Türöffner Sport – im Auftrag der Gesellschaft

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Earl Lloyd, 1950 erster afroamerikanischer Basketballspieler in der NBA, ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Für viele ist er unbekannt, sein Name steht aber für viel mehr: Gleichberechtigung und Politik im Sport.

Die National Basketball Association (NBA) war 1950 schon vier Jahre alt und dennoch nur für Privilegierte geöffnet. Aber anders als heute entschied nicht nur das Können über den Traum vom Profibasketballer, sondern auch die Hautfarbe. Die NBA war gerade in ihren ersten vier Jahren von 1946 bis 1950 hauptsächlich Konkurrenzliga zur Collegebasketballliga NCAA. Erst ein Bestechungsskandal 1951 in der College-Liga ermöglichte den Siegeszug der NBA, die daraufhin neben einigen Starspielern von der Konkurrenz auch an Popularität gewann.
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Was heute selbstverständlich ist, war vor 65 Jahren noch ein umstrittenes Novum: Schwarze und Weiße die zusammen Sport betreiben und ein Team bilden. Die National Football League (NFL) war der NBA nur ein wenig voraus. Dort durften zwar schon zu Beginn in den 1920er Jahren afroamerikanische Spieler spielen, allerdings einigten sich die Teambesitzer Anfang der 30er Jahre keine farbigen Spieler mehr einzusetzen. Erst 1947 wurde dieses „Gentlemen-Agreement“ aufgehoben. Als letzte Profi-Mannschaft verpflichteten die Washington Redskins 1962 einen farbigen Spieler.

Von Rosa, Martin und Malcolm

1955 weigerte sich Rosa Parks ihren Platz für einen weißen zu räumen. Dr. Martin Luther King rief daraufhin zum Busboykott auf um die Rassentrennung innerhalb von Bussen und Zügen aufzuheben. Malcolm X avancierte zum Wortführer der Nation of Islam. 1964 sollte ein gewisser Cassius Clay den Wehrdienst in den USA verweigern und tat damit seinem „Bruder“ – wie ihn Malcolm X genannt haben soll – gleich. Malcolm X hatte 1952 den Wehrdienst verweigert. Cassius Clay bekannte sich ab 1964 zur Nation of Islam und legte seinen „Sklavennamen“ ab: Fortan nannte er sich Muhammad Ali. Durch die Wehrdienstverweigerung verlor er seine Boxlizenz und ihm wurde ein Kampfverbot in den USA ausgesprochen. X wurde 1965 erschossen, ein Jahr später wurde die Black Panther Party gegründet.
1968 gewannen die beiden afroamerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos eine Medaille im 200-Meter-Lauf-Bewerb der Herren bei den Olympischen Spielen in Mexico-City. Bei der Siegerehrung, als die amerikanische Hymne gespielt wurde, senkten sie die Köpfe und erhoben eine Faust. Durch ihre schwarze Kleidung an den Händen, der Trainingskleidung und den Ketten um den Hals wollten sie ihre Solidarität und ihren Stolz ausdrücken.

Die Athleten wurden ausgebuht, der Präsident des International Olympic Committee (IOC) – Avery Brundage – forderte das Team USA auf, die beiden Störenfriede aus dem Bewerb zu ziehen. Begründung: „willentlicher und gewaltsamer Bruch der fundamentalen Prinzipien der olympischen Idee“. Eben jener Brundage war 1936 bei den Olympischen Spielen von Berlin Präsident des US-amerikanischen Olympischen Komitees und hatte nichts gegen Athleten auszusetzen, die den Hitlergruß zeigten. Die Begründung hier: es habe sich um einen nationalen deutschen Gruß zu dieser Zeit gehandelt.
Nur zwei Tage Später gewannen die drei afroamerikanische Athleten Lee Evans, Larry James und Ron Freeman die ersten drei Plätze des 400-Meter-Laufs. Alle drei trugen bei der Siegerehrung schwarze Barette, Zeichen der Black Panther, die sie während der Hymne ablegten. Für keinen der drei hatte der Protest negative Folgen. Jedoch wurden sie landesweit für die Aktion kritisiert und vom Time Magazine mit der Bildunterschrift “Angrier, Nastier, Uglier” statt „höher, weiter, schneller“ betitelt.

Alles vergangen?

1980 boykottierten ganze 42 Nationen die Olympischen Spiele von Moskau aus Protest wegen des Einmarschs sowjetischer Truppen in Afghanistan. Vier Jahre später boykottierte die Sowjetunion zusammen mit weiteren 18 Staaten die Spiele von Los Angeles. Die Amerikaner würden die Sicherheit der Sportler in LA nicht gewährleisten. Weitere vier Jahre später boykottierten Kuba, Äthiopien, Nicaragua, Nordkorea die Spiele von Seoul. Nordkorea sei an den Spielen nicht in „angemessenem“ Maße beteiligt gewesen sein. 2008 fanden die Spiele in Peking statt. Trotz Zwangsumsiedlungen und der Verhaftung von Protestierenden boykottierte kein Land die Veranstaltung.
Sotschi 2014: Die Olympischen Winterspiele finden in am Schwarzen Meer statt. Schon vor Beginn der Spiele werden die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen kritisiert. Arbeitgeber beschlagnahmten Pässe von Arbeitnehmern, diese wurden teilweise gar nicht oder schlecht entlohnt. 2013 beschloss Russland ein Gesetz, dass die Darstellung von Homosexualität – die „homosexuelle Propaganda (sic!)“ – in der Öffentlichkeit mit einer Geldstrafe belegt wird. Einige Politiker, darunter Angela Merkel, boykottierten die Spiele, den Sportlern wurde Kritik bzw. jegliche politische Äußerung im Rahmen von offiziellen Olympia-Terminen und Veranstaltungen untersagt.
Auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel rief die Athleten dazu auf, sich besser nicht politisch zu äußern. Der Ruf nach einer Fahnenträgerin mit Namen Daniela Iraschko wurde sehr laut. Die 31-Jährige lebt in einer eingetragenen homosexuellen Partnerschaft und äußerste sich nach ihrer Silbermedaille im amerikanischen Fernsehen zu den russischen Gesetzen.

 Vieles ist selbstverständlich, einiges muss es noch werden

Der Footballspieler Michael Sam gilt als einer der besten Defensive Ends an amerikanischen Colleges. Am Ender der Saison wird der 24-Jährige ins All-American Team und zum Verteidiger des Jahres seiner Division gewählt. Im NFL Draft wird er als Drittrundenpick eingeschätzt. Sam outet sich noch vor dem Draft und löst großes Medienecho in den USA aus.

 
Die Teams nehmen Abstand vom begabten Spieler, er wird erst in der siebten Runde an 249. Stelle gedraftet. Die St. Louis Rams machten ihn damit zum ersten öffentlich homosexuellen Profi der NFL. Allerdings wurde Sam trotz guter Trainingsleistungen kurze Zeit später entlassen und ist seitdem vereinslos.
Man stelle sich eine NBA oder eine NFL ohne schwarze Spieler vor. Das geht gar nicht mehr, zu absurd ist der Gedanke. Als Earl Llyod 1950 als erster Spieler das Parkett betrat war das noch ungewohnt, hat polarisiert und einigen gestrigen vermutlich Angst gemacht. Doch afroamerikanische Spieler in den Profiligen wurden zur Selbstverständlichkeit. Trotzdem herrscht noch immer Rassismus, dem die Spieler sogar von Besitzern von Ligateams ausgesetzt sind.
Earl Lloyd war nicht der überragendste Basketballspieler, 1955 wurde er mit den Syracuse Nationals NBA Champ. Später wurde er der erste afroamerikanische Assistenzcoach und anschließend Headcoach der Detroit Pistons. 2003 wurde er in die Basketball Hall of Fame aufgenommen. Earl Llyod wurde zum Symbolbild der Gleichberechtigung – wegen des Sports. Michael Sam könnte das werden, wenn uns die nächste Generation kopfschüttelnd fragt, warum es denn so komisch gewesen sei, dass offen homosexuelle professionellen Sport betreiben.
In Zeiten von PEGIDA, HOGESA, Identitären, Nationalistischen-Parteien und Alltagsrassismus, ist der Sport oft Brückenschlager und Beseitiger jeglicher Vorurteile. Sport muss nicht politisch sein, gewisse Dinge zu hinterfragen, offen anzusprechen sollte ihm aber zugesprochen werden. Denn Sport leitet schnell gesellschaftliche Prozesse ein. Wenn er sie nicht überhaupt erfindet.

Titelbild: Dieter Schütz  / pixelio.de

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