Glück inbegriffen

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Als Kind habe ich immer geglaubt, dass hinter dem Patscherkofel Afrika liegt. Und ich war mir auch sicher, dass wenn man über eine Grenze fährt, das schon merken und es dahinter bestimmt ganz anders aussehen würde. Heute weiß ich, dass Afrika doch etwas weiter entfernt liegt und zwischen meiner Heimatstadt und dem so faszinierenden Kontinent noch haufenweise Pizza, Pasta und Mafia liegen. Irgendwie ernüchternd, wenn ich so darüber nachdenke. Mit den Jahren ist die Welt einfach größer geworden. Ich habe viele Dinge gelernt und eigene Erfahrungen gemacht. Heute weiß ich zum Beispiel, dass meine Mama nicht im Mittelalter geboren und meine Oma nicht – bestimmt 600 Jahre alt ist. Ich habe recht schnell begriffen wie der Hase läuft und wie das Leben funktioniert. Ich habe meine Eltern beobachtet, war in Schulen, in Vereinen und auf der Universität.  Heute weiß ich, dass eins und eins einfach zwei ist. Nicht mehr und auch nicht weniger. Heute weiß ich, dass rot, rot ist. Und, dass brave Kinder etwas geschenkt und gute Menschen in den Himmel kommen. Das ist einfach so. So habe ich das gelernt. Alles abgespeichert. Alles in meinem Kopf. Ich war ja brav.
Kurz nachdem ich erfahren habe, dass  Tirol und Afrika keine Nachbarstädte sind, fing dann das mit der Liebe an. Ein grausames Kapitel. Zumindest zwischenzeitlich. Anfänglich hatte noch alles so gut angefangen. Ich wurde aufgeklärt. Ich wusste, dass Mädchen und Burschen untenrum zwar kompatibel aber dennoch unterschiedlich sind. Ich wusste, dass der Storch zwar einen langen Schnabel hat, aber keine Kinder bringt. Ich wusste, dass man beim Küssen die Augen schließen und ein Gentleman sein muss. Und mein Kondom hatte ich auch 4 Jahre lang in der Geldtasche. Es konnte also kaum etwas schiefgehen. Ich war vorbereitet. Und doch passierte es dann unerwartet. Mitten im Urlaub traf ich sie. Die erste Eine. Nach dem tränenreichen Abschied der fünf Tage andauernden Sommerromanze, hielt die Beziehung zwischen Bern und Innsbruck dann doch fünf lange Jahre. Eine lehrreiche Zeit voller neuer Erfahrungen und toller Menschen. Am Ende blieb dann aber doch nur die Gewissheit, dass Liebe schmerzt – vor allem zerbrochene. Nie wieder wollte ich mich verlieben. Neun Monate später war mein Willen gebrochen. Auch diese Beziehung hielt vielversprechende zweieinhalb Jahre – einseitige Familien- und Hochzeitsplanung inbegriffen. Das Ende – überraschend und schmerzhaft. Und ich war mir ein weiteres mal sicher. Sie kann noch so liebevoll sein, noch so strahlen, noch so zärtlich sein – ich würde mich nie wieder verlieben. Jeder braucht Grenzen. Die Horoskope zum Jahreswechsel waren dann aber doch verheißungsvoll. Keine vier Monate später siegten die Sterne und meine Skepsis war verflogen. Heute bin ich glücklicher als je zuvor, voller Tatendrang, voller Visionen, voller Bereitschaft alles zu geben und das gemeinsame über das eigene zu stellen. Ein Gefühl. Mit nichts zu vergleichen. Ein Gefühl, das hoffentlich jeder einmal erleben durfte. Ein Gefühl, das einnimmt und sich einbrennt. Für alle Ewigkeit.
Und doch zweifeln so viele. Verlassen. Sitzengelassen. Alleine. Die gleichen Skeptiker wie ich es zwischenzeitlich immer wieder war. Ganz sicher, dass man nie wieder das Glück finden würde, wenn man es einmal verloren hat. Ganz sicher, dass man alleine sterben würde. Ganz sicher, dass einem das auch nichts ausmachen würde und das sowieso viel besser sei. Ganz sicher, dass Freunde im Leben ohnehin viel mehr zählen als die wahre Liebe. Ja. Ich war mir auch mal sicher, dass Afrika hinterm Patscherkofel liegt. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Ich habe damit aufgehört mir sicher zu sein. Zumindest versuche ich es jeden Tag aufs neue. Wer will sich schon sicher sein? Den Weg gehen der kalkulierbar ist. Immer mit der angezogenen Handbremse – dem eigenen Kopf folgen. Dem Kopf der einem vollgestopft wurde mit all dem Wissen, mit all den Erfahrungen der anderen. Mit all den Grenzen. Ja. Als Kind war ich mir sicher, dass wenn man über eine Grenze fährt, das schon merken und es dahinter bestimmt ganz anders aussehen würde. Heute weiß ich, dass diese Grenzen gar nicht existieren. Dass Grenzen nur erdachte Konstrukte sind. Und, dass man nicht darüber hinweg muss um etwas anderes zu sehen, sondern einfach nur die Augen auftun muss. Die Grenzen sind in unserem Kopf. Erdacht. Erlogen. Anerzogen. Wer will also schon den Weg der Grenzen gehen, der einem Sicherheit vorgaukelt und dabei den Blick weglenkt – von all dem Unentdeckten? Ja ich habe aufgehört mir sicher zu sein. Denn ich will mit vollem Karacho quer durchs Leben fliegen. Will neues lernen. Sehen. Erfahren. Ja. Ich habe mich bewusst wieder auf die Liebe eingelassen. Bewusster als je zuvor. Auch wenn es am Ende schmerzen könnte. Aber nur könnte. Denn wenn ich aufhöre mir immer sicher sein zu müssen, sondern jeden Tag bewusst erlebe, spüre, zuhöre und die Augen öffne – ist plötzlich alles möglich. Familienplanung, Afrika um die Ecke und Glück inbegriffen.

Artikelbild © by H.D.Volz / pixelio.de

 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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