(c) Helmuth Schönauer

Gut beraten

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Warum sind das alles so tolle Typen, die uns da aus dem HD-Screen entgegenschmunzeln? – Na weil es sich eben um Profis handelt. Sympathische Kerle und Kerlinnen, die uns genau das sagen, was wir brauchen, weil wir es genau so hören wollen. 

Selbst in etwas entlegeneren Tal-Provinzen, wo das selbständige Denken nicht übermäßig gefragt ist, weil es ja ausschließlich ums politische Überleben geht, muss sich heute schon der mittlere Funktionär mit Beratern umgeben. 

„Vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit brauchst du einen Stab, der dich halbwegs rüberbringt in den Medien.“ 

Da auch die Berater mittlerweile sehr schlichte Köpfe sind, die maximal einen Handgriff beherrschen, brauchst du in der Mindestausstattung einen für den Tweet, einen für Facebook und einen dritten für die Einheitszeitung, die mittlerweile mit Emoticons arbeitet.
Alle Medien gewinnen übrigens an Qualität, wenn sie mit alpin-besetztem Habitus aufgepoppt werden. 

So ist etwa der „LH von Transitanien“ mit dem sprachlichen Multitasking überfordert. Wenn er gendert, kriegt er den dritten Fall nicht mehr hin, und umgekehrt. Einige Berater sagen ihm, dass er früher oder später wegen der Schlichtheit seiner sprachlichen Amtsführung wird zurücktreten müssen, wenn er sich nicht bessert.
Andere sagen, es genüge, wenn er das Gendern hinkriegt, egal was er dahinter an scheinbarer Semantik auftürmt.
Die optischen Influenzer schließlich beraten vor allem in Fragen der Tracht.
„Solange du einen Hirschknopf am Sakko hast, kannst du auch reden und röhren wie ein Hirsch!“ 

Dieser Beratercluster macht voll auf bodenständig und nennt sich auch gerne Tweed-Company, weil er auf sattes englisches Tuch besteht, das vor allem im alpinen Einheitsfunk gut ausgeleuchtet werden kann. Nur so kannst du ein ein uninteressantes Gesicht vor einem abschmelzenden Gletscher ins Bild bringen, indem du die Kamera auf die schöne Brust des Zweiteilers hältst.
Dabei wird hinter den Kulissen freilich heftig gestritten, ob der Loden etwas Eigenständiges ist oder eine verwitterte Gebirgsausformung des Tweeds. 

Mit dem Beraterstab ist es noch nicht getan, diese Einsager und Einflüsterer musst du mit dem Hinter-Stuff deiner Kompagnons   koordinieren. 

Es wäre furchtbar, wenn die eine Trachtenbrust davon schwärmte, „wir haben alles richtig gemacht“, und die andere sich aufbliese und sagte, „der bayrische Machtrausch will uns fertigmachen!“
Alle müssen das gleiche Jäckchen tragen, das hinten am Gesäß etwas zu kurz geschnitten ist, damit man dieses auch sieht und es nicht mit einem anderen Körperteil verwechselt wird. 

Es passiert immer wieder, dass ein Interview abgesagt werden muss, weil die Berater noch nicht fertig sind mit dem Briefing.
Allein für den sehr demütigen Satz: „Bleibts zuhause, damit die anderen kommen können!“ hat es wochenlanges Üben gebraucht. Am Schluss hat es sich noch im Tonfall gespießt, weil der Intonationsberater gemeint hat, es könnte die Einheimischen sehr verhöhnen. 

Jetzt ist genug, soll der LH dann ein Machtwort zu sich und den Beratern gesagt haben. Als aufrechter Tiroler bleibe er die nächsten zehn Jahre seiner Amtsführung dabei: Wir haben alles richtig gemacht. Und ihr bleibst gefälligst zuhause, damit wir das Land für die anderen wieder aufmachen können.

STICHPUNKT 21|24, geschrieben am 16.03. 2021

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

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