Ilses großer Abend

8 Minuten Lesedauer

Ilse sitzt an ihrem Esstisch. Er ist klein, schon etwas in die Jahre gekommen und wackelig. Das stört sie nicht. Es ist ihr Tisch. Albert hat ihn damals zusammengebaut, vor vielen, vielen Jahren als sie gemeinsam, frisch verliebt, vom Land in die Stadt gekommen waren. Entgegen dem Wunsch ihrer Mutter hatte sie den jungen Mann aus dem Nachbardorf zum Mann genommen und das obwohl er nur ein einfacher Junge war. Als sechstes von sieben Kindern, auf einem Bauernhof aufgewachsen, war es ihm nie vorherbestimmt gewesen die Schule lange zu besuchen. Obwohl er stets wissbegierig und neugierig gewesen war, wofür Ilse ihn stets geliebt hatte, musste er gleich nach der Pflichtschule am elterlichen Bauernhof mitarbeiten. Tagein, tagaus. Da blieb kaum Zeit zum Lernen. Alles was ihm blieb, waren seine Bücher. Drei besaß er. Die las er, ein jedes bestimmt dreihundert Mal. Kurz vorm Schlafen und gleich danach.
Ilse liebte es, wenn er ihr vorlas, aber auch die Geschichten die er frei erzählte, so wie sie seiner Fantasie entsprangen. Er berichtete ihr von Abenteurern, die rund um die Welt segelten, fremde Kulturen erforschten, exotisches Essen zu sich nahmen und allerlei erlebten. Eine Geschichte war ihr immer die liebste gewesen. Sie spielte in England. Der Sohn eines Landgrafen, den ein reiches Erbe erwartet hätte, folgte seinem Herzen, gab alles auf und ging mit seiner großen Liebe, einer einfachen Magd in das ferne London. Dort eröffneten sie gemeinsam ein Geschäft für Düfte. Die Qualität der handgemachten Parfums und die Hingabe mit der die beiden ihren Landen führten, fanden großen Anklang bei der feinen Londoner Gesellschaft. So kamen die beiden nicht nur zu großem Reichtum, sondern auch zu einem ausgezeichneten Ruf im ganzen Land. Als die beiden Verstoßenen der Ruf des alten Landgrafen ereilte, der nicht wusste, wer hinter den edlen Düften steckte, wagten die beiden eine List. Am Ende musste der knorrige, sturköpfige Alte seinen Fehler eingestehen und die Verbannung wurde aufgelöst.
Ilse mochte diese Geschichte, da sie sie an ihre eigene erinnerte. Sie, aus gutem Hause, löste sich früh von ihrem Elternhaus und ging mit ihrem Albert in die große Stadt, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ilse war eine so begabte Schneiderin, dass die Menschen aus den fernen Großstädten extra anreisten, um sich von ihr, aus den feinsten Stoffen, ihre Kleider, Kostüme und Anzüge nähen zu lassen. Albert war der ideale Partner dafür gewesen. Er verstand es die Kundschaft so zu unterhalten und zu begeistern, dass diese selten mit weniger, meist mit mehr Kleidern das Geschäft wieder verließ, als sie es ursprünglich geplant hatte.
Diese Zeiten lagen nun schon lange zurück. Ilse und Albert mussten das Geschäft irgendwann verkaufen. Ihre Augen waren schwach geworden und mit den großen Geschäften die hunderte, tausende Schneider und die neuesten Maschinen hatten, konnte sie einfach nicht mithalten. Da half selbst Alberts Charme irgendwann nichts mehr. Mit der Schärfe ihrer Augen, verabschiedeten sich auch die Kunden und das kleine Geschäft, mit der holzvertäfelten Außenfassade, den Stoffpuppen im Schaufenster, dem großen, schweren Verkaufstresen und der alten Nähmaschine musste schließen. Das große Happy-End, wie es dem Paar in Alberts Geschichte geschenkt wurde, bleib aus.
Auch wenn ihr das große, freudige Ende verwährt geblieben war, verlor Ilse nie ihre Freude am Nähen. Auch heute sitzt die mittlerweile 83-Jährige hinter dem festlich dekorierten Fenster, an dem wackeligen Esstisch und näht. Diesmal tut sie es jedoch nicht für andere, sondern für sich. Ein dunkelgrüner Blazer soll es werden. Von dem hat sie immer geträumt. Audrey Hepburn, die Ilse immer für ihren Stil und ihren Anmut bewunderte, hatte einen solchen einmal bei einer glamourösen Abendgala getragen. Damals hatte Ilse sich geschworen, dass sie einestages einen eben solchen selbst nähen würde. Und zwar für sich. Sie wollte nur einmal nicht die geschickte Dienerin sein, die in ihrer kleinen Stube hinter dem Verkaufsraum an der Maschine saß und für die feinen Damen und Herren die schönsten Kleider nähte. Einmal wollte sie im Rampenlicht stehen, sie der Mittelpunkt, sie die schönste Frau des Abends sein nach der sich alle umdrehen, um dann beeindruckt zu tuscheln. Albert hatte ihr versprochen sie eines Abends auszuführen. Erst in das schönste Restaurant der Stadt und dann zum Tanzen. Eines Tages werden sie das gemeinsam machen. Das wird unser Abend, hatte er ihr damals versprochen.
Heute ist es endlich so weit. Der Blazer ist fast fertig. Zwei Wochen hat sie daran gearbeitet, Abend für Abend. Nur Kleinigkeiten sind noch zu machen. Innerlich freut sich Ilse schon wie ein kleines Kind. Diese warme Aufregung sammelt sich in ihrem Bauch. Die gleiche positive Anspannung und Vorfreude, wie sie Kinder verspüren, wenn der heilige Abend endlich gekommen und die Bescherung noch nur Augenblicke entfernt war. Die Ungeduld kriecht in Ilse hoch, so, dass sie sich selbst dazu ermahnen muss ruhig zu bleiben, um ja keinen Fehler zu machen, so kurz vor Schluss. Sie greift nach ihrer warmen Tasse Tee und nimmt einen kräftigen Schluck. Ihre Hände zitterten vor Aufregung so stark, dass der Früchtetee aus der Tasse und fast auf ihren Blazer schwappt.
Endlich sind die letzten Feinheiten gemacht. Ilse geht ins Bad, um sich hübsch zu machen. Sie trägt ihr bestes Parfum auf, so wie es die feinen Herren und Damen in der Geschichte von Albert immer taten und zieht ihren Blazer über. Nun steht sie vor dem großen Spiegel und schaut sich an. „Alt bin ich geworden. Sehr alt. Wie lange ist es her, als ich in den Spiegel blickte und mir ein mädchenhaftes, junges, strahlendes Gesicht entgegenblickte? Viele, viele Jahre. Aber heute spielt das keine Rolle. Heute ist unser Abend Albert. Wir haben es uns versprochen. So wie der Landgraf und die feine Londoner Gesellschaft in deinen Geschichten. Wann hast du mir diese Geschichte eigentlich zum Letzten Mal erzählt? Sie fehlt mir so.“
Ilse zupft ihren Blazer zurecht, bindet den dunkelroten Schal um ihren Hals und zieht den Mantel über. Sie öffnet die Türe und tritt hinaus an die frische Luft. Heute ist ihr Abend.

Hier kommst du zum ersten Teil der "Weihnachtsgeschichte 2015".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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