Akustik versus Elektronik – ein Abend mit dem Jakob Bro Trio

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München, 17. September 2015. Der FC-Bayern spielt gegen Olympiakos Piräus, ein laues Lüftchen hat die bayerische Hauptstadt überrascht – und der dänische Gitarrist Jakob Bro ist in der „Unterfahrt“ zu Gast. Keine gute Ausgangslage, denn die Münchner sind bekannt dafür, dass sie bei gutem Wetter sofort die Badelatschen und Bermudas anziehen, um sich in den Biergarten oder an die Isar zu setzen. Ganz zu schweigen von den Bayern Fans, die in den Sport Bars Platz nehmen, um ihren Verein gewinnen zu sehen.
Wer geht denn da in den Jazzkeller am Max-Weber-Platz, um unterirdisch Musik zu hören? Nun ja, immerhin ist es Jakob Bro, das ist nicht irgendwer. Der Mann hat sich in den letzten Jahren vom Geheimtipp zu einem ganz Großen in der New Yorker Jazzszene gemausert. 2009 kam sein Album „Balladeering“ auf den Markt, mit dem er den Durchbruch schaffte. Lee Konitz und Bill Frisell unterstützten ihn dabei, es entstand eine DVD mit dem Namen „Weightless“ und der Mann aus Kopenhagen hatte plötzlich einen vollen Tourkalender.

Die "Unterfahrt" in München von außen.
Die „Unterfahrt“ in München von außen (Bild: Veranstalter)

In diesem Jahr hat er seine erste Solo-CD bei ECM veröffentlicht, „Gefion“. Und mit der ist er nun heute in der „Unterfahrt“, Münchens beliebtestem Jazzclub. So richtig voll ist es nicht, aber für das „Unterfahrt“-Publikum ist es die ganz normale Besetzung. Ungefähr 80 Leute sind gekommen, davon viel Stammpublikum aus dem Verein, der den Club betreibt. Die Stimmung ist wie immer gut, hier kommt niemand her, um zu quatschen und vielleicht nebenbei ein bisschen Musik zu hören.
Die Leute hier wissen, was sie hören wollen – und deswegen gehen sie auch an einem Mittwochabend ins Konzert. Die Clubmitglieder erkennt man daran, dass sie meistens ältere Semester sind; aber auch Jüngere finden immer häufiger den Weg in die „Unterfahrt“, und auch die kommen dann genau wegen „ihrem“ Musiker. Also ist es mucksmäuschenstill, wenn Jakob Bro zur Gitarre greift. Er hat Joey Baron mitgebracht, der statt Jon Christensen am Schlagzeug sitzt. Und dann ist da noch Thomas Morgan, der junge New Yorker, der glatt als Schuljunge durchgehen könnte. Dass das nicht so ist, bemerkt man dann recht schnell, aber dazu später mehr.
Spielte mit seinem Trio ein Konzert in der "Unterfahrt": Jakob Bro (Bild: Karolina Zapolska)
Spielte mit seinem Trio ein Konzert in der „Unterfahrt“: Jakob Bro (Bild: Karolina Zapolska)

Musik wie ein Naturerlebnis

Jakob Bro ist ein introvertierter Typ, und so legt er dann auch gleich los, nach einer kurzen Begrüßung, ganz ohne Umschweife, startet er mit „Gefion“, dem Titeltrack der neuen CD. Ganz langsam und allmählich bauen sich die Klänge auf, schwingen den Zuhörer auf das Musikerlebnis ein. Der Mann aus Kopenhagen ist ein Meister der Anfänge. Er schafft es, ein Stück zu beginnen, ohne je den Eindruck zu vermitteln er habe „angefangen“. Alles Künstliche hat er aus seinem Spiel verbannt.
Er beginnt, und man hat den Eindruck, er führt einen Klang aus, der schon vorher existiert hat – es ist nun nur ein bisschen deutlicher, hörbarer. Es ist sozusagen eine Art naturhafter Klangentwicklung, der Bro sich verschrieben hat. Und das Publikum hört gebannt zu. Kein Bierglasklacken, kein Flüstern – nichts. Die komplette Aufmerksamkeit ist bei Bro, Baron und Morgan. Nachdem mir Fee Schlennstedt, die neue künstlerische Leiterin des Clubs, mir neulich erzählt hat, dass Christian McBride über die „Unterfahrt“ gesagt hat, sie sei eine Kirche mit Bier, habe ich diese Bonmot ständig im Kopf. Es passt einfach. Auch jetzt wirken die Besucher eher wie eine Gemeinde als wie ein Haufen Leute, die sich amüsieren wollen.
Aber vielleicht liegt das auch an dem wiedererstarkten New Age-Sound der aktuellen Jazzszene, dem sich auch Bro verschrieben hat. Er sucht, er sucht, er ist ein permanent Suchender auf seinem Instrument. Hat er eine griffige Formel gefunden, beginnt er erneut, macht den Raum wieder auf und lässt die Klänge perlen, Melodien ausfahren, die unfertig sind, die keine klare Richtung haben, die eher den Kirchentonarten nahe stehen als dem Dur-Moll-tonalen System. Und das macht natürlich auch beim Zuhörer den Raum auf. Angenehm befreit schwelgt man in Möglichkeiten, mit Blick auf immer neue Horizonte.
Dazu passt, dass auf der Bühne nicht viel passiert. Bro ist ganz in schwarz, mit seiner weißen Gitarre, ohne jeden Schnick-Schnack. Er macht beim Spielen beständig ganz kleine Bewegungen, immer ein Schrittchen rechts, ein Schrittchen links. Mehr braucht er nicht. Da fällt Joey Baron noch eher auf, in seinem knallgrünen Hemd und der sauber rasierten Glatze. Baron ist Spezialist dafür, komplexe Dialoge mit anderen Instrumenten zu führen – wie er auch gerade auf seiner neuen CD mit Jazzgeiger Adam Baldych zeigt. Einfallsreich, voller neuer Klänge und Geräusche stattet er den weichen Klang der E-Gitarre mit Ecken und Kanten aus, setzt Spitzen und Akzente.

 Handgemachte Klänge

Und dann ist da noch Thomas Morgan, zu dem es – wie versprochen – noch so Einiges zu sagen gibt. Denn er ist meine Entdeckung des Abends. Da steht er, eher schmächtig und somit untypisch für einen Kontrabassisten, und lässt die Töne sich entfalten, auch hier wieder so, als wären sie ein Naturereignis, und nicht künstlich erzeugt. Dabei schafft er es immer wieder, auf dem schmalen Grat zwischen unvorhersehbar und selbstverständlich zu bleiben – eine tolle Mischung, die das große Instrument aus seiner typischen Hintergrundposition geschickt herausholt und zu einem echten Gegenüber für den Gitarristen macht.

Jakob Bro - eine New-Age-Ästhetik? (Bild: Lasse Bech Martinussen)
Jakob Bro – eine New-Age-Ästhetik? (Bild: Lasse Bech Martinussen)

Und in diesem Zusammenspiel fällt nun etwas auf, was auf der Platte, die das Trio gerade herausgebracht hat, nicht so offensichtlich ist. Was im Studio geschickt abgemischt und austariert werden kann, muss sich live beweisen, ganz ohne doppelten Boden. Gemeint ist die Tatsache, dass Bro der einzige in der Truppe ist, der elektronische Klänge erzeugt. Er hat seine E-Gitarre; sie bietet praktisch keinen Widerstand bei der Tonerzeugung, er kann das Griffbrett rauf und runter rutschen, seine stupende Technik zeigen und entfalten – Minimalaufwand und Maximalergebnis, so kann man vielleicht den Prozess der Tonerzeugung auf der E- Gitarre beschreiben. Die er (nebenbei bemerkt) eigentlich wie eine akustische Gitarre verwendet, kaum Effekte, natürlich kaum Verzerrer – einfach nur purer Klang.
Und dann ist da der Kontrabass, und hier bietet sich nun eine gänzlich andere Situation. Thomas Morgan muss viel Kraft aufwenden – jeder, der sich ein bisschen mit Kontrabassspiel auskennt, weiss, dass man diesem Instrument praktisch jeden Ton abringen muss. Viel Kraft in der Greifhand, viel Reibung in der Zupfhand – das ist der Alltag eines jeden Bassisten. Dafür wird er jedoch mit etwas belohnt, was dem Spieler eines elektronischen Instruments verwehrt bleibt: Einer satten, voluminösen Tonentfaltung mit kräftigem Nachhall. Und genau der fällt hier, in der „Unterfahrt“ besonders auf. Wo Thomas Morgan mit jedem Ton etwas sagt, ein neues mediales Ereignis in den Zuschauerraum trägt, rauschen Bros Melodien und Doppelgrifffolgen am ermüdeten Ohr vorbei. Hier, im echten Klangraum des Jazzkellers, bietet der Kontrabass nicht nur ein Fundament, er ist auch der heimliche Sieger – wenn es denn einen Wettbewerb geben sollte.
Doch hier findet kein Wettstreit statt, hier entfaltet sich das Zusammenspiel eines Trios und da muss die Rezensentin dann eben doch sagen, dass sich diese beiden Klangwelten nicht so wirklich vermischen. Sie bleiben sich fremd, sie spalten den Trioklang und daran kann auch der einfallsreiche Joey Baron nicht wirklich etwas ändern. Natürlich wird es anders werden, wenn man zurück zum heimischen CD-Player geht – oder mit welchem Gadget auch immer man sich den Klang zuführen möchte -, doch so ganz fallen lassen kann man diesen Höreindruck dann wahrscheinlich nicht mehr.
Am Schluss des ersten Sets wird es dann auch mal lauter: Die drei spielen „And they all came marching out of the woods“, einen fetten Blues, den Thomas Morgan durchgängig vorgibt. Hier greift auch Bro mal fester zu – für Menschen, die etwas extrovertierter sind, ist dieser Song schon jetzt das Highlight des Abends. Es folgt noch so einiges, vor allen Dingen tolle Soli des Dänen. Doch die Rezensentin ist müde, sie ist alt, die Bayern kommen gerade aus der Halbzeitpause – es ist Zeit zu gehen.

Titelbild: Lasse Bech Martinussen

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