Ein persönliches Stadtteilportrait

12 Minuten Lesedauer

Text von Martin Kolozs


Ich meine, einen Stadtteil zu beschrieben, den man mag, ja, von Herzen sogar lieb hat, ist wie durch die eigene Wohnung zu führen.
Beides ist Lebensraum, in dem man sich bewegt und gerne aufhält, wo man seine Erfahrungen macht und den Schatz der Erinnerungen bewahrt.
Es ist Heimat im besten Sinne des Wortes, und schon der römische Dichter Marcus Pacuvius hat im zweiten Jahrhundert vor Christus gesagt: „Ubi bene, ibi patria – Wo es dir gut geht, dort ist Heimat.“
Und in Mühlau, dem ersten der fünf „MARTHA Dörfer“ (Mühlau, Arzl, Rum, Thaur, Absam), ist es mir immer gut gegangen, habe ich mich stets wohl gefühlt, war ich, und bin ich bis heute, vollkommen heimisch.
Ja, denn obwohl ich in Graz (Stmk.) geboren wurde, in der Altstadt von Innsbruck aufwuchs, in Schwaz das Gymnasium besuchte und mittlerweile in Wien lebe, empfinde ich Mühlau, wo ich in Summe beinahe zwölf Jahre meines Erwachsenenlebens verbracht habe, als meine eigentliche Heimat.
Es ist der einzige Ort, wohin es mich jedes Mal zieht, wenn ich nach Innsbruck zurückkomme, und den ich fast täglich schmerzlich vermisse, wenn mich meine Wege (für kurze oder lange Zeit) hinaus aus Tirol führen.
Dabei fällt mir ein weiteres und wohl auch passendes Sprichwort ein, dessen Urheber uns zwar nicht bekannt, aber welcher umso mehr im Recht ist, wenn er feststellt: „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben!“
Und an Mühlau, so will ich gestehen, hängt mein Lebensfaden, wie auch mein Herz daran hängt.
Das mag zwar recht schmalzig klingen, aber es ist nun einmal die Wahrheit. Und wenn ich dann und wann in die Tiroler Landeshauptstadt komme, gehe ich stets denselben Weg durch diesen, meinen allerliebsten Stadtteil von Innsbruck, mache ich folgenden Spaziergang durch Mühlau, der mich erinnert und fröhlich macht:

Das Badhaus - ein architektonisches Juwel. (c) Dietrich Feil
Das Badhaus – ein architektonisches Juwel. (c) Dietrich Feil

Über die Mühlauer-Brücke quere ich von der Innenstadt kommend, auf Höhe der ehemaligen „Hungerburg-Talstation“, den grünen Inn und kann auf halber Strecke schon das denkmalgeschützte, in hellem Ocker weithin leuchtende  „Badhaus“ sehen, welches etwas erhöht über dem Niveau der Anton-Rauch-Straße steht, und mit seinem länglichen Satteldach, dem großen, kunstvoll geschnitzten Holzbalkon und dem schlanken Türmchen in der Mitte des Giebels wie der stumme Zeuge einer längst vergangenen Epoche wirkt.
Von hier aus steige ich den steilen Joseph-Georg-Oberkofler-Weg hinauf, bis ich zur Kreuzung Holzgasse/Josef-Schraffl-Straße komme, wo eine eher unscheinbare, aber im Innenraum schön gestaltete Lourdes-Kapelle steht, die für jeden Besucher zugänglich ist, und welche vor allem an heißen Sommertagen erfrischende Kühle spendet.
Folgte ich von hieraus nun der Straße nach links, käme ich nach ungefähr einer Viertelstunde zum „Alpenzoo“ (von dort hört man an manchen Tagen, wenn der Wind günstig steht, die Wölfe heulen). Aber ich wende mich lieber nach rechts und nehme nach ein paar Schritten einem kleinen, links abstechenden Steig, der mich, unter einer einfachen Fußgängerbrücke hindurchführend, auf den Schillerweg und somit am schnellsten in den Wald bringt.
Entlang dieser bei Spaziergängern und Läufern sehr beliebten Strecke hat man einen herrlichen Ausblick über die ganze Landeshauptstadt, und sieht beiderseitig weit ins Inntal hinein, während sich hinter einem die schönste Natur und ihr schwerer Duft entfalten, die in einem harmonischen Zusammenspiel von Farben, Geräuschen und vielfältigen olfaktorischen Sinneseindrücken den Kopf, das Herz und vor allem die Seele voll des Staunens und der Bewunderung machen.
Ich wandere weiter in Richtung Osten und trete beim Mühlauer Trinkwasserkraftwerk, das 1953 eröffnet wurde und seinerzeit das größte seiner Art war, ins Freie. Ab hier ist die Straße wieder asphaltiert und bewohnt; alte Häuser wechseln sich mit mehr oder minder geschmackvollen Neubauten ab.
Das Kloster Karmel St. Josef  in Innsbruck/Mühlau
Das Kloster Karmel St. Josef in Innsbruck/Mühlau. (c) F.K.

Das wohl auffallendste Gebäude dieser Orts ist aber der imposante, jedoch im Grunde recht schlicht ausgeführte „Karmel St. Josef und St. Teresa“, in welchem die ansässigen Nonnen ein Leben in frommer Kontemplation führen, während sie die Hauptgrundlage ihres Lebensunterhalts mit der Herstellung von Hostien in der eigenen Bäckerei bestreiten. (Persönlich empfehle ich jedem den Besuch der Heiligen Messe in der Klosterkirche, zusammen mit den Ordensschwestern, was vor allem frühmorgens bzw. in der höchstfeierlichen Oster- und Weihnachtszeit ein tief bewegendes Erlebnis ist.)
Ironischerweise liegen ganz in der Nähe des Konvents zum einen die „Teufelskanzel“, ein markanter Felsvorsprung in der Mühlauer Klamm und ein beliebter Aussichtspunkt, und zum anderen die so genannte „Schweinebrücke“, welche die Überquerung des Mühlauer Baches für den wenigen Autoverkehr und zu Fuß ermöglicht, und bei deren Erbauung (so heißt es in einer beliebten Ortslegende) der Teufel persönlich geholfen haben soll:
Nachdem der reißende „Wurmbach“ die eine um die andere Brücke zerstört hatte, war ein Fremder aufgetaucht, der im Tausch für den Bau eines festen Übergangs die erste unsterbliche Seele habe wollte, die überwechselte. Die Bevölkerung stimmte diesem Handel zwar zu, hatte aber bereits den Teufel in dem fremden Baumeister erkannt, weshalb sie gleich nach Fertigstellung der neuen Brücke ein Schwein hinüberjagte, das der Höllenfürst zähneknirschend annehmen musste, ehe er mit großem Gestank und Getöse wieder abwärts fuhr.
Der Scheibenbichl oberhalb von Mühlau, an der Grenze zu Arzl.(c) Universität Innsbruck
Der Scheibenbichl oberhalb von Mühlau, an der Grenze zu Arzl.(c) Universität Innsbruck

Über das direkt angrenzende „Fuchsloch“, das seit Mitte der Neunzigerjahre als Biotop und Naherholungsgebiet für die Innsbrucker Bevölkerung geführt wird (selbstverständlich unter Rücksichtnahme auf alle dort lebenden Tiere und unter besonderer Schonung der hiesigen Teiche, Weiher und Tümpeln, sowie aller Wald- und Wiesengebiete) gelange ich auf den „Scheibenbichl“, meinen Lieblingsplatz in Mühlau.
Dieser kleine Mugl an der Grenze zu Arzl hat seinen Namen vom früher hier verbreiteten Brauch des „Scheibenschlagens“. Dabei wurden brennende Hölzer zum Beginn des ersten österlichen Fastensonntags in die Abenddämmerung geschleudert und folgender (Zauber-)Spruch aufgesagt:

„Dia Scheiba, dia Scheiba,

dia will i iatz treiba,

Schmolz in dr Pfonna,

Kiachli in dr Wonna,

Pfluag in dr Eard,

dass dia Scheiba weit außi geat!“

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts ist der Brauch in Mühlau allerdings verboten und nur der Flurname „Scheibenbichl“ erinnert noch an diesen Heidenspaß.
Etwas unterhalb von hier liegt der neue Mühlauer Friedhof, ein echtes Postkartenmotiv. Seine niederen Mauern, der dichte Baumbestand und die knochenweiß getünchte Totenkapelle mit dem spitzen Glockenturm lassen Gefühle dunkelster Romantik aufkommen.
Friedhof-TirolWo sonst hätte Georg Trakl (1887-1914), wohl der bekannteste Dichter des deutschsprachigen, symbolistischen Expressionismus, seine letzte Ruhestätte finden können?! Sein einfaches Grab liegt direkt neben dem seines Förderers und Freundes, Ludwig von Ficker (1880-1967), dem Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Der Brenner“, und unweit anderer Persönlichkeiten, die hier in geheiligter Erde ihrer baldigen Auferstehung harren, u. a.: Anna Maria Achleitner (1909-1972), Carl Dallago (1869-1949), Hermann Graf Kayserling (1880-1946), Josef Leitgeb (1897-1952), Joseph Georg Oberkofler (1889-1962) und Ignaz Zangerle (1905-1987).
In Sichtweite und in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar thront die Mühlauer Pfarrkirche, wo es nach meiner Erfahrung am schönsten und anrührendsten ist, die Weihnachtsmette zu feiern.
Von hier heroben hat man einen einmaligen Blick auf den ganzen Ort, vor allem auf das „Mühlauer Platzl“.
Trakl-GrabAn dieser belebten Mehrwegekreuzung stehen ein massiver Brunnen, der an die Eingemeindung von Mühlau nach Innsbruck im Jahre 1938 erinnert, und der traditionsreiche Gasthof „Zum Koreth“, in dem es einmal ein Kino gegeben hat, wie verschiedene Quellen berichten.
Ab da folge ich der Anton-Rauch-Straße zurück zu meinem Ausgangspunkt. Zuvor komme ich jedoch noch an einem Wohnhaus vorbei, das für mich persönlich, aber auch ganz allgemein von Bedeutung ist: Nahe der ehemaligen Poststelle befindet sich nämlich das Geburtshaus des „Volksbischofs“ Reinhold Stecher (1921-2013), dessen Biographie ich unlängst schreiben durfte. Ebenfalls dort lebte die Familie der Malerin Gerhild Diesner, die dieses Jahr nicht nur ihren einhundertsten Geburtstag feiern würde, sondern deren Tod sich heuer auch zum zwanzigsten Mal jährt. Dem österreichischen Kunsthistoriker Gert Ammann zufolge, gehört ihr begehrteres Werk „zu den wichtigen Erscheinungen des Nachimpressionismus in Tirol […] Gauguin und Van Gogh, aber ebenso Henri Matisse waren ihre künstlerischen Orientierungen und Visionen. […] Zusammen mit Max Weiler, Helmut Rehm, Walter Honeder und Werner Scholz hat [Gerhild] Diesner die Malerei der Fünfzigerjahre in Tirol wesentlich mitbestimmt.“
Am Ende meines Rundgangs denke ich daran, was ich dieses Mal alles nicht gesehen oder besucht habe, etwa die Villa Ludwig von Fickers am Schlossfeldweg, wo sich der berühmte „Brenner-Kreis“ einst getroffen hat; den verwinkelten Ansitz Sternbach, das riesige Anwesen der alten Rauchmühle oder das kunsthistorisch recht interessante Kriegerdenkmal von Alphons Schnegg (1895-1932), der ebenfalls aus Mühlau stammte.
Dabei tröstet mich der Gedanke, dass ich wiederkommen werde (und vielleicht eines Tages für immer), weil die Heimat des Herzens wie ein Magnet ist, der einen anzieht und nicht wieder loslässt.

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