Du fragst mich, was Glaube ist #3

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Der Geist Jesu Christi ist die Kraft und der Weg, um eine neue Zivilisation der Liebe zu errichten, die ein menschenwürdiges Leben möglichst vieler auf dieser Erde sichern kann.[1]
Der Evangelist Markus erzählt von der Frage eines Schriftgelehrten an Jesus Christus: „‚Welches Gebot ist das erste von allen?’ Jesus antwortete: ‚Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.’“[2]
Über dieses Doppelgebot, das erschwerend die Feindesliebe[3] impliziert, wurde gerade in jüngster Vergangenheit viel gesprochen, wodurch allerdings offenkundig wurde, dass die Kernbotschaft unseres Heilands in seiner umfassenden Fülle kaum mehr richtig verstanden, sondern als Schlagwort in politischen und gesellschaftlichen Grabenkämpfen missbraucht wurde.
Überhaupt muss man feststellen, dass zum Thema „Liebe“ viele, sehr unterschiedliche Meinungen grassieren, die ihrerseits wiederum verschiedene, miteinander rivalisierende und einander (vermeintlich) ausschließende Lebensstile begründen.
Aber wer bin ich, um im Einzelnen darüber zu urteilen?
Worüber ich hingegen nachdenken möchte, ist die (schwierige) Frage, die Jesus gestellt wurde, und die Bedeutung ihrer Beantwortung im Hier und Jetzt, denn das ist es, was unseren Glauben nicht nur in Wort und Schrift verständlich macht, sondern im innersten Kern lebendig hält, wenn wir unverbrüchlich danach handeln.
Jesus sagte nämlich nicht: Die Liebe zu Gott ist das eine, die Liebe zum Nächsten das andere Gebot; sprach also nicht von einer Art Reihenfolge, als er nach dem obersten Gebot (was in einem üblichen Denkmuster ja eine Hierarchie voraussetzen würde) gefragt wurde, sondern nannte diese zusammen, einander bedingend und untrennbar miteinander verbunden.
Soll heißen: Nur wenn wir Gott lieben, können wir unseren Nächsten lieben, denn er ist als Mensch ein Abbild Gottes; und nur wenn wir unseren Nächsten lieben, lieben wir Gott, denn: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“[4]
Zu Recht fragen wir heute wie damals: Aber wer sind diese (geringsten) Brüder und Schwestern; und sind sie auch immer unsere Nächsten, denn was haben wir mit Bettlern, Obdachlosen, Flüchtlingen, Gefängnisinsassen oder uns gänzlich fremden Kranken zu tun?
Die Antwort darauf ist ebenso einfach wie schwierig: Christ ist, wer unter den Menschen keinen Unterschied macht; der jede/n einzelne/n liebt, weil er in ihm/in ihr immer und überall das Ebenbild Gottes erkennt, auch wenn dieses einmal schmutzig, einmal abgemagert oder einmal erschreckend grausam und wütend aussieht.
Es ist diese Herausforderung, die wir als Christen annehmen, wenn wir Christi Botschaft tatsächlich nachfolgen wollen. Und es bleibt eine Herausforderung, weil sich die Welt und die Menschen in ihr, die Gesellschaften und ihre Meinungen wohl ständig verändern, sich entwickeln und zu keinem Ende kommen werden.
Die Zivilisation der Liebe muss diese Entwicklungen zwar in sich aufnehmen, aber ohne von ihnen vereinnahmt zu werden; sie muss sich von ihnen inspirieren lassen, aber ohne dadurch ihren eigenen heiligen Geist zu verlieren; sie muss sich alle Fragen anhören, darf aber nur eine Antwort geben, weil diese von Jesus Christus, Gottes- und Menschsohn, selbst kommt: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“[5]
Martin Kolozs, 7. Februar 2016
Die vierte Folge erscheint zum Monatswechsel. Februar/März 2016
[1] Hl. Papst Johannes Paul II, Predigt vom 27. Juni 1988, Innsbruck
[2] Mk 12, 28-31
[3] Mt 5,43-48
[4] Mt 25,40
[5] Joh 15,12

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