Kocht, kocht, sonst sind wir verloren…

8 Minuten Lesedauer

Die Idee


Die wirklich außergewöhnlichen Ideen müssen manchmal erst importiert werden: Im Fall von Cuisine & Confessions, dieses Jahr die erste Runde im Tanzsommer, kommt sie aus Kanada. Die dort ansässige Tanzcompany Le 7 doigts de la main oder 7 Fingers ist ein Projekt, das Akrobatik und Artistik als Kunstform ernst nimmt, mit Contemporary Dance zu vermischen, mit wirklich guter Musik zu begleiten und vor allem mit intelligenten Geschichten zu hinterlegen weiß.
Dieses Spektakel (im besten Wortsinn) wird von 8 Tänzerinnen und Tänzern dargeboten, dazu wird in 5 Sprachen konversiert – die Grenzen zwischen Tanz, Zirkus und Theater sind aufgehoben und die Regeln des tänzerischen Narrativs infrage gestellt. Schauplatz ist eine überdimensionierte Küche, in der das Ensemble (das wirklich als solches auftritt, ohne dass es einen Star oder reine Sidekicks gibt) sein Verhältnis zum Kochen und Essen thematisiert. Die Idee, Tänzer bei einem Stück auch als Personen aufscheinen zu lassen, ist nicht völlig neu. Das kann sie nicht sein, wenn sie schon am Tiroler Landestheater umgesetzt wurde…
Aber Cuisine & Confessions bricht charmant und unaufgeregt mit allen möglichen Klischees, so dass die anrührendste Ballade dann auch von zwei Männern getanzt wird. Das Stück bewegt sich innerhalb eines bekannten Rahmens oder Diskurses, aber es spielt auch mit dessen Grenzen.


Das Stück


So beginnt es zum Beispiel mit einigen riskanten Spielchen über die Köpfe des Publikums hinweg, in denen vor allem mehrere rohe Eier eine tragende Rolle spielen, und mit dem Hinweis, dass man im Falle der spontanen Selbstentzündung des Sitznachbarn möglichst nicht in Panik geraten sollte. Es endet mit einer raffinierten, flamboyanten gemeinsamen Nummer und einer herzlichen Einladung zum Essen.
Dazwischen werden allerhand Töpfe, Schüsseln, Schneebesen und Lebensmittel zu ästhetischen ebenso wie kulinarischen Zwecken ge- und missbraucht und eine Fülle von Anekdoten und Erinnerungen in verbalen und tänzerischen Erzählungen verbraten. Für das Ergebnis liegt einem vielleicht etwas zu häufig das Wort „nett“ auf der Zunge, aber vielleicht wehrt sich der Kritikergeist auch einfach zu heftig gegen die schlichte Freude der gelungenen Unterhaltung, die gekonnt spielt, andeutet, überrascht und zum Lachen bringt. So oft erlebt man das ja im (Tanz-)Theater nicht in dieser Kombination.
Womöglich ist es auch der explizite Konnex zum Zirkus, der das erst möglich macht. Herkömmliche Tänzer (mit Sicherheit eine der bulimischsten Berufsgruppen der Welt) kann man sich jedenfalls nur schwer in einer so sinnenfreudigen Produktion vorstellen.
Aber die Künstler von 7 Fingers entsprechen auch nur in der Minderheit den balletteusen Schönheitsidealen; die Tänzer sind zum Teil untersetzt, zwei der drei Tänzerinnen ganz unweigerlich üppig zu nennen – ein echtes Vergnügen.
Es ist durchaus möglich, Cuisine & Confessions auf einer rein formalästhetischen Ebene zu genießen, denn die Choreographie von Shana Caroll und Sébastien Solevilla ist zunächst raffiniert und effektreich, gut durchdacht und voller Überraschungen. Und die acht Tänzer setzen diesen Anspruch so virtuos und präzise um, dass den Innsbrucker Kunstsinnigen und allen Banausen, die es gerne wären, immer wieder der Mund offen stehen bleibt. Aber kein noch so verblüffender Trick kommt ohne ein ironisches Augenzwinkern aus – wenn man Tanz nämlich in die Küche holt, hebt man ihn auch von seinem ästhetischen Podest herab. Das Thema – Kochen und Essen – kann man mit Fug und Recht banal nennen, vor allem in Hinblick darauf, wie sehr auch der Tanz in den letzten Jahren politisiert, mit postdramatischen Elementen aufgeladen und intellektualisiert wurde. Cuisine & Confessions vergisst nicht darauf, dass wir es hier trotzdem mit einer sehr spielerischen Kunstform zu tun haben.
Vor allem aber – und das ist der große Mehrwert – erinnert das Stück sehr hintergründig daran, dass Tanzen, ebenso wie Kochen, eigentlich etwas völlig Alltägliches, zutiefst Menschliches und vor allem sehr Soziales wäre. Etwas, das wir als Medium zum Geschichtenerzählen verwenden könnten. Etwas, über das wir uns auf einer sehr basalen Ebene ausdrücken könnten. Vor allem etwas, das uns (wie das wiederum auch das Kochen tut) daran erinnert, dass wir primär verkörperte Wesen sind, und nicht nur verkabelte, verschaltete Gehirne mit einem praktischen „Like“-Button. Wir haben den Tanz aber in die großen Ballsäle und auf die großen Bühnen verbannt und ergötzen uns lediglich als Publikum daran; wenn wir dann einmal angehalten wären, uns selbst ein wenig zu bewegen, können wir kaum mehr als schunkeln und hopsen.
Diese Botschaft steht natürlich in eigentümlichem Widerspruch zum beeindruckenden Können der Tänzer, aber der Charakter des Stückes wird dadurch nicht paradox. Jeder einzelne Künstler zeichnet sich nämlich durch seine Persönlichkeit viel mehr aus denn durch seine besonders biegsame Anatomie – da wird, neben allen Gags und kabarettistischen Einlagen, zum Beispiel auch die Geschichte zweier vaterloser Jungen erzählt. Eine davon ist genau genommen die Geschichte eines kommunistischen Intellektuellen, der zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur ermordet wird, und seines Sohnes, der sich nicht an ihn erinnern kann. Vor diesem Hintergrund wird dann eine simple Sonntagspasta, die die Großfamilie in der gemeinsamen Küche kocht, zu einer schwerwiegenden, existenziellen Angelegenheit.
Dazwischen holt immer wieder jemand ein Akkordeon oder eine Gitarre hervor und begleitet die Kollegen live. Solche einfachen Mittel lassen immer wieder die alltägliche Lebendigkeit und die erhabene Kunst, für die Tanz in seinen verschiedenen Formen steht, zusammenfallen.
Revolution ist das keine. Aber dafür eine Erinnerung daran, was – auf der Bühne und in der Küche – so alles möglich wäre.
„Confessions & Cuisine“ wird abendlich von 01. bis 05. Juli aufgeführt. Restplätze sind hier verfügbar. Das Stück eignet sich übrigens nicht zuletzt auch ganz hervorragend zur ästhetischen Bildung von Jugendlichen und etwas älteren Kindern.


Zum Reinschauen


Titelbild: (c) Tanzsommer

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