Nach dem Essen kommt das Fressen

6 Minuten Lesedauer

Die Szenerie bestimmt ein Landgasthaus. Der Verputz ist neu, die letzte große Investition der Wirtsfamilie. Es ist zwei Uhr Nachmittag an einem Sonntag im Jänner. Der Großteil der Tische ist bereits leer und für das Abendgeschäft gedeckt. Meistens kommt am Abend aber nur noch die Fraktion blauer Montag vorbei. Gegessen wird dann kaum mehr. Nur noch vereinzelt sitzen Familien, die ihr Familienessen mit Schnitzel und Kuchen begehen oder Geburtstagsfeiern wie jene von Rosi, die noch das Backhendl mit Selbstgebranntem hinunterspült, gemütlich beisammen.
Die letzten Teller werden abgeräumt. Das Scheppern wird schon bald durch Gläserklirren abgelöst. Wein und Bier werden gereicht, Kaffee wird getrunken. Bäuche werden gehalten, Extremitäten von sich gestreckt. Das Personal verabschiedet höflich. Es ist so weit, es ist angerichtet. Der Tratsch kann beginnen.
„Stimmt das, sie ist weggezogen?“
„Wundert doch eh niemanden. Die war doch sowieso mehr in der Stadt als daheim.“
„Naja, so stimmt das nicht. Jetzt tust ihr aber unrecht. Du hast sie nie wirklich leiden können, weil du vor Jahren mal bei einem Feuerwehrfest mit ihr zusammengekracht bist.“
„Zu der alten Geschichte sag ich nix mehr. Außer, dass ich nicht verstehe wie man sich über so einen Blödsinn dermaßen aufregen kann? Aber die ist mir ja komplett ins Gesicht gesprungen. Unnötig das Ganze.“
„Egal. Trotzdem stimmt das nicht, was du sagst. Sie war ja sehr um das Dorfleben bemüht. War in vielen Vereinen und hat mitgeholfen.“
„Hör mir damit auf. Belogen hat sie uns alle. Und vor allem ihre Vereine werden dankbar sein, dass sie weg ist. Ein gutes Licht schaut anders aus.“
Am Nebentisch ist die Diskussion schon etwas weiter fortgeschritten. Die Kinder sind in ihre Handys vertieft, liefern sich blutige Szenen, stopfen nebenbei die Nachspeise in sich hinein und bekommen vom Drumherum nichts wirklich mit.
„Die war doch bei den Turnerinnen? Was da wohl unter der Dusche gelaufen ist? Mäuschen müsste man sein.“
„Was soll da gelaufen sein? Du stellst blöde Fragen. Der Großteil ist doch verheiratet und hat Kinder. Viel schlimmer finde ich eigentlich, dass sie im Sommer immer die Kinderbetreuung übernommen hat. Also das Ferienspiel gemacht hat. Natürlich passt es zu ihrem Studium und das Geld und die Praxis hat sie schon auch gut brauchen können, aber ob sie im Nachhinein gesehen die Richtige dafür war?“
„Sicher nicht. Ein Wahnsinn was sie sich geleistet hat. Normalerweise muss das ja rechtliche Konsequenzen mit sich bringen.“
„Wollen wir die Kirche doch einmal im Dorf lassen. Zu Ohren gekommen ist uns nichts.“
„Trotzdem finde ich nicht gut, dass sie so viel mit die Kinder zu tun hatte. Wie sich die Eltern erst fühlen müssen?“
„Ich kann das gar nicht verstehen.“
„Eigentlich hat sie uns belogen. Ja, belogen. Sie hätte es ja ruhig erzählen können, aber da merkst du einfach, die ist nicht ganz richtig.“
„Die sind so gestrickt. Die sind eine Gefahr, sag ich dir!“
Während die Einen sich um ihre Kinder und das hiesige Vereinsleben Sorgen machen – oder zumindest darüber beratschlagen – sehen Andere die menschliche Tragödie im Vordergrund.
„Was sagen die Christa und der Toni? Die müssen ja aus allen Wolken gefallen sein.“
„Ich hab mir schon immer gedacht, dass des mit der besten Freundin ein wenig komisch ist.“
„War sie nicht einmal mit dem Wolfgang aus ihrer Nachbarortschaft zusammen. Du weißt schon, der mit der Riesenwirtschaft daheim.“
„Warum war denn mit dem so plötzlich Schluss?“
„Er wollte sie heiraten, sie aber ihn nicht. Das hat damals schon niemand verstanden. Der hat sie richtig gern kopt.“
„Ich wüsste ned, wie i reagieren würde als Eltern. Echt ned.“
„Glaubst du, is des plötzlich kuma? Sie hat sich ja schon sehr verändert in den letzten Wochen.“
„Die Christa soll sich noch gar nicht gefangen haben. Der Toni hat geschworen, dass sie nicht mehr daherkommen braucht. Eh verständlich irgendwie.“
„Weißt du, wie haben sie denn Weihnachten verbracht?“
Mehr und mehr Gäste verlassen das Wirtshaus, aus der Küche ist der Geschirrspüler zu hören. Er dröhnt und mimt das Geleit. Zum Glück sind die Urteile gefällt, anders wäre das Völlegefühl nicht zu überstehen.
Titelbild (c) Christian KadlubaKOMPAKT EXTRA, flickr.com

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.