Adventgedanken 2016

5 Minuten Lesedauer
(c) Mike Kniec, An Irish Girl at the Christmas Market, flickr.com

Gestresst, müde und niedergeschlagen betrete ich kurz vor Ladenschluss ein kleines Geschäft in Berlin-Friedenau. Ich bin genervt – muss für einen Arbeitskollegen ein Wichtelgeschenk besorgen und bin schon reichlich spät dran. Unkonzentriert und fahrig bemerke ich erst kurz bevor ich die Ladentheke erreiche, dass sich das junge Mädchen dahinter verstohlen die Augen reibt. Offensichtlich ist sie den Tränen nahe. Ich bin überrumpelt und mit der Situation überfordert. Wahrscheinlich deshalb rutscht mir ein unbeholfenes „Alles ok bei dir?“ raus. Noch im selben Moment könnte ich mich für die schwachsinnige Frage ohrfeigen – natürlich ist nicht alles ok bei ihr. Und prompt bricht das Mädchen in Tränen aus.
Ein junger Mann, der nach mir das Geschäft betreten hat, wirft mir einen verstörten Blick zu und tritt unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Währenddessen versucht sich das Mädchen wieder zu fangen und reibt sich erneut hektisch über die nun schon rot umrandeten Augen. Gleichzeitig beginnt sie aber zu erzählen: Ein Kunde habe sie gerade auf’s Übelste beschimpft und angeschrien. Es ging um eine Lieferung, die nicht richtig angekommen sei – wofür das Mädchen aber keine Schuld traf. Bereits während die Worte aus ihr heraus sprudeln, kämpft sie erneut mit den Tränen.
Spontan schießt mir durch den Kopf, wie sehr mich das Mädchen gerade an mich selbst erinnert. Auch ich hatte eine äußerst schwierige Arbeitswoche und war allein am heutigen Tag mehrfach den Tränen nahe. Auch in meinem Fall war ungerechtfertigte Gehässigkeit im Spiel. Noch während mir diese Gedanken wie Blitze durch den Kopf schießen, setzen sich meine Beine bereits in Bewegung. Ehe ich mich versehe, stehe ich hinter dem Verkaufstresen und nehme das schniefende Mädchen mit den rot geweinten Augen ganz fest in den Arm. Ich spüre wie nach einem kurzen Moment der Unbehaglichkeit – vor der Berührung einer völlig fremden Person – die Spannung von dem Mädchen abfällt und sie den angebotenen Trost dankbar entgegen nimmt. Zu meiner Überraschung merke ich, wie sich auch in mir ein Knoten löst und die Anspannung der schwierigen Tage sich zwar nicht in Luft auflöst, aber immerhin verblasst. Genauso, wie uns beide an diesem Tag eine unerwartete Welle an ungerechtfertigter Gehässigkeit überrollt hat, ziehen wir nun beide Trost aus dieser kurzen und spontanen Geste der Menschlichkeit.
Mit brennenden Wangen ziehe ich mich nach einem kurzen Moment zurück und tätschle dem Mädchen noch einmal unbeholfen die Schulter. „Es wird alles gut“, murmle ich, während ich wieder vor den Tresen husche. Noch während ich zurückgehe, bemerke ich den warmen Blick des jungen Mannes, der die Situation beobachtet hat. Auch er lächelt. Ein wenig verlegen kaufe ich das Wichtelgeschenk und wünsche dem Mädchen beim Hinausgehen ein schönes Wochenende. Sie solle sich gut erholen, meine ich noch, dann fällt die Tür ins Schloss und ich trete auf die dunkle, kalte Straße. An mir hasten Menschen vorbei, die hektisch ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Ich fühle mich nicht mehr als Teil dieser diffusen Masse und schlendere lächelnd zu meinem Fahrrad. Dieser kurze Moment, der nur wenige Sekunden gedauert hat und doch so voller unverhoffter, purer Empathie für mein Gegenüber war, hat mir Kraft geschenkt. Kraft, die vielen kleinen Gehässigkeiten unserer Gesellschaft wieder ein wenig besser zu ertragen.
Autorin: Eine engagierte Leserin, die gerne anonym bleiben würde.

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