Liebe Stadtmenschen, Trendbewusste, Kulturliebhaber: Diesen Sonntag müsst ihr in Glonn bei München sein!

7 Minuten Lesedauer

Verlass die Stadt


Schon interessant, dass sich so viele Städter nach der vermeintlichen Idylle des Landlebens sehnen. Die Sehnsucht der Anonymität der großen Stadt zu entfliehen ist beträchtlich.
Dazu trägt natürlich auch der Trend bei, dass sich plötzlich alle bio-vegetarisch-regional ernähren wollen. Fleisch geht unter Umständen schon, aber halt nur, wenn man weiß, woher genau das Schweinchen kommt und wie es geheißen hat bevor es aus nicht näher geklärten Umständen zu Tode kam und kurze Zeit später auf dem Teller zum Verzehr gelandet ist.
Eine Sache daran ist jedenfalls schon bemerkenswert. Denn so richtig weg wollen die Stadtmenschen von ihrer mehr oder weniger großen Stadt dann doch nicht. Sie wollen vielmehr die Vorteile des Landlebens mit den Vorteilen des Stadtlebens in Einklang bringen. Dabei bekommen wir es immer auch mit Projektionen zu tun. Die eigenen Wünsche und Sehnsüchte wurden und werden auf den utopischen Raum „Land“ projiziert.


Die Land-Idylle und das „Gut Sonnenhausen“


Das Land ist dann all das, was die Stadt eben nicht ist. Am Land wird mit den eigenen Ressourcen sorgsam umgegangen. Da wird die Natur noch gehegt und gepflegt. Der eigene Garten ist obligatorisch, mit Hilfe dessen man quasi, wenn man nur wollte, autark leben könnte und diesen ganzen von gesichtslosen Konzernen hergestellten Mist überhaupt nicht mehr bräuchte.
Am Land geht es um die Individualität des Einzelnen. Man begrüßt sich, kennt sich, schätzt sich. Während man in der Stadt von Termin zu Termin hetzt herrscht am Lande Ruhe und Genuss vor. Man nimmt sich Zeit fürs Essen, während sich in der großen Stadt meist nur ein schneller Döner ausgeht.
In diesen „Trend“ passt ein Ort wie das „Gut Sonnenhausen“ auf den ersten Blick nur allzu gut. Dazu trägt auch die Lage bei. Allzu weit müssen sich die Münchner Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner nicht von ihrer eigentlich geliebten Stadt entfernen. Exakt sind es lediglich 36,1 Kilometer. Zumindest dann, wenn man sich mit dem Auto auf die kleine Reise begibt und nicht, passender wäre es ja, mit dem weit umweltfreundlicheren Zug fährt.
Dort in Glonn wartet ein Gutshof, der in Sachen idyllischer Lage nun wirklich keine Wünsche offen lässt. Dass „Bio“ im Zentrum der dortigen Kulinarik steht versteht sich von selbst und ist ohnehin Ehrensache. Auch dem „Selbermach-Trend“ wird hier zum Teil mit eigenen Kursen Rechnung getragen. Die Menschen wollen wieder selbst kochen, sogar Würste selbst herstellen. Der aufgeklärte Städter ist, zu Recht, skeptisch was Qualität aus unbekannten Quellen anbelangt, legt im Heute verstärkt wieder selbst Hand an und schwingt den Kochlöffel anstatt nur zur nächsten Pizzaschnitte zu greifen.


Musik und Kulinarik am Land


Aber, und jetzt wird es erst so richtig interessant für kunstsinnige Stadtbewohner, das „Gut Sonnenhausen“ ist nicht nur Bio und Genuss, sondern auch ganz viel Kultur. Unter der Musikerin und Veranstalterin Stefanie Boltz hat sich eine Konzertreihe etabliert, die sich wahrlich hören lassen kann.
Diesen Sonntag, also dem 17.07. , lässt sich Stefanie Boltz sogar höchstpersönlich auf der Bühne erleben. Mit ihrem Duo „Le Bang Bang“ zeigt sie, dass Stimme und Bass schon ganz schön viel können. Zumal dann, wenn sich beides in den Händen von absoluten Könnern und Kennern befindet. Aber nicht nur das: Auch  die Flamenco-Virtuosen „Cafe del Mundo“ werden zu erleben sein. Beide Acts sind auf dem renommierten Münchner Label „GLM-Music“ zu finden. Dieses hat seit einiger Zeit engen Bezug zum „Gut Sonnenhausen“, schließlich wurde das 25-Jahre-Jubiläum ebendort begangen. Was damals wiederum zur Aufnahme eines überaus vielfältigen und bemerkenswerten Albums ebendort geführt hat.
Dass es nicht nur Kultur gibt, sondern auch ein 4-Gänge-Menü muss nun wirklich nicht mehr eigens dazu gesagt werden. Schließlich sind wir ja am Land. An dem Ort, an dem man endlich Zeit zum Genießen und zum ausgiebigen Schlemmen findet. So gestärkt und verwöhnt lassen sich die beiden Konzerte inklusive anschließender Session der beiden Acts ganz anders und intensiver genießen. Und überhaupt: So viel Ruhe ringsum! Da kommen die Musik und deren Qualität gleich ganz anders und besser zur Geltung. Wer sich Zeit und Ruhe einfach nimmt und Konzerte an diesem ganz besonderen Ort genießt, der wird mit tiefem Musikgenuss belohnt werden.
Nun wäre es also einfach, das „Gut Sonnenhausen“ und deren kulinarische und kulturelle Aktivitäten dem Trend zur temporären Stadtflucht zuzurechnen. Das Problem liegt bei dieser Festlegung aber auf der Hand. Denn das „Gut Sonnenhausen“ ist echt und authentisch. Dass Essen ist tatsächlich hervorragend und die Musik setzt auf Qualität anstatt auf Anbiederung an Trends. Im Gegensatz zu vielen Handelnden und Agierenden im Umfeld und Themenkomplex „Bio“ und „Stadtflucht“ setzt man hier nicht auf das Kurzlebige, sondern auf die Dinge, die Substanz haben und auch morgen noch genossen werden können. Man könnte auch sagen: Wenige Show, wenig ostentativ zur Schau gestellte Lebenseinstellung, sehr viel tatsächlicher und ehrlich Genuss.
Liebe Hipster-Stadtmenschen-Trendbewusste: Diesen Sonntag solltet ihr also in Glonn bei München sein. Nein, ihr müsst. Weil ihr sehen solltet, wie es wirklich ginge, wenn man weniger auf Inszenierung und mehr auf Substanz und Qualität setzen würde. Weil ihr hören solltet wie es klingt, wenn man musikalisch nicht immer den neusten Trend hinterherhecheln würde. Kurzum: Wenn man sich nicht zu oft blenden ließe von dem, was gerade angesagt ist.
„Gut Sonnenhausen“ ist ein wohltuender Ort. Für Kulinariker. Für Musikliebhaber. Für Menschen, denen das Land als Kraftquelle wichtig ist, ganz abseits von übertriebenen Heilsvorstellungen und utopischen Projektionen.


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Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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