Plattenzeit #57: Ulver – The Assassination of Julius Caesar

4 Minuten Lesedauer

Pop


Die norwegische Band Ulver macht jetzt Pop. Zumindest in ihrer Selbstdefinition. Begonnen hatte aber alles 1995 mit dem Album „Bergtatt“, das nach wie vor als Black-Metal-Klassiker gilt. Im Laufe der Zeit hat sich Ulver von diesen Wurzeln freigespielt und spätestens mit „Perdition City“ alten Fans gewaltig vor den Kopf gestoßen. Statt sägenden Gitarren war auf dieser Platte sphärischer Trip-Hop mit Jazz- und Ambient-Andeutungen zu hören.
Der Schritt, den Ulver jetzt macht sollte somit eigentlich nicht mehr überraschen. Tut er aber. Ganz einfach schon einmal deshalb, weil die Band noch nie so unverschämt eingängig und zugänglich agiert und geklungen hat. So mancher Kritiker verstieg sich sogar dazu zu behaupten, mit „The Assassination of Julius Caesar“ sei das bessere Depeche Mode Album aufgenommen worden. Was auf den ersten Blick wie eine grobe Fehleinschätzung wirkt bestätigt sich beim Hören der Platte. Ulver haben grandiose Melodien, Pathos und tanzbare aber kluge Sounds in Hülle und Fülle auf ihr Album gepackt.
Mischen lassen haben sie es darüber hinaus von Martin “ Youth“ Glover, der neben seiner Bass-Tätigkeit bei der legendären Band Killing Joke als Produzent schon bei Tom Jones, Paul McCartney oder Heather Nova Hand anlegte. Glover ist außerdem für seine Remixe bekannt, denen er Acts wie Erasure oder eben Depeche Mode angedeihen ließ.
Die aktuelle Ulver-Platte öffnet sich aber nicht grundlos der breiteren Masse und flirtet nicht aus purem Selbstzweck mit dem Pop. Ulver nähern sich ohne Scheuklappen und mit den richtigen Mitteln den Themen dieser Platte, die laut nach Pomp, Pop und Pathos schreien. Es geht um Lady Di und um die Abgründe der Popkultur. Auch Jesus kommt vor, die Beatles, allerlei mythologisch-düsteres Zeug und untergehende Weltreiche.
Ein Moment auf dem Album ist symptomatisch für den Zugang von Ulver. In „So Falls  The World“ werden die Folgen skizziert, wenn das römische Reich fallen würde. „When rome falls / So falls the world“ haucht ein beseelt und gut wie selten zuvor singender Kristoffer Rygg ins Mikrophon. Nach dieser Diagnose folgt eine Art von Discobeat. Ulver tanzen auf den Trümmern von untergegangenen Reichen und trotzen der pervertierten und untergehenden Popkultur große Melodien ab.
Pop ist bei Ulver nicht die Hinwendung zu Trivialem und Alltäglichem, sondern ein willkommenes Mittel um Massenbewegungen und Massenphänomene zu kommentieren. Das geschieht weder auf textlicher noch auf musikalischer Ebene auf affirmative Weise. Auf den ersten beiden Tracks unterlegt der Gitarren-Radikalist Stian Westerhus die schöne Oberfläche und die sich im Kopf festsetzenden Melodien mit unerwarteten und beunruhigenden Sounds.
Überhaupt ist das nicht der übliche Tanz-Pop mit schönen Synthie-Flächen, den man anfänglich zu hören glaubt. Mehr als nur einmal gibt es überraschende Wendungen oder „popferne“ harmonische Einfälle. Ulver benutzen die Klarheit eines strikten 4/4 Beats um Zuhörern die relative Komplexität ihrer neuen Songs unterzujubeln.


Fazit


Mit diesem Album gelingt Ulver ein stimmiges, überzeugendes und durchgehend großartiges „Pop-Album“, das wohl dennoch nicht die Pop-Charts der Welt stürmen wird. Das zu viel an Meta-Ebene und die Thematisierung und Ausstellung der eigenen Mittel werden das zu verhindern wissen. Es ist aber ein Album für all jene, die eine Band auf der Höhe ihrer Kunst bewundern wollen und hören möchten, was eine ehemalige Black-Metal-Band so alles vollbringen kann, wenn der Black-Metal-Ruf einst völlig ruiniert ist und einzig und allein die Musikalität zählt.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Francesca Colasanti, flickr.com, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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