Urbanität und Provinzialität: So klingt Weltklasse!

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Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu meiner Heimatstadt Kufstein. Schließlich habe ich achtzehn Jahre meines Lebens in dieser Stadt verbracht. Dann zog es mich nach Innsbruck. Eine Stadt, in der Kultur nicht die Ausnahme wie in Kufstein, sondern an der Tagesordnung war. Gedanken über die Qualität der gebotenen Kultur habe ich mir erst einige Jahre später gemacht, als ich in Innsbruck bereits dauerhaft sesshaft geworden war. Auch die Frage nach dem Verhältnis von vermeintlicher Provinz und Urbanität wurde mir erst nach Jahren in Innsbruck wichtig.
Am Samstag, den 20.06., wurde diese vermeintliche Dichotomie von Zentrum und Peripherie, von Provinz und urbanem Raum nur allzu deutlich sichtbar. Während in Innsbruck das sich selbst als urban gebende Festival „Heart Of Noise“ stattfand reiste ich nach Kufstein, in die vermeintliche Provinz, in der sich die Band „Hildegard lernt fliegen“ ein Stelldichein gab. Allein diese Tatsache ließ die klaren Unterscheidungen schon verschwimmen.
Urbanität, da bin mir mittlerweile sicher, folgt gewissen Codes und Mustern. Urbanität ist kein Faktum, sondern etwas, das hergestellt wird. Der städtische Raum bringt nicht zwangsläufig urbane, weltoffene Kultur und Kunst hervor, die sich mit der Qualität messen kann, die weltweit gesehen möglich wäre. Es kommt auf die vorherrschenden Diskurse und auf die Qualität der in der Stadt angesiedelten Musiker an, weniger auf die Stadt selbst. Natürlich erhöht sich aber die Wahrscheinlichkeit, dass Musik auf Weltklasse-Niveau entsteht, wenn die Stadt über eine gewisse Anzahl an Einwohnern und somit auch hervorragenden Musikern verfügt.
Was aber, wenn die Stadt selbst in Sachen Kultur eher an eine Mono-Kultur erinnert und was wenn ein überwiegender Teil der lokalen Musiker von künstlerischem Weltniveau denkbar weit entfernt ist? Die Antwort darauf ist leicht gegeben: Man holt sich Weltklasse in eine Stadt wie Innsbruck. Versucht, die Stadt temporär als musikalische Metropole erstrahlen zu lassen.
Das „Heart Of Noise“ ist ein solcher durchaus gelungener Versuch, Urbanität nach Innsbruck zu holen. Nicht immer wird aber nach musikalischen Kriterien bewertet, sondern oftmals werden Acts auch aufgrund von urbanen Codes nach Innsbruck geholt. Welcher Act ist auf welchem Label und in den großen Städten im Moment schwer angesagt? Allein schon diese Verpflanzung von „urbanen Acts“ in das eher kleinstädtische Innsbruck stellt dabei vermeintliche Urbanität her.

Caspar Brötzmann und FM Einheit. Ein schönes, lautes, urbanes Konzert!
Caspar Brötzmann und FM Einheit. Ein schönes, lautes, urbanes Konzert!

Was aber bedeutet es, dass ich vor dem „Heart Of Noise“ regelrecht flüchtete, das in Innsbruck so bejubelt wird? Ein Festival, das ich ja eigentlich mochte und schätzte? Vielleicht bedeutet es, dass ich mit den etablierten Codes von Urbanität nicht viel anfangen kann. Oder zumindest in einer skeptischen Haltung  ihnen gegenüber verharre. Natürlich haben mich Caspar Brötzmann und FM Einheit am Donnerstag begeistert, andere Acts hingegen erschienen mir merkwürdig schal und uninteressant. Allein die Tatsache, dass ein Act aus New York kommt oder auf dem Wiener Label „Editions Mego“ herauskam schien mir nicht zu genügen.
Wie auch immer das jetzt genau zu bewerten ist, es bleibt ein Faktum: Ich war am Samstag nicht am „Heart Of Noise“, sondern fuhr nach Kufstein um die Schweizer Band „Hildegard lernt fliegen“ zu hören und zu sehen. Ich bewegte mich also von einem temporär urbanen Raum, den das „Heart Of Noise“ gerade errichtet und etabliert hatte, in die Peripherie zu einem Konzert, das vom Kulturverein Wunderlich auf die Beine gestellt wurde.
Der Sänger der Band, Andreas Schaerer, lebt nach wie vor in der Schweiz, wird aber weltweit wahrgenommen. Ich musste über ihn erst in einem New Yorker Online-Magazine lesen, um überhaupt auf seine Musik aufmerksam zu werden. Auch in der Londoner Fachpresse kennt und feiert man seine Musik und vor allem auch die seiner Band „Hildegard lernt fliegen“. Er tritt aber nicht als der weltweit gefeierte Künstler auf, sondern pflegt auf der Bühne, so auch in Kufstein, seinen Schweizer Dialekt und kann sich auch den einen oder anderen Spaß über die Herkunft der Band nicht verkneifen. Sogar die vermeintliche schweizerische Pünktlichkeit wurde auf musikalischer Ebene überaus gelungen ins Szene gesetzt.
Ein Plakat in Kufstein verrät: Am Samstag stehen die Schweizer mit Weltklasse auf der Bühne in Kufstein. Also in der Provinz.
Ein Plakat in Kufstein verrät: Am Samstag stehen die Schweizer mit Weltklasse auf der Bühne in Kufstein. Also in der Provinz.

Stimmlich ist Andreas Schaerer während des gesamten Konzertes über alle Zweifel erhaben. Er gehört zweifellos zu den besten Musikern seiner Zunft. Auch Preise hagelt es, völlig zu Recht, die ihm internationale Klasse attestieren. Dennoch: Weit und breit gab es keine urbanen Codes. Die Band schien sich vielmehr in ihrer leicht provinziellen Schrulligkeit zu gefallen, während sie auf musikalischer Ebene auf absolutem Weltniveau agierte. Möglicherweise nennt man das Understatement. Es ist auch denkbar, dass es eine Masche ist.
Ich bin mir aber fast sicher, dass der Grund wo anders liegt: „Hildegard lernt fliegen“ setzt nicht vordergründig auf urbane Codes und den gegenwärtigen Sound der weltweiten Metropolen, sondern zieht seelenruhig ihr ganz eigenes Ding durch. Quasi beiläufig wird auf einem Weltklasse-Level musiziert, ganz ohne die evidenten musikalischen und ästhetischen Codes zu bedienen. Ich unterstelle der Band eine Fokussierung auf musikalisches Können und kompositorische Abenteuerlust und eine gewisse Gleichgültigkeit dem gegenüber, was im Moment musikalisch als urban wahrgenommen wird. Anders gesagt: Elemente aus der vermeintlichen Provinz mischen sich mit musikalischen Versatzstücken der Großstädte und der großen weiten Welt – und feiern fröhliche Urständ!
Stimmlich Weltklasse: Andreas Schaerer mit "Hildegard lernt fliegen".
Stimmlich Weltklasse: Andreas Schaerer mit „Hildegard lernt fliegen“.

Mein Fazit: Musikalische Urbanität muss nicht zwingend Weltklasse bedeuten. Aber das bedienen von urbanen Codes ist natürlich auch kein Hindernis auf dem Weg zur musikalischen Weltklasse. Nur: Diese Urbanität ist nicht gleichbedeutend mit musikalischem Niveau, sondern vielmehr der Ausdruck einer Bemühung, eines Bestrebens. Die temporäre musikalische Urbanität ist oftmals auch der Versuch der Angleichung an den Klang und an die musikalischen Trends der großen Metropolen.
Ist es aber nicht zum Beispiel möglich, die vielschmähte Volksmusik auf einem solchen musikalischen Niveau zu spielen, zu interpretieren oder auch zu verfremden, dass man damit in der musikalischen Top-Liga weltweit mitmischen kann? Ich denke ja. Es ist möglich. Wenn das Bemühen musikalische Weltklasse zu bieten nicht mit dem Bemühen verwechselt wird, Urbanität nach Innsbruck zu verpflanzen und dabei eher vordergründig darauf geachtet wird, dass die Musik aufgrund bestimmter Merkmal als urban wahrgenommen wird.
Meine provokante These also: Zu viel Fokussierung auf die Codes der (musikalischen) Urbanität erschwert den Blick auf die musikimmanenten Eigenschaften und die Bewertung, ob eine Band tatsächlich spielerische und musikalische Weltklasse besitzt. Vielleicht sollten wir mehr auf das schauen, was uns unterscheidet als auf das, was uns gleichmacht? Vielleicht sollten wir uns mehr auf die Musikalität der jeweiligen Acts konzentrieren als darauf zu schauen, aus welcher Stadt diese kommen und auf welchem Label diese veröffentlicht werden? Möglicherweise lohnt auch ein Blick in die Musikgeschichte unserer Region?
Ich weiß. Das ist kein leichtes Unterfangen. Aber es ist möglich. Wenn wir bedenken, dass die Provinz oftmals Weltklasse bieten kann und musikalische Urbanität oftmals nur ein Schema ist, das ganz bestimmte Codes und Sounds aufruft. Letzen Endes geht es um die musikalische Vielfalt, in der vermeintlich „provinzielles“ musikalisches Material genau so Platz findet wie Musik, welcher der Stempel „urban“ aufgedrückt wurde. Nur die tatsächliche musikalische Weltklasse eines Musikers ist aber dann in der Lage, daraus Musik auf Weltklasse-Niveau zu machen.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

2 Comments

  1. das überrascnde, damit zum weiterlesen, zum intensiven weiterlesen führende in diesem , möchte fast sagen, Essay, hat seinen grund in der beleuchtungsebene. es fehlt angenehmer weise an hingeknallten Lobhudeleien, und auch flapsige Abwertungen finden hier nicht statt. es ist als ob ich die musik von der herr stegmayr spricht, hören würde. Einfühlsamkeit, wie hier exemplarisch geübt, macht seine Kritik zur tiefergehenden Information, zur Chance „erspüren“ zu können. glänzte dieser essayist in seinem beitrag über das cafe central, das plötzlich zum nichtraucherlokal wurde, mit Empathie erster güte, iss es ihm auch hier wieder gelungen der Leserschaft ein auch literarisches leseerlebnis zu schenken…

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