Terror in Wien: Warum wir jetzt besonders aufpassen müssen

So nahe war der Terror noch nie. Zumindest nicht in meiner kleinen Welt.

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Terrorismus ist ein Begriff, der seit dem 11. September 2001 zu meinem aktiven Wortschatz gehört. Mit 13 Jahren saß ich mit meinem Cousin vor einem kleinen Fernseher, als das aktuelle Programm durch eine Eilmeldung unterbrochen wurde. Wir sahen live, wie Flugzeuge in amerikanische Hochhäuser flogen. Ein Ereignis, das sich bis heute in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Ein Anschlag, der die Welt verändert hat.

Seitdem ist viel passiert. Doch der Terror war für mich stets nur am Bildschirm oder in Zeitungen präsent. Ich erinnere mich an Anschläge im mittleren und nahen Osten, in Nigeria, Kamerun, Paris, Madrid, Brüssel, Dresden, Berlin und Nizza. Ich war betroffen, erschüttert und habe das eine oder andere Mal, in den sozialen Netzwerken, öffentlich meine Anteilnahme bekundet. Dabei habe ich mich immer gefragt, wie werde ich empfinden, wenn das einmal bei uns passiert.

Natürlich gab es auch in den vergangenen Jahren Anschläge terroristischen Ausmaßes in Österreich. Selbstverständlich erinnere ich mich an den einen oder anderen Amoklauf und an den Winter, als die Angst auf Europas Weihnachtsmärkten allgegenwärtig war. Doch der Terroranschlag, der vorgestern in Wien verübt wurde, war anders.

Profil-Herausgeber Christian Rainer geht in seinem Kommentar „Das ist kein Krieg“, über den ich zufällig gestolpert bin, auf Spurensuche, wieso dieser terroristische Akt uns Österreicher so sehr trifft. Eingangs liefert Rainer eine Einordnung der Ereignisse und meint: „Was Wien, was Österreich in der vergangenen Nacht erlebt hat, ist nicht der Beginn eines Krieges, es ist kein Tsunami mit Hunderttausenden Toten, kein Atomkraftwerk ist in die Luft geflogen.“ Unser aller Anteilnahme gehört den Opfern dieses heimtückischen Angriffs und den Hinterbliebenen.

Reduziert auf die Faktenlage, so Rainer, war dies ein Anschlag, bei dem „ein Attentäter mit islamistischem Hintergrund, möglicherweise auch vernetzt, einen geografisch schmal eingegrenzten Anschlag verübt“ hat. Der Staat hat funktioniert. Die Exekutive konnte den Täter nach neun Minuten stoppen. Die Rettungskette wurde sofort in Gang gesetzt und so noch Schlimmeres verhindert.

Fast zeitgleich sterben bei einem Anschlag an einer Universität in Kabul, den ebenfalls der IS verübt haben will, mindestens 22 Studierende. Unser Schock gründet jedoch auf den Bildern aus der rot-weiß-roten Bundeshauptstadt.

Ich habe mich immer gefragt, wie ich empfinde, wenn der Terror meine kleine Welt betritt. Nun habe ich die Antwort. In mir wurden Mechanismen in Gang gesetzt, die ich vorher vehement abgestritten hätte. „Am besten hängen sie den Trottl kopfüber vom Stephansdom“, schimpfte ich um 7 Uhr beim Frühstück. Dabei bin ein entschiedener Gegner der Todesstrafe. Kein Mensch soll über das Leben eines anderen entscheiden. Der Tod ist eine viel zu einfache Fluchtmöglichkeit, um dem eigenen Gewissen zu entgehen.

„Langsam geht mir dieser Islam echt am Oas***.“ Dabei weiß ich und bin überzeugt, dass keine Religion dieser Welt etwas mit dieser Art von Terror zu tun hat und der Koran, genau so wie die Bibel, das Töten eines Mitmenschen verbietet und scharf verurteilt.

Selbstverständlich habe ich die Aussagen, Sekunden nachdem ich sie getätigt hatte, richtig eingeordnet und widerrufen.

Doch nun sind wir beim entscheidenden Punkt. So nahe war der Terror noch nie und damit auch die einhergehenden Emotionen. Die stellen eine reale Gefahr dar. Die Gefahr, scheinbar fest verankerte Ansichten zu revidieren, über Grenzen zu gehen und so das Ziel dieser fanatischen Terroristen zu ermöglichen: Hass, Intoleranz und Spaltung. Nach dem Terror in Wien sind wir angehalten besonders vorsichtig zu sein und aufzupassen, dass das nicht geschieht.

In den letzten Jahren war ich mit unserem Bundeskanzler selten einer Meinung. In einer Sache muss ich ihm lautstark und uneingeschränkt zustimmen: „Aber es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist. Dies ist ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glauben, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschen.“

Es ist an uns, uns dieser Sache bewusst zu sein. Der Terror war noch nie so nahe. Die Antworten können nur „Menschlichkeit, Toleranz und Zusammenhalt“ sein.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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