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Kommentar zu den Kommentaren von „Schlauchboot-Willi“

3 Minuten Lesedauer

Das Feuilleton ist ein literarisches Genre, das den Gesetzen der Literaturwissenschaft unterliegt und sich seit Jahrzehnten ständig dem Umfeld seiner Leserschaft annähert.

In einen Zwiespalt kommt das Online-Feuilleton, weil es oberflächlich wie ein Blog aussieht, über den jeder glaubt, nach Belieben herzuziehen zu dürfen, während es in der Tiefenstruktur ein Essay ist, der in dieser Form Anlass für Diskussion sein kann, aber über dessen Form es nichts zu bloggen gibt.

Das Feuilleton gleicht einem Bild aus Text, das Diskussionen auslösen darf, dessen Gestaltung aber außer Frage steht wie etwa eine Zeichnung oder ein Aquarell.

In meinen Beiträgen „Schreibbloggade“ und „Wie lese ich ein Feuilleton“ habe ich auf das stetige Ringen um eine adäquate Feuilleton-Form hingewiesen.

Ein Feuilleton besteht im Idealfall aus einer These, einem Fallbeispiel und einer Maßnahme. So ist gesichert, dass ein Thema intellektuell halbwegs brauchbar aufbereitet werden kann.

Im hier nicht ganz richtig gewürdigten Beitrag zum „Schlauchboot-Willi“ lautet die These, dass in der Politik niemand das ist, was er sagt, sondern das, was man über ihn sagt.

In der Folge wird gezeigt, dass die Selbsteinschätzung des Bürgermeisters und die Fremdeinschätzung durch die Bevölkerung je nach Thema oft weit auseinandergehen.

Im sogenannten Fallbeispiel wird eine Konfliktszene in einem Wohnhaus dargestellt, worin Asylwerber angesiedelt worden sind, die Erzählform besteht aus Ausrufen, „Aerosolen“, Flüchen und Schlagwörtern.

Diese Sätze dieses Konglomerats sind unerfreulich, müssen aber so gezeigt werden, damit die vorgeschlagenen Maßnahmen einen Sinn haben.

Die Maßnahmen lauten:

– reden mit der Bevölkerung

– zuerst Wohnung, dann Aufnahme

– als Zwischenlösung Partnerschaft mit Lesbos

– Maßnahmen soll der Bürgermeister nur setzen, wenn er auch eine politische Legitimation dafür hat

Der Leser erhält diesen Artikel, der bei einer Beratungsagentur einen stolzen Preis hätte, kostenlos. Ebenfalls erhält der Bürgermeister einen Maßnahmenkatalog, der ihm beim Ankauf durch ein Marketing-Institut eine stolze Summe kosten würde.

Das Feuilleton in dieser Form ist kostenlos, weil es sich als Beitrag zur Diskussionskultur in einer Demokratie versteht.

Niemand wird gezwungen, ein Feuilleton im Netz aufzusuchen, wenn er es nicht goutiert.

Die Forderungen freilich, gewisse Wörter zu verbieten, den Fall zu ignorieren, den Artikel zu entfernen und die Diskussion einzustellen, sind schon sehr gewagt.

Dieses Verhalten ist etwa so kühn, wie das Aufsuchen einer Firmen-Website, um dann zu befehlen, welche Artikel alle aus dem Sortiment genommen werden müssen.

Meine Lehren aus diesem Fall:

– Ich verlange nach einem Verbots-Duden, wo alle Wörter drinnen stehen, die man verbieten soll, damit ich nachschlagen kann, was ich noch verwenden darf.

– Ich unterfertige künftig Artikel mit dem Vermerk: Achtung: Dieser Text ist Literatur und kann nicht be-postet werden.

In der Hoffnung, dass sich nicht nur das Feuilleton, sondern auch seine Leser weiterentwickeln.

Geschrieben am 22.11. 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 50 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension | Drei Bände (2020-2022)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)
* Antriebsloser Frachter vor Norwegen | Austrian Beat (2021)
* Outlet | Shortstorys zum Überleben (2021)

2 Comments

  1. Am besten wäre es, wenn sich Feuilletonist*innen weiterentwickeln. Ihren Zynismus und ihre Selbst- und Abfälligkeit gibt es wohl gratis dazu. Welch Peinlichkeit.

  2. Lieber Helmuth, liebe Kommentatoren zum „Schlauchboot-Willi“,
    manchmal geht ein Text einfach daneben. Da hilft es dann auch nicht mehr, den Text und seine Intention nachträglich zu erklären. War einfach ein Scheiß-Text. Basta.Das nächste Mal eben besser. Ist auch keine Katastrophe, sich dafür entschuldigen zu müssen, wenn mal was nicht gelingt. Beste Autoren sind schon, gemessen an ihrer Intention, in falsche Schubladen geraten. Thomas Bernhard, zum Beispiel, ununterbrochen. Man sollte das Missverstanden-Werden bloß dann nicht zum Arbeitsprinzip erheben und sich zum Opfer stilisieren. Und die Leser sollten einen Autor/ eine Autorin nicht an einem einzigen Text messen. Und ja, Literatur muss frei sein und kann ruhig provozieren, sie sollte aber niemals von Leuten, mit denen man sich im Leben nicht gemein machen will, für ihre Zwecke missbraucht werden können. (Jandl-Prinzip). Dafür trägt der Autor/die Autorin stets die volle Verantwortung. Und an die Kommentatoren: Weiterhin genauso sorgfältig lesen und sachlich kritisieren. Danke. Lina

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