Kapitel 7: Es geht los

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Nachdem er den Trimmer beiseite gelegt hatte, nahm er den orangefarbenen, viel zu oft benutzten Einwegrasierer und zog die Konturen des Bartes nach. Er wusste, dass Giulia es mochte, wenn sein Bart schöne Konturen hatte. Das sieht einfach sauberer aus, flötet sie jedesmal wenn er sich rasiert und sie, neben ihm stehend, ihren Lidstrich zieht. Obwohl sie sich kaum schminkt, betont sie Augen gerne. Sie weiß um die Wirkung ihrer Augen und sie wusste sie schon als Kind gekonnt einzusetzen. Ihre Wünsche blieben nicht lange unerfüllt, waren aber auch selten übertrieben. Nachdem Paolos Gedanken wieder im Hier und jetzt waren, stieg er unter die Dusche. Bevor er das Wasser anstellte, hörte er noch einmal aufmerksam nach oben. Doch von Giulia war nichts zu hören. Sie schien noch immer tief und fest zu schlafen. Das war gut so.
Nach einer kurzen, lauwarmen Dusche, zog sich Paolo an. Dafür war er wieder nach oben gegangen, in das kleine Vorzimmer, das zwischen Treppe und Schlafzimmer lag. Dort stand eine kleine Kommode, die seiner Großmutter als Stauraum für Bettwäsche, Handtücher und sonstige Decken gedient hatte. Heute waren dort Paolos Kleider untergebracht. Unterwäsche, Socken, Hosen, Hemden und Pullover. Wenn es zwei Dinge gab, die Paolo nicht leiden konnte, dann waren es T-Shirts und zerknitterte Hemden. Um zweiteres zu vermeiden, packte er seine Koffer immer aus. Selbst bei einer Tagesreise. Obwohl Paolo früher beruflich viel umherreise, kam auf dem Koffer zu leben, für ihn einfach nicht in Frage. Er wählte das dunkelblaue Leinenhemd und die beige Hose. Dazu die blauen Segelschuhe, die man ohne Socken trug. Die Ärmel des Hemdes stülpte er nach hinten, so dass die schwere, silberene Uhr, die er am linken Handgelenk trug, besser zur Geltung kam. Wenn ein Mann Schmuck tragen durfte, dann eine schöne Uhr, hatte seine Mutter immer gesagt.
Nachdem Paolo angezogen war, ging er zurück ins Schlafzimmer. Dort lag sie, noch immer mit geschlossenen Augen. Doch als er das Zimmer betrag reckte sie sich und drehte sich zu ihm. „Kommst du noch einmal rein? Ganz kurz?“, fragte sie. „Nein meine Schöne, wir müssen auf und in die Stadt. Hörst du die Sirenen?“ Giulia riss die Augen auf. „Paolo, was ist passiert?“


Zu den vorhergehenden Kapiteln:
Kapitel 1: Jeder Tag ein Neuanfang
Kapitel 2: Risse an der Oberfläche
Kapitel 3: Bilder für die Ewigkeit
Kapitel 4: Sie sind wieder zurückgekehrt
Kapitel 5: Ekelhafter Gestank und eine offene Türe
Kapitel 6: Ein Kennenlernen

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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