Der Geschirrspüler

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© Bastian Wilkat / Pixelio.de

Türme aus Tellern drohen langsam in sich einzubrechen. Massen an Essensresten fangen langsam an zu schimmeln. Der süßliche Duft nach verdorbenen Mahlzeiten findet den Weg aus der Spüle direkt in die Nase. Bis jetzt konnte man sich davor drücken, wenn man es einfach ignorierte. Man dachte sich, dass  es noch warten könne, da man ohnehin noch den einen oder anderen sauberen Teller in der Wohnung finden konnte. Doch es gibt einen Punkt an dem es nicht mehr anders geht.

Wie ein Kind, welches nicht den Spielplatz verlassen möchte, wie ein Jugendlicher, welcher nicht um zehn Uhr nachts heimgehen will, wie ein Choleriker, welcher nicht leiser reden möchte, möchte ich nicht den Weg zur Küche antreten, um den Abwasch zu erledigen.

David, es muss getan werden, rede ich mir ein. In einer sauberen Küche lebt es sich besser, du kochst doch eh so gern, das bisserl Abwaschen gehört nun mal dazu. Ich spiele mir selbst etwas vor. Mein Hirn versucht zwanghaft eine Illusion, ja eine Vision, in sich selbst einzuschleusen. Eine Illusion der Akzeptanz des Abwaschens. Es wird als leichte, alltägliche Arbeit vorgegaukelt, in Wahrheit würde ich lieber meine letzte Mahlzeit verspeisen und erhobenen Hauptes gemeinsam mit dem Henker meinen letzten Gang Richtung Schafott bestreiten, als nur noch ein einziges Mal mit den aufgeschwemmten Händen, die denen einer Wasserleiche gleichen, von Tellern Essensreste zu kratzen an die ich mich nicht einmal erinnern kann, sie je als Mahlzeit gehabt zu haben.

Und dennoch wasche ich ab. Immer und immer wieder. Man wohnt ja leider nicht alleine und die Toleranz des Mitbewohners kennt auch seine Grenzen. Für ihn tue ich es, nicht für mich. Wenn es nach mir ginge, würde ich vom Tisch essen, nur um schmutziges Geschirr zu vermeiden. Aber er versteht mich nicht. Er teilt mein Leiden nicht. Sein Hirn erzeugt vielleicht schönere und glaubwürdigere Illusionen vom Abwaschen. Er wäscht ab und ist danach immer noch guter Laune wie zuvor. In mir stirbt jedes Mal ein Teil sobald der erste Tropfen Spülmittel meine braunen IKEA-Teller berührt. Danach bin ich depressiv, denke über mein Leben nach, frage mich warum ich arm bin, frage mich was ich bloß tue und warum zur Hölle ich das Geld für einen scheiß Geschirrspüler nicht habe.

© CFalk / Pixelio.de

Das sind doch nur ein paar Jahre, David, dann hast du dein Studium abgeschlossen, stehst mit beiden Beinen im Leben und kannst dir einen leisten. Mein Hirn versucht mir Bilder einer schöneren Zukunft vorzusetzen, wie sooft, wenn das Gegenwärtige nicht nach eigenen Vorstellungen und Idealen gelebt werden kann. Fick dich Hirn, du warst mir noch nie eine Hilfe. Was bringt mir zukünftig ein Geschirrspüler , wenn er mich jetzt vor dem Suizid bewahren soll?

Abend für Abend weine ich mich in den Schlaf. Die Hände die mein Gesicht verdecken riechen nach Pril mit Citrusduft. Ich könnte kotzen. Wann werde ich endlich frei sein? Ich sehne mich nach dir, Geschirrspüler. Ich hätte diese Welt der Freude die meine Eltern für mich kreiert hatten, nie verlassen dürfen. Ich hätte nie gedacht, dass du mir so fehlen würdest. Bei all dem technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte, bist letztendlich du der König der Maschinen, das Allerheiligste das je von Menschen geschaffen wurde. Du bist die erste warme Frühlingsbrise nach dem kältesten Winter, du bist mein Zufluchtsort während des furchtbarsten Sturmes, du bist mein Alka Seltzer gegen den schlimmsten Kater.

Du bist mein Anti-Depressivum.

1 Comment

  1. Lieben Dank für deinen tollen Artikel.
    Ich habe deinen Weblog schon länger im Feed abonniert. Und heute musste mich mal einen kurzen Kommentar da lassen .
    Mache genauso weiter, freue mich bereits jetzt schon auf die nächsten Artikel

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