(c) Helmuth Schönauer

Wie lese ich ein Feuilleton?

5 Minuten Lesedauer

Beim Lesen gilt die gleiche Faustregel wie bei der Ersten Hilfe: Man kann nur einen Fehler machen, nämlich nicht zur Tat zu schreiten! Beim Lesen eines Feuilletons sind zudem die Erste-Hilfe-Rollen vertauscht. Der Leser mit Atemstillstand wird vom Feuilleton am Brustkorb bearbeitet und reanimiert. 

Was ist eigentlich ein Feuilleton? Vorerst eine ideale Prüfungsfrage, die seit Jahrzehnten gestellt wird, wenn man jemanden elegant über die Rechtschreibklinge springen lassen will. Im alltäglichen Sprachgebrauch freilich ist ein Feuilleton ein kleiner Versuch (Essay), der Emotion und Information ausgewogen präsentiert. Dabei ist es Ehrensache, dass das Feuilleton den Leser schätzt, ohne der Unsitte des Zu-Tode-Genderns zu verfallen.

Das Feuilleton ist zudem ein Kunstwerk, das sich einzeiligen Kommentaren entzieht. Ein Feuilleton fühlt sich verhöhnt, wenn ihm der Leser einen Smilie hinzufügt oder so sinnlose Sachen wie „Bravo!“, „Weiter so!“.
Der Text ist fiktional angelegt, es macht also keinen Sinn, mit ihm zu Gericht zu rennen, um etwas klären zu lassen, was die Zwischenbilanz eines Nachdenkprozesses ist. Ein Feuilleton ist nämlich nie fertig, aber es bestimmt selbst, wann es mit dem Nachdenken weitergeht.
Durch diese kluge Positionierung als Non-Diskurs können Themen angesprochen werden, die in der üblichen Diskussionspraxis tot sind und nur mehr als Reservoir für Kränkungen und Beschimpfungen dienen.
Über Themen wie Migration, Gendern, Klimawandel und Virologie kann das Feuilleton ein Nachdenkangebot machen, aber es verträgt keinen Blog dazu. Diese heiklen Themen werden einerseits wie ein Beipackzettel zum Leben behandelt, zum anderen als pure Literatur. Beides sind übrigens kompliziertere Vorgänge als ein simpler Schaltkreis in einem österreichischen Hirn. 

In jedem Essay stecken ausgewogen formuliert eine Stimmung, ein Faktentransfer und eine Maßnahme.
Das wichtigste dabei ist die freie Themenwahl. Ein Feuilletonbeitrag fußt auf Freiwilligkeit und unterscheidet sich dadurch von Schulaufsätzen, Diplomarbeiten und Meditationen in einer Themenanthologie. 

Diese Freiwilligkeit bringt Themen ans Tageslicht, die sonst oft niemand behandelt. Wenn man davon ausgeht, dass Themen heutzutage von Medienberatern und Spin-Doktoren gestaltet werden, so könnte eine aufgeschlossene Partei ihre Themen auch dadurch finden, dass sie beispielsweise das Alpenfeuilleton regelmäßig liest. Beim Durchgehen von Fallbeispiele aus AFEU ergibt sich alles, was ein politisches Handeln nach sich ziehen könnte. 

Beispiele für Fakten:
– Die Mieten sind in den letzten 20 Jahren um 45 Prozent gestiegen, die Inflation aber „nur“ um 19 Prozent.
– Das ASVG regelt, wie es so hölzern im Text heißt, die „Wechselfälle des Lebens“: Krankheit, Alter, Invalidität.
– Wenn am Innsbrucker Flughafen eine Maschine mit 200 Personen landet, werden 200.000 Menschen aus dem Leben gerissen und müssen innehalten, bis der Lärm vorbei ist. 

Beispiele für Stimmung:
– Ich sitze vor dem Laptop und kein Wort will raus. Das ist traurig und befremdlich zugleich.
– Seien wir also heiter, schließlich scheint meistenteils die Sonne, es ist sommerlich warm, aber nicht zu warm.
– Seit vielen Jahren schreibe ich. Wirklich viel Geld verdient habe ich damit nur äußert selten. Das hat auch zu Krisen geführt. 

Beispiele für Maßnahmen:
– Die größte Denkaufgabe nämlich lautet: Wie groß soll Innsbruck werden? 200.000? 400.000?
– Es braucht aber mehr als nur klare Regeln für die Herkunftsbezeichnung von Fleischprodukten.
– So, wie man nach einem Verkehrsunfall oft die Sitzunterlage der Mobilität wechseln muss, muss man auch die politische Sitzunterlage wechseln, wenn man einen Schaden verursacht hat.
– Bitte schreibt erst dann, wenn ihr auch gelesen habt. 

Das Feuilleton ist schließlich ein Zustand und kein Einzelereignis, es ist eher mit Ruhe und Kontemplation verwandt als mit Agitation. Die wichtigste Empfehlung zum Lesen eines Feuilletons lautet:
Der Leser unterliegt der Holschuld, nicht das Feuilleton der Bringschuld.
Zum Unterschied von manchen Textsorten, die sich mit geschlossenen Augen lesen lassen, sollten beim Lesen des Feuilletons zumindest die Augen aufgemacht werden. Und allein schon die Tatsache, dass fast niemand das Wort Feuilleton richtig schreiben kann, adelt diese Texte ungemein, weil sie aus trivialen Suchanfragen in der Einheitsmaschine herausfallen.

STICHPUNKT 20|37, geschrieben am 26.10. 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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