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Wir haften für unsere Geschichte …

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…ob es uns passt oder nicht.

Neben all den Kränkungen, welche die von der Politik vorgenommene Umreihung für Jury und Erst- wie Zweitgereihte im Wettbewerb um die künstlerische Intervention zur NS-Geschichte des Tiroler Landhauses mit sich brachte, ein Gutes hatte die unglückselige politische Einmischung immerhin. Nein eigentlich zwei.

Erstens wurde deutlich, was passiert, wenn Politiker*innen intransparent, sachlich unbegründet und hochherrschaftlich eine demokratische Entscheidungsfindung übergehen und sie damit als pure Fassade demaskieren. Vielleicht führt das endlich zu einem ernsthafteren Nachdenken über die unerlässliche Verbindung zwischen Demokratie und Transparenz, die sich in Österreich, in Tirol, in der ÖVP offenbar noch nicht herumgesprochen hat.

Und zweitens hat der bei Politikern so unbeliebte Satz „Wir haften für unsere Geschichte“ damit eine Aufmerksamkeit bekommen, die weit über den Landhausplatz hinausreicht. In Gesprächen wird jetzt darüber diskutiert. Natürlich wird die Aussage zuerst, typisch österreichisch, reflexartig abgelehnt: Was können denn wir dafür, was unsere Väter und Großväter, gar Urgroßväter verbrochen haben? Müssen wir für alles haften, was irgendwann irgendwer irgendwem angetan hat? Heißt Haftung womöglich gar: Bezahlen? Heißt es: Verantworten? Nein! Oh nein!

Aber wenn man dann ein wenig über den Landhausplatz hinausdenkt und sich an die Verlegenheiten erinnert, welchen die Generation der Nachgeborenen noch vor wenigen Jahrzehnten bei jeder Auslandsreise ausgesetzt war, sei es in Frankreich, Polen oder Israel … Man sprach, so erinnere ich mich, in manchen Ländern in der Öffentlichkeit tunlichst nicht Deutsch, um den scheelen Blicken, dem Abrücken, dem ständigen Sich-erklären-Müssen zu entgehen.

Und man denkt plötzlich an die russischen Freunde, zu denen der Kontakt seit dem Frühjahr abgebrochen ist. Wird man noch einmal miteinander reden können? Wie wird es ihnen nach dem Ukrainekrieg ergehen? Egal, ob sie jetzt überzeugte Mittäter oder ängstliche Mitläufer oder stumme Oppositionelle sind: Sie und ihre Kinder werden sich überall, wo sie später einmal hinkommen, rechtfertigen müssen. Und hat man nicht gelesen, dass die Traumata der Vorfahren sogar nach mehreren Generationen noch neurologisch nachweisbar sind? So lange also werden Angst und Hass und Misstrauen allem Russischen entgegenschlagen, auch wenn dieser Krieg längst vorbei sein wird.

Das also macht Krieg, macht Grausamkeit mit den Kindern: Sie haften für die Taten der Väter, auch wenn sie daran keinen Anteil hatten. So haftet die Geschichte an jedem von uns wie eine Klette. Aber ergibt sich damit nicht, über Generationen gerechnet, zumindest ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit?

Geboren 1954 in Lustenau. Studium der Anglistik und Germanistik in Innsbruck Innsbruck. Lebt in Sistrans. Inzwischen pensionierte Erwachsenenbildnerin. Tätig in der Flüchtlingsbetreuung. Mitglied bei der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Tirol, der IG Autorinnen Autoren Tirol und beim Vorarlberger AutorInnenverband. Bisher 13 Buchveröffentlichungen.

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