Das Handwerk ist tot, es lebe das Handwerk!

9 Minuten Lesedauer

Von der Wichtigkeit der Hände


Wenn man ein Bild davon entwirft, wie unser Körper im Gehirn repräsentiert ist, sind die Hände riesengroß. Sie sind, neben Augen und Mund, die für uns dem Gefühl nach wichtigsten Körperteile. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, welche unwahrscheinlichen Dinge Menschen mit ihren Händen herstellen können: Stickereien und Skulpturen, Goldschmuck und Grafiken. Trotzdem sagen manche, dass das Handwerk – das altmodische, aufwändige Kunsthandwerk, für das man so viel Können braucht – aussterben wird. Was wir zum Leben brauchen, können wir auch anders, schneller und billiger herstellen. Das hat den Vorteil, dass mehr Zeit für die kreative Kopfarbeit, für Innovation, Entwicklung, Dienstleistung bleibt. Bald wird niemand mehr stupide körperliche Arbeit verrichten müssen.
Aber wieso weigern sich dann manche so hartnäckig, die Herstellung unserer Gebrauchsgegenstände aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China zu überlassen? Sie brauchen den Export dringend, wir profitieren von der billigen Arbeitskraft – das ist das, was man in der Ökonomie so schön eine Win-Win-Situation nennt.
Also: Reine Sentimentalität? Nein, ich meine nicht.


Endlich eine Ausstellung!


Im alten Innsbruck reihte sich ein Handwerksbetrieb an den anderen. Das alte Innsbruck ist noch nicht ganz verschwunden. Auch die Handwerksbetriebe sind es nicht.
Manche davon sind ins Stadtbild verwoben und den meisten Innsbruckern zumindest vom Vorbeigehen bekannt – der Hutmacher Held am Burggraben etwa, oder die Schleiferei Bohner in der Maximilianstraße. Andere muss man hartnäckiger suchen oder zufällig darüber stolpern. Viele kennt man überhaupt nicht.
Günter Richard Wett und Robert Gander haben sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt; mit denen, die noch im 19. Jahrhundert gegründet wurden, aber auch mit solchen, die erst ein paar Jahre alt sind. Daraus ist eine vielseitige Ausstellung entstanden, die derzeit im WEI SRAUM in der Andreas-Hofer-Straße zu besichtigen ist.
Gander ist Kunsthistoriker und Kurator, Wett Fotograf. Ihre Bilder und Videos sind digital, aber doch wunderbar „analog“. Weil sie schlicht und ohne Schnörkel zu zeigen versuchen, was Handwerk im Detail ist: Feingefühl, Geduld, ein Habitus. Die Beziehung zu den Kunden. Auch viel Routine, die ewige Wiederkunft des Gleichen. Manchmal wenig Innovation. Wie schön.
Auch die Fotografie ist ein inzwischen altes Handwerk, das man beherrschen muss.
Es ist aber auch eine Kunstform, die einen anderen Blick auf die Dinge ermöglicht, weil sie sie aus ihrem gewöhnlichen Wahrnehmungskontext herausnimmt.
Die Ausstellung ist für sich genommen ein ästhetischer Genuss. Sie lädt aber auch dazu ein, fortan mit mehr Muße durch Innsbruck zu schlendern und nach der Alpinschmiede (Innstraße) oder der erst in diesem Jahr gegründeten Shoefactory Sasch (Kiebachgasse) zu suchen. Neben dem Digitalen sind auch Dinge für die Hände ausgestellt – Exponate aus den unterschiedlichen Handwerken, Schusterleisten, Hutformen, mechanische Nähmaschinen.
Daneben zeigen Robert Ganders Videos in Großaufnahme das einzig Relevante: Die Hände der Hersteller beim Arbeiten, wie sie Nudeln formen, Taschen nähen, Leder schneiden. Das ist beinahe meditativ.
Und es wird auf einen Schlag klar, weshalb einerseits alte Betriebe – wie etwa die Metzgerei Hans v. Stadl in diesem Jahr – schließen müssen, während andernorts junge Betriebe gegründet werden – wie die Alpinschmiede Habeler oder die Nudelmanufaktur Cerana. Weil sie höchst unzeitgemäß sind. Weil alle wesentlichen Eigenschaften des Menschen unzeitgemäß sind. Aber dafür sind sie wesentlich.


Handwerk macht uns mit zu Menschen…


Neben unserer beeindruckenden Fähigkeit, Gedankengebäude zu errichten, ist es nämlich in erster Linie das Handwerk, das Kultur in ihren vielfältigen Formen konstituiert.
Viele andere Säugetiere benützen Werkzeug – sie passen die Umwelt ihren Bedürfnissen an. Doch kein Tier außer dem Menschen erachtet das Produkt als Zweck und nicht als Mittel. Keinem anderen Tier ist daran gelegen, etwas Schönes oder Nützliches herzustellen, das bleibt; das auch andere benützen und schön finden können; das vielleicht sogar den Hersteller überlebt und als materielle Spur seiner Existenz zurückbleibt.
Über lange Jahrtausende hingen Wohlstand, Lebensqualität und auch Identität und Ästhetik eng mit dem sich entwickelnden Handwerk zusammen. Es braucht viel Arroganz, damit wir uns im Post-Maschinen-Zeitalter über den homo faber der vormodernen Jahrhunderte erheben können. Nur wenig von den Gebrauchsgegenständen, vom Kunsthandwerk dieser Zeit – ohne Zweifel unvollkommen, umständlich in der Produktion und vergänglich – könnten wir heute noch herstellen. Schon allein, weil uns die Geduld dazu fehlte.
Und es ist auch ein Luxus, den man sich leisten können muss. Eine Handarbeit hergestellte Bürste kostet geschätzt fünfmal so viel wie eine maschinell produzierte.
Aber in einem anderen Sinn ist es auch kein Luxus, sondern etwas sehr Grundlegendes: Jemand hat diesen Gegenstand hergestellt. Jemand hat seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, seine Hingabe darauf verwendet. Er hat es – irgendwie – auch für uns getan. Und wenn wir bei einem Handwerker vor Ort einkaufen, haben wir einen Bezug zu diesem jemand. Wenn uns das klar wird, werden wir die Scheuerbürste nie mehr auf dieselbe Weise verwenden. Wir werden sie als etwas Nachhaltiges sehen. Das ist auch ein guter Nebeneffekt.


 … und ohne Handwerk fehlt etwas


Unsere beeindruckenden und beunruhigenden kognitiven Fähigkeiten sind nichts, wenn wir die sinnliche Beziehung zu unserer Umwelt missachten. Wenn wir unsere Hände nicht benützen, können wir – drastisch ausgedrückt – auch keine Ideen entwickeln und zu Erkenntnissen gelangen. Wenn wir die Dinge um uns herum nicht begreifen (im doppelten Wortsinn), können wir auch nicht über sie nachdenken.
Es ist gutes Handwerk nicht nur Mittel zum Zweck. Der Soziologe Richard Sennett meint in seinem wunderbaren Buch „Handwerk“, dass es im Kern um das Spiel geht. Das Spiel ist der „Ursprung des Dialoges den der Handwerker mit Materalien wie Ton und Glas führt“.
Und wenn das Handwerk aus unserem Leben verschwindet, gehen uns deshalb vielleicht auch andere Dinge in unserem Inneren verloren, an denen uns viel liegt.
Aber an dieser Stelle muss ich mich verabschieden. Ich habe Lust bekommen, meine Hände auch noch zu etwas anderem als zum Tippen zu nutzen…
Die Ausstellung „Übergangsorte“ ist noch diese und die gesamte nächste Woche im WEI SRAUM zu sehen – am Dienstag von 13 bis 20 Uhr, Mittwoch-Freitag von 13 bis 18 Uhr und zuletzt am Samstag von 11 bis 18 Uhr.
Die Handwerksbetriebe sind natürlich auch außerhalb und nach diesen Zeiten unbedingt zu besuchen, und wenn es nur ist, um wieder einmal ein wenig Werkstattluft zu schnuppern.
Besonders reizvoll ist etwa der Uhrmacher Schmollgruber, der sogar, so wird gemunkelt, ein kleines Uhrenmuseum hat. Auch in den östlichen Viaduktbögen tut sich viel, ein Spaziergang in der Gegend lohnt sich. Sehr schön ist zum Beispiel die Porzellanwerkstatt in Bogen 132. 
Mehr zum Thema:
Ein wunderbarer Bildband zu den außergewöhnlichsten und innovativsten Handwerksbetrieben Europas wurde 2015 im Gestalten Verlag veröffentlicht – „The Craft and the Makers“. Richard Sennett beleuchtet in seinem 400-Seiten-Essay „Handwerk“ die historische, anthropologische und soziale Dimension von Handwerk. Das ist sehr spannend, auch wenn man nicht das ganze Buch lesen mag.

Titelbild: (c) Günter Richard Wett

1 Comment

  1. Sehr geehrte Frau Haas,
    danke für Ihren interessanten und spannend geschriebenen Artikel. Eine kleine Anmerkung sei erlaubt: ich vermute, dass Menschen, die sich für sorgfältig gefertigte Handarbeit interessieren, durchaus über eine Aufmerksamkeitsspanne verfügen, die ihnen ermöglicht, ein Buch mit 400 Seiten zu lesen. Coffee Table Books sind unsere Sache nicht.
    Freundlich grüsst,
    Gerhard Kronthaler

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