Moral als kulturelle Praxis

5 Minuten Lesedauer

Um dem Begriffsklärungscharakter und der Entgegnung einer Fehlinterpretation entsprechen zu können, hier eine Punkt für Punkt Herangehensweise:
1.) Wenn Kultur das Zeitgeschehen kommentiert, konterkariert und kritisiert sowie Kontakt zur Welt und ein gesellschaftliches Verfahren darstellt, ist und war die Willkommenskultur eine kulturelle Praxis. Beispielhaft sind hier Initiativen genannt, die die Aufgabe des Staates im Sinne der Grundversorgung von Geflüchteten übernommen haben, oder auch Menschen vorangestellt, die sich der Massenmedienmeinung zum Trotz dem (inter)kulturellen Dialog verschrieben hatten und der hetzerischen Kommunikationsform von Politik und Zeitungen einen anderen Blickwinkel hinzufügten. Diese Kritik an der Kulturlosigkeit der Willkommenskultur verläuft sich daher mehr als deutlich.
2.) Auch Moral ist eine kulturelle Praxis. Worauf sich Menschen einigen, wie sie zusammenleben wollen und welchen Werten dieses Zusammenleben zu Grunde liegt, ist ein ausverhandelter, immerwährender Prozess kultureller Entwicklung einer Gesellschaft. Sie als hyperventilierend und mit dem Prädikat „Gutheitsüberbietungswettbewerb“ zu versehen, ist politisches Kleingeld, eine subjektive Bewertung von Personen, die am Helfen – warum auch immer – keinen Gefallen gefunden haben. Natürlich kann ich die Hilfestellung und meine Rolle in dieser Interaktion hinterfragen und paternalistische/entmündigende Tendenzen besprechen. Diese finden aber im Umgang zwischen Helfenden sowie Institutionen mit Geflüchteten statt. Als außenstehender Kommentator der Willkommenskulturszenerie müsste ich mich wenn schon selbstkritisch fragen, worin ich das Problem von helfenden Menschen sehe? Deren Absichten zu diskutieren ist legitim, dass ich mich aber mit Moralvorstellungen konfrontiert sehe, hat mehr mit mir und meinen Auffassungen zu tun, als mit der Realität. Der gesellschaftliche Diskurs hat sich um Verschärfungen gedreht, Umfragen zeigten ganz klar aus welcher Richtung und wie stark der Wind den Geflüchteten und ihren Helfern ins Gesicht bläst.
3.) Auf ganz dünnes Eis begeben sich Kolumnisten, wenn sie die fehlende Kultur in der Willkommenskultur daran festmachen, dass zu wenig über die kulturelle Identität der westlichen Zivilisation gesprochen wird. Zum einen ist das Gegenteil der Fall, wir sprechen leider zu oft und zu eindimensional von der (Leit-)Kultur, welche im Zuge von Integrationsprozessen als Norm vorgesehen ist. Zum anderen subsumieren wir vertikale Brüche einer bereits bestehenden Gesellschaft unter westliche Werte, mit denen andere nicht kompatibel zu sein scheinen. Nicht nur, dass mit diesem Bild suggeriert wird, dass in Österreich ein einheitliches kulturbasiertes Frauenbild vorherrscht (wie kann es dann sein, dass über Abtreibung und Frauenhäuser so unterschiedliche Ansichten existieren?) sondern auch jeder Geflüchtete, mit der gleichen kulturellen Prägung sowie mit ähnlichem sozialem und intellektuellem Kapital ausgestattet ist. Beides trifft aber nicht zu. Kulturelle Zugehörigkeit ist etwas Gemachtes und Konstruiertes. Welch elitären Kulturbegriff will ich hyperventilieren (um in diesem Wording zu bleiben), wenn ich dieses Ausverhandeln von Werten und kulturellem Umgang Geflüchteten und ihren Helfern abspreche?
4.) Kultur entsteht, wenn aus Gewohnheit ausgebrochen wird. Ein schönes Zitat. Auch hier passiert, aber leider eine unterstellende Setzung, nämlich als würden Helfende diese Comfortzone nicht verlassen. Jeder Unterstützende, Diskutierende, Verhandelnde verlässt seine kulturelle Prägung, seinen kulturelle Basis, stellt sie neu auf, stellt sie zur Disposition zur Welt, die plötzlich die kulturellen Staatsgrenzen überquert hat. Umso wichtiger ist es, diesen Menschen nicht nur kulturelles Wissen zuzusprechen, sondern auch deren Engagement nicht als moralisierend abzukanzeln.
Kulturen verschwimmen, Werte werden global ausverhandelt. Es gibt weder den universellen Österreicher, noch den uniformen Geflüchteten. Der westeuropäische Wertekanon ist ein Konstrukt, der ständig neu debattiert wird und auch mit Werten ausgestattet gehört. Es wird aber Konformität suggeriert und über das exkludierende Momentum von Kultur legitimiert. Fatal wenn Kultur als verfestigter Gegenstand betrachtet wird, den Problemen der heutigen Zeit aber mit Solidarität, Einigkeit und Toleranz entgegnet werden müsste.

Titelbild: (c) Strassenstriche.net, flickr.com

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Default thumbnail
Vorheriger Text

Plattenzeit #57: Ulver - The Assassination of Julius Caesar

Default thumbnail
Nächster Text

Wo die Ideen blühen #1: Plato's Cave

Aktuelles aus Kategorie

Kultur des Vergessens!

Wenn wir Denkmäler entfernen, Statuen fällen und umstrittene Straßennamen verschwinden lassen, befeuern