Wien – nicht auszuhalten

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© Karl-Heinz Laube / Pixelio.de

„Man kann es in Wien nicht mehr aushalten, aber woanders auch nicht.“ – Helmut Qualtinger

Es ist der 20. September. Gerade habe ich das Bett in meiner neuen Mietwohnung aufgestellt. Der Dramaturgie der Geschichte zutragend regnet es. Jetzt komme ich nicht mehr aus, die ersten Schritte sind getan. Ich ziehe von Innsbruck nach Wien.

Warum eigentlich? Könnte ich nicht noch ein paar Monate Ferien machen, vielleicht sogar einen Teilzeitjob annehmen (glaube ich mir selbst nicht), und dann mit dem Studium erst im Sommersemester anfangen? Eventuell sogar in Innsbruck? Nein. Nein, jetzt geht es nicht mehr, die Wohnung ist bezogen, die Anzahlung gemacht. Es gibt kein Zurück. Als mir dieser Gedanke kommt, bekomme ich Angst, alles wirkt so final. Aber die Frage des Warums verschwindet trotzdem nicht. Man will halt seinen Horizont erweitern. In der Hauptstadt ist ja viel mehr. Zumindest wird das einem so gesagt. Idioten.

Irgendwie fühle ich mich noch nicht ganz zuhause in der neuen Wiener Wohnung. Es liegt vermutlich an der Abwesenheit von Fernseher und Internet, die ich durch lange verwöhnte Jahre im Elternhaus nicht ertrage. Eine bekannte Social Network Seite die von mir zwar verspottet, aber trotzdem betrieben wird, fehlt auf einmal, Voyeurismus und Exhibitionismus können nicht befriedigt werden. Auch das früher als unterirdisch bezeichnete Pro7 Programm wird nun bitter vermisst. Weil ich mir die sich stark bemerkbar machende Medienmanipulation nicht eingestehen möchte, man ist ja unabhängig, rede ich mir recht überzeugend ein, dass der Grund des „Nicht-Heimisch-Fühlens“ einzig und allein am Essen liegt. Was denn sonst? Kulinarisch bin ich einfach noch nicht in Wien angekommen, der Schock, dass die liebe Oma nicht mehr für mich kocht, ist wohl doch zu groß.

Na gut, dem müsste doch Abhilfe zu schaffen sein. Erster Gedanke: Ab ins nächste gemütliche Beisl und Schnitzel essen. Zweiter Gedanke: Scheiße ich bin Student und daher arm. Glücklicherweise befindet sich unweit meiner Wohnung eine typische (=krankheitserregend aber billig) Würstelbude am Gürtel. Mit neuer Hoffnung erfüllt erkenne ich auf dem Weg dorthin anhand langweiliger Architektur, dass das Wien des 18. Bezirkes wohl doch nicht so anders aussieht wie das bereits bekannte Innsbruck. Ob ich das jetzt gut oder schlecht finden soll weiß ich nicht so recht. Noch einmal an die Heimat erinnert werde ich, als ich einen stark betrunkenen, vermutlich Arbeits- und/oder Obdachlosen auf mich zu torkeln sehe. Als er an mir vorbeigeht verspüre ich nicht wenig Stolz, als ich sowohl den Drang mich zu übergeben als auch den, den besagten Wankenden umzuschubsen, unterdrücke.

Fast bei der Würstelbude (dafür muss es doch wohl ein besseres Wort geben?) angekommen will mich Wien doch wieder abstoßen. Hundeschei…, ähh ich meine ein „Hundstrümmerl“, stellt sich mir provokant in den Weg. Was habe ich dieser Stadt nur getan, dass sie mich einfach nicht hinein lässt. Der Mut verlässt mich, bin kurz davor umzukehren. Aber naja, wenn man schon so weit gekommen ist, dann will man das jetzt auch durchziehen. Irgendein ganz schlauer Philosoph hat das irgendwann irgendwo sicher einmal wortgewaltiger gesagt. Den möchte man doch nicht enttäuschen. Ich schreibe es nicht zuletzt dem, im Alter von 10 Jahren besuchten Judokurs zu, dass ich dieses dunkelbraune Hindernis mit einem gekonnten Sprung überwinde.

Endlich beim Wiener Speisemekka angekommen muss ich erst warten bis ein Mitte-20er bestellt hat. Nachdem dieser seinen leicht abschreckend aussehenden Hotdog zuerst mit einen gierigen Bissen von seiner Grundform erlöst und dann angewidert dreinschauend in die Mülltonne befördert hat, bin ich doch etwas skeptisch bei meiner Bestellung. Der Anblick des Verkäufers, als er in eine Serviette niest und diese auf den Stapel zurücklegt, gibt meinem eher empfindlichen Magen den Rest. Ich drehe mich um. Essen wird sowieso überbewertet.

Es reicht. Das wars, ich gebe auf. Schon nach einem Tag halte ich das Abenteuer Wien nicht mehr aus. Ich fühle mich wie im Dschungelcamp, will einfach nur hinaus und schäme mich nun auch noch, dass ich das Dschungelcamp kenne. Ich mache mich wieder auf den Rückweg in meine Wohnung. In meine schon nach kurzer Zeit verhasste WIENER Wohnung. Ich möchte einfach nur schlafen. Am besten verschlafen. Das ganze nächste Jahr. Es soll einfach nicht sein. Mein Gehirn kratzt wohl die letzte positive Energie in mir zusammen, es formt sich der Gedanke, dass es ja mit der Zeit besser werden könnte. Vielleicht habe ich einfach einen schlechten Tag erwischt und Wien ist gar nicht so schlimm. Kurz nachdem dieser Gedanke gedacht ist, spüre ich wie ich in ein Hundstrümmerl trete.

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