Lieber Florian,

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Mach dir bitte einfach keine Sorgen. Ich denke jeder Vater (und natürlich auch jede Mutter) ist schon einmal oder auch mehrere Male vom eigenen Kind „verarscht“ worden. Natürlich kann man sich die Frage stellen, was nach solchen einschneidenden Erlebnissen mit dem Vater-Kind-Verhältnis passiert. Das ist aber nicht die entscheidende Frage und führt auch zu keiner Lösung.
Du hast aber meiner Meinung nach ohnehin schon zwei zentrale Punkte angesprochen: Sprachen und verstehen.  Ja, dein Sohn versteht dich. Es ist aber dennoch ganz anders als du denkst. Dazu musst du mir erlauben, ein bisschen weiter auszuholen.
Gehen wir davon aus, dass Sprache nicht „natürlich“ ist, sondern anerzogen und kulturell geprägt. Nehmen wir weiterhin an, dass die Bedeutung von Wörtern nicht naturgegeben ist, sondern auf Konventionen beruht. Dass ich mit den Buchstaben „K A T Z E“ tatsächlich eine Katze verbinde, wurde mir im Laufe meines Lebens beigebracht. Wäre das nicht so, dann könnte man sich zwar am Klang dieses Worte berauschen, Sinn würde es aber keinen ergeben.
In der historischen Avantgarde des Dadaismus wurde genau dieses Phänomen thematisiert. Worte wurden wieder „entleert“ und in ihrer bloßen klanglichen und lautlichen Dimension zum Kunstwerk erhoben, das keinen Sinn mehr macht. Ein solcher Umgang mit Worten ist wild, archaisch, vielleicht auch unzivilisiert. Zumindest dann, wenn wir Zivilisation als den Prozess einer Einübung von Konventionen, Grenzen und Sinn-Konstrukten verstehen.
Indem wir sprechen und später schreiben lernen, übernehmen wir zu einem großen Teil unterbewusst auch kulturelle Dogmen. Sprache macht uns als Menschen somit nicht frei, sondern sie engt uns ein. Besser gesagt: Sie konkretisiert und definiert das, was wir sind. Sie schließt hingegen das aus, was wir auch noch hätten sein können. Unserer eigenen, sprachlich vermittelten Kultur entkommen wir  fortan nicht mehr so leicht. Wir sind quasi das, was wir sprechen und wie wir sprechen.
Neben all den Problemen, die man der Sprache attestieren könnte, etwa dass sie notorisch uneindeutig ist, hat sie aber auch entscheidende Vorteile. Zum Beispiel, dass sie verbindet. Wir könnten alle in unserem stillen Kämmerlein sitzen und über den Sinn der Sprache nachdenken – und ob es nicht Sinn machen würde, sie nicht mehr zu benutzen.
Nachdem wir aber nun einmal, mehr oder weniger, soziale Wesen sind, gehen wir dennoch raus und benutzen dennoch die Sprache. Sprache „vergesellschaftet“, bindet uns in eine Gemeinschaft ein. Indem wir ähnliche Sinn-Konstrukte und ähnliche sprachliche und kulturelle Codes kennen und benutzen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns verstehen, relativ hoch. Zumindest reden wir alle von vergleichbaren Dingen.
Besonders interessant ist das Verhältnis von Sprache, Kind und Welt. Ein Kind ist ja, was die kulturelle und sprachliche Prägung betrifft, noch an einem anderen Punkt wie Erwachsene. Auch Wittgenstein hat ja mal so etwas erwähnt, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt seien. Für ein Kind ist die Welt tendenziell sehr viel kleiner als für Erwachsene.
Für kleine Kinder ist möglicherweise gar die Familie und das familiäre Umfeld die ganze Welt. Wenn dich dein Sohn also verarscht dann nur, weil er Teil deiner Welt sein will und verstanden werden möchte. Er übernimmt Konventionen und Verhaltensmuster. Kindern lernen Sprache und Handlungen größtenteils auch durch Mimesis, also durch Nachahmung. Ich möchte davon ausgehen, dass es auch dir nicht fremd sein dürfte, Menschen in deinem Umfeld zu verarschen.
Lieber Florian, die Konsequenz die du daraus ziehen solltest ist somit klar. Frag nicht danach, ob dich dein Kind versteht und ob du mit seinem Sarkasmus ein wenig gezügelter umgehen solltest. Sondern sieh die Handlung deines Sohnes als das an, was es ist: Sein Versuch, den Konventionen in der eigenen kleinen Welt zu entsprechen und mit dir zu kommunizieren. Er möchte verstanden werden, indem er ihm bekannte Codes, Handlungen und Sprachmuster verwendet.
Nun bin ich der Letzte, der kluge Ratschläge erteilt. Aber möglicherweise findet ihr in Zukunft auch noch andere Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und euch zu verstehen. Ich bin sogar sicher, dass ihr diese bereits habt. Auf keinen Fall solltest du es aber persönlich nehmen, dass dein Sohn dich kürzlich verarscht hat. Die Gründe dafür kennst du jetzt ja.
Artikelbild: , „Kaffeekränzchen @ Weißensee“, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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