Rudresh Mahanthappa im Treibhaus Innsbruck: Die schiere Vielfalt der musikalischen Möglichkeiten

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Als ich Norbert Pleifer ein paar Tage vor dem Konzert zufälligerweise beim Wandern getroffen und ihm gesagt habe, dass ich mich schon sehr auf das Konzert von Rudresh Mahanthappa freue, hat er nur eines ganz lapidar angemerkt: „Da sind wir wieder unter uns.“ Ein Bedauern klang in seiner Stimme mit, ganz so, als würde er sich wünschen, dass es nicht so wäre. Aber es schwang auch eine gewisse Resignation mit, dass sich so schnell nichts daran ändern wird, dass avancierte und musikalisch nicht unbedingt wenig komplexe Acts nicht die große und breite Masse ansprechen. Vorweggenommen: Er hat Recht behalten. Nur wenige Menschen kamen gestern zu dem Konzert von Rudresh Mahanthappa.
Lag es am Wetter? Lag es an der Musik? Ich hätte grundsätzlich vermutet, dass nach dem fulminanten Konzert, das Rudresh Mahanthappa vor einiger Zeit im Treibhaus abgeliefert hat, die Massen zum abermaligen Konzert strömen würden, das wiederum unter dem Deckmantel der brillante Aufnahme „Gamak“ stattfand. Für mich war es jedenfalls eine interessante Situation, welche die Konsequenz daraus war, dass ich meinen Prinzipien untreu wurde: Niemals einen gleichen Act in zu kurzer Zeit noch einmal anhören. Es gibt zu viel gute, interessante Musik und Acts im Heute, die mich auf meinem Weg meine Hörgewohnheiten nachhaltig zu erweitern begleiten können. Anders gesagt: Auch wenn die Kompositionen und das improvisatorische Geschick von Rudresh Mahanthappa außergewöhnliche sind, hat man seine „Masche“, zumindest auf recht einfacher und oberflächlichere Ebene, bald durchschaut, kennt einige seiner Kunstgriffe und weiß, worauf seine Musik prinzipiell abzielt.

Grenzgänger und Ausschöpfer der musikalischen Möglichkeiten: Rudresh Mahanthappa.
Grenzgänger und Ausschöpfer der musikalischen Möglichkeiten: Rudresh Mahanthappa.

Rudresh Mahanthappa: Kompositionen, die Brüche zur logischen Konsequenz werden lassen…
Dennoch ist man natürlich immer noch beeindruckt, wie mühelos er und seine Musiker zwischen „westlichen“, „fernöstlichen“ und indischen Skalen und Rhythmen oszillieren und ein Konglomerat an Einflüssen zusammenfügen, das absolut zwingend, logisch und notwendigerweise genau so klingt, wie es eben klingen muss. Das ist weit entfernt von postmodernem Flickwerk. Bei seinen Kompositionen bekommt man es mit einer tiefen Beschäftigung mit verschiedenen musikalischer Welten zu tun. Die Übergänge, Brüche und Kippmoment sind so virtuos und überzeugend gestaltet, dass es vorkommt, dass die differierenden musikalischen Realitäten und Skalen gar nicht als solche wahrgenommen werden, sondern als logische Konsequenz, die sich aus der Komposition des jeweiligen Stückes ergibt.
Nichts wirkt konstruiert, alles hat eine Kohärenz, die Brüche, Übergänge und Widersprüche zwar nicht ausmerzt oder gar nivelliert, diese dafür aber in die Kompositionen einbettet und sie als kausal zur vorangehenden Kompositions- und Spielentscheidung erscheinen lässt. Keine Frage: „Gamak“ schöpft aus dem Vollen der musikalischen Möglichkeiten. Lässt Funk, Metaleinflüsse, Free-Jazz und Weltmusik zu Wort kommen.
Er überschreitet diese Grenzen so konstant, dass sich diese Zuschreibungen erübrigen. Übrig bleiben spielerische Methoden und ästhetische Strategien, die aus diesem großen Möglichkeitsraum entnommen werden, dabei aber nie zu einem Genre oder gar zu einem Korsett werden. Sein Zugang um Umgang ist dabei nicht eklektisch, sondern tiefgehend. Nur das Material, das vollständig beherrscht und verstanden ist, gelangt in diesen spielerischen und ästhetischen Raum der Strategien. Halbgare Einflüsse, Methoden und Techniken sind keine Option für Rudresh Mahanthappa.
Ein brillanter Musiker, mit eigener „Stimme“: Rez Abbasi
Das verlangt den beteiligten Musikern, euphemistisch ausgedrückt, natürlich enormes musikalisches Verständnis und Wissen und Können ab. Und damit komme ich zu der interessanten Situation in die ich mich fast schon ungewollt begeben hatte: Statt David Fiuczynski war gestern an der Gitarre Rez Abbasi zu hören. Auch die restliche Band, Rich Brown am Bass und  Jordan Perlson am Schlagzeug unterschied sich von der Band des Konzertes vor zirka einem Jahr. Das hatte weitreichende Konsequenzen. Vor allem aus meiner Sicht für die Gitarren-Parts, die auf „Gamak“ von David Fiuczynski übernommen wurden, der auf diesem Album und dann natürlich auch live ausgiebig mit seinem Spezialgebiet, der Mikrotonalität experimentiert hat.
Kurz gesagt: Rez Abbasi versuchte zum Glück gar nicht erst David Fiuczynski zu imitieren oder gar zu übertrumpfen. Nachdem ich anfänglich leicht enttäuscht von seinen Gitarrenparts war, vermutlich auch weil ich die Gitarrenparts des vorangegangenen Konzerts immer noch im Ohr hatte, entspann Rez Abbasi im Laufe des Konzerte mehr und mehr seine ganz eigene Stimme und seinen ganz eigenen Zugang.
Keine Mikrotonalitäten, dafür ein wunderschöner, klarer und doch kantiger und kräftiger Gitarrenton. Sein Spiel war virtuos, allerdings in keinem Moment ostentativ zur Schau stellend, sondern stets im Dienste der Sache und auf der Höhe der Kompositionen von seinem Bandleader an diesem Abend. Er traf zum Teil, vor allem in den improvisierten Elementen des Abends und der Musik, völlig andere spielerische Entscheidung wie David Fiuczynski, die aber nicht minder eindrucksvoll waren. Vor allem seine Arbeit mit Akkorden, Harmonien und Kontrapunkten war eindrucksvoll.
Brillanter Musiker, der sich in die musikalische Welt von Rudresh Mahanthappa grandios einfügte: Rez Abbasi.
Brillanter Musiker, der sich in die musikalische Welt von Rudresh Mahanthappa grandios einfügte: Rez Abbasi.

Alles in allem: Ein brillantes Konzert, bei dem auch noch Rich Brown am Bass hervorzuheben ist, der zwei der interessantesten Bass-Soli spielte, an die ich mich in der jüngeren Vergangenheit erinnern kann. Die eigentliche Entdeckung an diesem Abend war für mich aber Rez Abbasi, dem man auch auf seinen eigenen Alben wahre Wunderdinge nachsagt. Ein Musiker, mit dem man sich definitiv verstärkt beschäftigen sollte.
Er fügte sich hervorragend in den Klang- Sound- und Musikkosmos von Rudresh Mahthappa ein, der als der Versuch beschrieben werden könnte, die schiere Vielfalt der musikalischen Möglichkeiten im Heute mit den Mitteln des Jazz zu einem sinnhaften, kohärenten Ganzen zu verbinden. Wer in dieser komplexen Welt mit Bravour besteht und auch noch den einen oder anderen ganz individuellen Akzent setzen kann, muss definitiv ein großartiger Musikerin genannt werden.
Ich revidiere also meine Haltung, nie ein Konzert von einem Musiker zwei Mal in kurzer Zeit sehen zu wollen. Manchmal lohnt es sich doch. Vor allem dann,wenn man noch tiefer in die Feinheiten, Nuancen und Zwischentöne eintauchen und vor allem auch Kompositionen eines Musikers von anderen Musikern mit anderen Mitteln und spielerischen Strategien ausgefüllt hören kann. Für mich war das gestern ein wunderschöner, beglückender Abend, der zeigt, was im zeitgenössischen Jazz alles möglich ist. Zugleich wurde selbst noch Entwicklungsmöglichkeiten skizziert, die klar machen, dass hier über Jahre hinweg musikalisch keine Langweile zu befürchten ist.
Ich kann mir nur wünschen, dass sich mehr Leute für diese Möglichkeiten und diese musikalischen Anregungen interessiert hätten. Aber vielleicht lag´s ja auch am Wetter und mit der musikalischen Abenteuerlust des Innsbrucker Publikums ist es doch nicht so schlecht bestellt, wie aufgrund des gestrigen Abends angenommen werden könnte?

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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