(c) Helmuth Schönauer

Pointen

3 Minuten Lesedauer

Jetzt muss es aber schnell gehen, der Sommer war ziemlich sinnlos und im Herbst jetzt werden die Tage kürzer.

Wir haben nicht mehr die Zeit, das alles herauszujammern, was sich im Kopf zusammengedreht hat. Wir müssen uns auf das wichtigste beschränken, bei Witzen erzählen wir nur mehr die Pointen, bei Krimis nur mehr die Plots und in der Lyrik jeweils die eine Zeile, auf die es drauf ankommt.

Viele machen jetzt im Herbst den Fehler, dass sie ungekürzt in die kürzer werdenden Tage schreiten.
Und dann wundern sie sich, wenn sie geistig erst beim Mittag sind, aber die Dämmerung schon über die Schultern zieht und sich im Darm des Denkens niederlässt.

Wer gekürzt auftreten will, muss die Kürzungen lernen wie Lesen und Schreiben.

Beginnen wir also mit einer leichten Übung.

Kürzen Sie jeweils drei Witze, Krimis und Gedichte und markieren Sie das Geübte am Handy, bevor sie außer Haus gehen.

Sie werden sehen, dass Sie gut ankommen, wenn Sie dem Erstbesten die Pointe ohne Witz vom Handy heruntererzählen.

– Sagt der andere, das ist aber schade!
– Aha, Tagga heißt das Tier!
– Sorry, ich bin vegan!

Ähnliches gilt für Krimis, jeder will einen lesen, aber niemand hat die Zeit dafür. 
Dennoch sollten Sie drei Krimi-Plots am Handy haben, die Sie jederzeit abrufen können, um damit zu punkten. 

Beginnen Sie mit etwas Leichtem, mit einem Osttiroler Krimi oder dem Krimi eines Osttirolers.

– Einem Ziegenbock werden in Osttirol die Eier abgeschnitten.
– Am einzigen Osttiroler Kreisverkehr liegt eine Leiche.
– Vor einem Osttiroler Haus schimmern die eingetrockneten Krusten einer Blutlache.

Und zum Abschluss der ersten Übung ein bisschen was Locker-Schweres:
Um es mit Rilke zu sagen: Wer im Sommer kein Gedicht gelesen hat, liest im Herbst auch keines mehr.

Schreiben Sie sich also drei lyrische Fügungen auf das Handy und tragen Sie diese dem Nächstbesten vor.

Die Fügungen sind etwas vom Feinsten, was dieser Sommer hervorgebracht hat:

Jürgen Becker: Gesammelte Gedichte 2022:

– „Wie lang ist es her, dass / der Postbote zweimal am Tag kam, dass der Milchmann / und sein uralter Ford von Straße zu Straße / durchs ewige Leben fuhr.“ (484)
– „Morgens legen wir / die Zeitung weg und steuern den Jeep durch eine Schlucht.“ (596)
– „Offen steht die Terrassentür, man schaut / hinaus in den Regen.“ (857)

STICHPUNKT 22|66, geschrieben am 18. August 2022

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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