwickeln damit, du kannst ganze Gliedmaßen tapen, den Kopf etwas getragener nach oben strecken, wenn du die Halsmuskeln straff überklebst, du kannst den Leistenbruch wegpicken und sogar die Ohrmuschel ankleben, wenn du Opfer eines dieser zahlreichen Wolfsrisse geworden bist.

Kurzum: Alpenpflaster verschönert das Leben, indem es Defekte sichtbar macht und gleichzeitig Heilung verspricht.

Wenn man früher vielleicht über den Hund oder das Wetter gesprochen hat, nachdem es zu einer Gesprächsanbahnung auf offenem Gehsteig gekommen war, so spricht man heute nur mehr über das Alpenpflaster, das man sichtbar am Oberarm oder gut versteckt neben den Genitalien trägt.

Manche verweisen auf die funktionale Nähe zu einem Tattoo, es ist letztlich nicht unbedingt notwendig, verschafft aber ein angenehmes Gefühl, zumindest wenn es mit klimafreundlichen Farbpigmenten unter die Haut gepixelt worden ist.

Die Orte, an denen man das Tattoo zeigt (Schlafzimmer, Sauna, Arzt oder Staatsschutz bei Wiederbetätigunsinsignien), diese sind auch für das Zeigen der Alpenpflaster bestens geeignet.

Nichts geht freilich über das Zeigen von Alpenpflastern in sitzender Haltung, ob am Bike oder am Bürosessel: das leicht angespannte Fleisch am Oberschenkel lässt das Alpenpflaster bestens wirken. Das Wohlbefinden entsteht durch Hinschauen auf das Pflaster, nicht durch Herumtragen desselben.

Abschließend noch die wichtigsten Tragemöglichkeiten, untereinander gelesen ergeben sie ein Alpenpflastergedicht:

KINN – SCHULTER – ELLBOGEN – KNIE – FINGERZWISCHENRAUM – FINGERKUPPE – FINGERGELENK

STICHPUNKT 22|53, geschrieben am 14.06. 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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