Wir müssen den Islam endlich lieben lernen

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Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie wirkungsvoll Bilder, die in den Medien transportiert werden, uns beeinflussen. Ich selbst ertappte mich erst unlängst dabei, wie meine Gedanken kurz vor dem anstehenden Flug abschweiften, grässliche Szenarien ausmalten und sich unangenehm rassistisch färbten, als ich einen großen, dunkelhaarigen, bärtigen Mann, in einem (auf mich) exotisch wirkenden Gewand, am Gate erblickte. Peinlich berührt verwarf ich sämtliche Vorstellungen wieder und versteckte mich schuldbewusst hinter dem nächsten Bissen in mein Tomaten-Mozzarella-Brot. Zu Denken gab es mir trotzdem.
Wenn mir Genderwissenschaftler_innen und andere überzeugte Kämpfer_innen, für die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, erklären, dass rosarotes, beziehungsweise hellblaues Spielzeug reine Marketingstrategien seien, die sich über die Jahre hinweg in unseren Köpfen festgesetzt haben und uns deshalb in Kategorien und Unterschieden denken lassen, dann muss ich meist schmunzeln und erinnere mich an meine vier Barbie Puppen zurück, die regelmäßig Fußballspielen und gegen feuerspeiende Drachen kämpfen mussten. Am Flughafen war ein Schmunzeln von meinem Gesicht jedoch so weit entfernt, wie der Flughafen Bangkok von dem in München. Ganz im Gegenteil. Ein unangenehmes Schamgefühl stieg in mir hoch und zwang mich unweigerlich dazu, mir selbst die Fragen zu stellen, wann, warum und wie diese abstrusen, vor Vorurteilen triefenden Gedanken in mein Hirn kamen?

Nur der Dumme lernt aus Erfahrung

Für mich steht eines fest – der Mensch lernt, in dem er Dinge erfährt. Manches davon erfährt er am eigenen Leib. Zustände und Gefühle wie – Liebe, Hass, Ausgrenzung und Mitgefühl. Manches erfährt er durch andere. Zum Beispiel – das kleine Einmaleins, das Alphabet, dass die chinesische Mauer vom Weltraum aus zu sehen ist und bengalische Tiger vom Aussterben bedroht sind. Erfahrung existiert also sowohl im Sinne von Lernen, sprich dem Aneignen von Wissen (unter anderem durch Externe), als auch im Sinne des Erkennens, beispielsweise einer real erlebten Situation. Bisher habe ich noch keinen Terroristen, Dschihadisten oder Islamisten persönlich kennengelernt. Demnach fehlt mir die selbst erlebte Erfahrung, die mein Wissen bereichern hätte können. Meine Meinung über große, bärtige Männer in exotisch wirkendem Gewand, die sich auf Flughäfen aufhalten, ist also eine von Außen geprägte – eine Meinung, die auf Erfahrungen und Erzählungen von anderen fußt.
Rolf Hochhut schrieb einmal – „Nur der Dumme lernt aus Erfahrung, der Kluge aus der Erfahrung der anderen.“ Diese Aussage hat natürlich ihre Berechtigung und Logik. Immerhin entspricht es den Fähigkeiten des Klugen, Erfahrungen von anderen nachvollziehen, für sich selbst beurteilen und daraus eine Erkenntnis ziehen zu können. Dadurch gelingt es dem Klügeren deutlich schneller und schmerzfreier sich neues Wissen anzueignen. Nun sitze ich am Flughafen, sehe diesen bärtigen Mann neben mir und mache mir umgehend Sorgen, dass meine letzten Minuten geschlagen haben könnten. Gelernt habe ich das aus den Erfahrungen und Erzählungen von anderen. Medien haben mir, circa seit dem 11. September 2001, ein Bild in den Kopf gesetzt, welches einen direkten Zusammenhang zwischen Bartträgern und einem drohenden terroristischen Akt, befürchten lässt. Ein italienisches Sprichwort besagt – „die beste Lehrerin ist die Erfahrung; aber sie kommt, wenn es bereits zu spät ist.“ So gesehen halte ich es dann doch lieber mit Rolf Hochhut und bin froh darüber, dass an diesem Tag nicht meine erste reale Begegnung mit einem wirklichen Terroristen stattfand.

Passt auf – die Macht von Worten, Botschaften und Glauben

Einmal mehr sind es also die Medien, die den schwarzen Peter und damit die Schuld zugeschoben bekommen. Das liegt auch mehr oder weniger in der Natur der Sache. Immerhin ist es die Aufgabe der Medien, über Geschehnisse zu berichten, die Menschheit zu informieren und Aufzuklären. Dass dadurch eine gewisse Beeinflussung stattfindet, ist die logische Konsequenz. Doch ähnlich wie bei dem Beispiel mit dem rosafarbenen und hellblauen Spielzeug – Wörter und Botschaften beeinflussen unser Denken nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig. Schlagzeilen wie „Das ist das Gesicht des Bösen“, „ISIS-Terroristen richten 15 junge Christen hin“, „Anschlag auf uns alle“, „Merkels Anleitung zum Kampf gegen den Terror“„Eine Stadt ist verunsichert“, „Wofür wir kämpfen müssen“ oder „Mit Massenüberwachung gegen den Terror“ – mögen zwar inhaltlich richtig sein und ihre Funktion erfüllen, doch hinterlassen sie vor allem auch ein bedrückendes Gefühl von Verunsicherung, Misstrauen und Angst.
Wenn ich ständig kleine Buben in hellblauen Kleidern, in hellblauen Kinderwägen sitzend und mit hellblauem Spielzeug spielen sehe, dann werde ich unweigerlich daran glauben, dass dieses Bild ein alltägliches, normales und unumstößliches sei. Es wird zur Realität. Wenn ich ständig vom Bösen lese, von ganzen Nationen, die verunsichert sind, von Anleitungen und Kriegen gegen den Terrorismus und dabei immer die Wörter Islam, Glaube, Religion und Fotos von bärtigen, grimmigen, entschlossenen Männern vorkommen, dann wird auch dieses Bild für mich irgendwann zur Realität. Dann werde ich eines Tages am Flughafen sitzen, einen dunkelhaarigen, bärtigen Mann sehen und mich dabei erwischen, wie sich meine Gedanken rassistisch einfärben. Und ich werde dankbar dafür sein, so lange ich mich in diesem Augenblick dafür schäme, denn dann bin ich noch dazu fähig, zwischen Realität und Fiktion, zwischen meinen Erfahrungen und den Erfahrungen der anderen zu unterscheiden.

 Es kann nur eine Lösung geben

Ein Terrorist hat nur ein Ziel. Er will ein Klima voller Verunsicherung, Misstrauen und Angst erzeugen. Dadurch sollen bestehende Systeme zerfallen, alte Strukturen aufgebrochen werden und Platz für neues, nach seinen Vorstellungen konstruiertes, entstehen. Durch unsere Vorurteile, egal ob in einen Witz verpackt, in eine unbedachte Äußerung eingeflochten oder in Gedanken kreisend, spielen wir bei diesem perversen Spiel mit – doppelt sogar. Denn. So lange wir Menschen, die bei uns leben, arbeiten, lieben und leiden, auf Grund extern erzeugter Bilder und Vorurteile ausgrenzen, abwerten und missachten, schaffen wir nicht nur ein Klima voller Verunsicherung, Misstrauen und Angst, sondern treiben diese Menschen an den Rand – und am Rand lauern Extreme.
Die einzige Möglichkeit, um dieser Perversion, diesem Irrsinn, dieser Brutalität und diesen Extremen ein Ende zu setzen, ist es, der eigenen Angst in die Augen zu blicken, sich selbst zu hinterfragen, Worte mit Bedacht zu wählen und den vermeintlichen kulturellen und religiösen Unterschieden, Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen. Wir. Wir hier in Europa. Wir hier im Westen müssen endlich verstehen, dass auch vermeintlich fremd und exotisch wirkende Dinge, andere Religionen, Bräuche und Kulturen – dass auch der Islam, wie jeder Glaube, nicht nur schon längst Teil unserer Gesellschaft geworden ist, sondern, dass wir hier nur eine Möglichkeit und Aufgabe haben – wir müssen endlich lernen diesen Teil unserer Gesellschaft zu lieben. Denn nur dann wird es uns gelingen, sämtlichen Botschaften des Hasses, der Verunsicherung, des Misstrauens und der Angst den Nährboden, den sie so dringend brauchen zu entziehen.  „Nur der Dumme lernt aus Erfahrung.“ Nur der Dümmste, lernt nichts!

Beitragsbild; zeigt den Felsendom in Jerusalem. (c) Rosel Eckstein/ pixelio.de
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Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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