Innsbruck: Wir sind Hipster!

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Innsbruck, Tirol, Österreich. Das Jahr 2015. Etwas ist in Bewegung geraten. Die Stadt ist nicht mehr das, was sie lange Zeit gewesen war. Sie bewegt sich ständig, ist fast schon wie Berlin. Zumindest versucht sie es zu sein. Neue, coole und hippe Lokale und Läden sprießen nur so aus dem Boden. Sie werden frenetisch gefeiert, ungeachtet der Frage nach der eigentlichen Qualität. Nicht, dass diese Lokale und diese Orte per se qualitätslos wären. Aber es ist ganz einfach zur Nebensache geworden, weil Stil vor Substanz geht. Die Einrichtung vor dem Geschmack. Und der Kleidungsstil der trendbewussten Gäste wichtiger ist als intellektuelle Höhenflüge oder kritisches Denken.
Womit hat das eigentlich alles begonnen? Mit einem Burger-Laden in der Museumstraße, der plötzlich so etwas wie großstädtisches Flair in die kleine Alpenstadt brachte? Ja, vielleicht. Seitdem schlürfen jedenfalls Heerscharen an Hipstern dort ihre Fritz-Kola und essen ihren Burger ebendort natürlich in Bio-Qualität. Weil alles andere schon mal a priori nicht mehr geht. Von wegen Moral und Tier-Ethik und so. Essen ist nicht mehr nur essen, sondern ist zu einer Grundhaltung den Problemen und den Ungerechtigkeiten unserer Welt gegenüber geworden.
Ein Wunder eigentlich, dass so mancher, der die ganze Last der Ungerechtigkeit der Welt auf seinen schmächtigen Schultern trägt, seinen Burger überhaupt noch genießen kann. Tonnenschwerer Weltschmerz lastet auf den Schultern der Innsbrucker Hipster, weshalb schwarz auch eine der Lieblingsfarben ist. Wichtig aber, nicht vergessen: Bei all dem Weltschmerz muss auch noch die richtige Kleidungsmarke gewählt werden. Sonst ist alles nichts wert.
Der richtige Musikgeschmack ist dabei ohnehin obligatorisch. Wer am richtigen Tag nicht zu Bilderbuch oder Wanda geht, der gehört nicht dazu. Der hat sich als potentieller Hipster schon mal einfach so unbedacht völlig ins Out geschossen. Mit solchen unhippen Leuten will dann auch garantiert niemand schmusen. Der Slogan, dass viel mehr gschmust gehört trifft nur auf Leute zu, welche die richtige Kleidung tragen, die richtige Musik hören und in die richtigen Lokale gehen.

Schmusen, ja bitte. Aber mit wem eigentlich?
Schmusen, ja bitte. Aber mit wem eigentlich? (Bild: Tiroler Madl)

Es tut sich was in Innsbruck – und das ist gut so?
Nun wäre es naheliegend zu behaupten, dass ich mich freuen soll. Von wegen die große weite Welt kommt endlich nach Innsbruck. Innsbruck ist nicht mehr länger das völlig verschlossene und provinzielle Nest, das es viel zu lange gewesen ist. Mag sein. Aber mich beginnt die zunehmende, völlig unreflektierte Adaptierung von großstädtischen Konzepten in Innsbruck zunehmend zu nerven.
Nicht, weil nicht einige Läden davon wirkliche Qualität bieten würden und Substanz hätten. Nicht weil ich die gastronomische und kulturelle Vielfalt, die dadurch zunehmend Einzug hält, nicht begrüßen würde. Sondern vielmehr deshalb, weil sich so viel von der geistigen Provinzialität von Innsbruck ablesen lässt und auch von der Tatsache, dass sich hier ein absolut widerlicher Indie-Mainstream zu etablieren beginnt, den so nun wirklich niemand braucht.
Craft-Bier. Ja bitte. Aber vergessen wird nicht, dass es auch schon vorher kleine, feine Brauereien gegeben hat!
Craft-Bier. Ja bitte. Aber vergessen wird nicht, dass es auch schon vorher kleine, feine Brauereien gegeben hat!

Aber lasst mich bitte kurz erklären: Ich mag gute Burger in Bio-Qualität! Ich mag Craft-Bier! Letzteres liebe ich zum Teil sogar. Die Frage ist aber zum Beispiel, ob ich den Begriff „Craft-Bier“ überhaupt brauche oder ob die Fokussierung auf Qualität und kleine Brauereien nicht ausreichen würde. Klar ist jedenfalls: Der Begriff „Craft-Beer“ lässt sich im Moment besser verkaufen. Dadurch werden nicht nur Genießer und Feinschmecker angezogen, sondern eben auch Szene-Geher, denen es weniger um die Qualität des Bieres geht als vielmehr darum, dabei zu sein. Vom ersten Moment an.
Das sind auch die Leute, die wie Heuschrecken über alles herfallen, was neu und angesagt ist und das Lokal dann wieder fallen lassen, wenn es nicht mehr angesagt ist. Die Substanz und die Qualität als Bewertungskriterien spielen in diesem Fall kaum eine Rolle. Coolness über Substanz. Hang zum Neuen über das tatsächliche Nachdenken, welches Lokal und welches Konzept nun wirklich nachhaltig funktioniert. Der Hipster feiert die Bewegung als solche, die Neuheit als Prinzip, als reinen Selbstzweck. Er bewertet nicht, er analysiert nicht, er schwimmt in der breiten Masse des Indie-Mainstreams mit und fühlt sich dabei dennoch als jemand, der in Sachen Geschmack, Coolness und Musikgeschmack der breiten Masse überlegen ist.
Der Hipster: Ein Apologet der Traditionslosigkeit
Die Sache ist allerdings komplexer. Denn Berlin und Hamburg sind ganz wunderbare Städte, die wesentlich mehr hervorbringen, als wir es in Innsbruck zum Teil zu glauben scheinen. Adaptiert für unsere kleine Alpenstadt werden nämlich aus irgendeinem Grund nicht die nachhaltigen, kleinen und sehr feinen Konzepte, die es vor allem im kulturellen Bereich gibt, sondern eben das, was sich dazu eignet, Menschen anzusprechen, die irgendwie „Indie“ und irgendwie „anders“ sein möchten.
Dass sie dadurch in die Konformismus-Falle tappen, da ja viele genau so anders sein möchten,  ist ihnen dabei egal. Dass dadurch für diese „Szene“ völlig wahllos und ohne jeglichen Bezug Konzepte aus Hamburg und Berlin nach Innsbruck transferiert werden auch. Dadurch gewinnt Innsbruck nicht wirklich an Vielfalt, sondern wird austauschbar.
Diese Szene und der Hipster, der sich reflexartig auf das Neue stürzt, das die vermeintlich große weite Welt so hergibt, sind das Grundproblem. Dabei ist der Hipster nicht nur in einer bestimmten Szene zu finden, sondern Hipster ist offenbar auch eine Grundhaltung, die sich in Grundzüge auf eine relativ breite Bevölkerungsschicht in Innsbruck übertragen lässt. Es lässt sich beobachten, wie Dinge gefeiert werden, weil sie eben gefeiert werden und weil sie ist aus der großen weiten Welt kommen und da schon cool gewesen sind. Es ist eine Art von apodiktischem Narrativ im Spiel, dem man bitte schön nicht widersprechen darf, wenn man dazugehören möchte.
Bei Hipstern wohl uncool hoch drei. Und doch musikalisch interessanter als alle Hipster-Bands zusammen.
Bei Hipstern wohl uncool hoch drei. Und doch musikalisch interessanter als alle Hipster-Bands zusammen: J.S. Bach.

Der durchschnittliche Hipster ist dabei ein Apologet der Traditions- und Geschichtslosigkeit. Ihn interessiert der eigene kulturelle Kontext kaum. Lieber hört er die neue coole Band aus London oder was weiß ich wo her. Das erklärt auch, warum er unreflektiert die Neuheit an sich feiert und gar nicht erst zu bewerten beginnt, ob diese Neuheit auch wirklich Substanz oder Qualität hat. Das ist auch der Grund, warum er gar nicht in der Lage ist, die musikalische Qualität einer Band einzuschätzen.
Hier hat man schon den einen oder anderen Hipster gesehen. Und die eine oder andere völlig austauschbare Indie-Band.
Hier hat man schon den einen oder anderen Hipster gesehen. Und die eine oder andere völlig austauschbare Indie-Band. (Bild: all-in.at, Der Innsbruck Guide)

Nicht der „Text“, also die immanenten Kriterien einer möglichen Innovation oder Neuheit, sondern der Kontext zählt. Die Zuschreibungen darüber, was neu, cool, hörenswert und erlebenswert ist, überwiegen. Ob dieser Meta-Ebene ist es für ihn völlig unmöglich geworden, sich wieder in Ruhe und reflektiert mit Ideen, Konzepten und musikalischen Neuerungen zu beschäftigen. Er ist ein Gefangener der Beschleunigung, des Tempos, das sich ständig erhöht.
Ich kann mir nur eines vorstellen: Entschleunigung. Gelassenheit. Qualität. Kritische Analyse und kritisches Fortdenken der eigenen Tradition bei zeitgleicher kritischer Beschäftigung mit anderen Traditionen und Kontexten. Stürzen wir uns nicht immer wahllos auf das Neue, sondern lassen wir auch mal Zeit vergehen. Kosten, probieren und reflektieren wir in aller Ruhe und beruhigen uns. Und lassen wir unsere eigene Provinzialität nicht so offensichtlich werden, wenn der nächste gute Burger-Laden aufsperrt, den man in Hamburg an fast jeder Ecke so oder so ähnlich findet.
Trinken wir auch weiterhin gute Craft-Biere aber vergessen wir nicht, dass es auch schon vor dem Begriff „Craft-Bier“ hervorragende kleine Brauereien zum Beispiel in Bayern gegeben hat, die damals den Hipster von nebenan aber schon so was von gar nicht interessiert haben.
Außerdem: Vergessen wir zum Beispiel nicht, dass Innsbruck eine lange Tradition in Bezug auf die Oper und die „Alte Musik“ hat. Ich weiß: Das ist im Moment nicht gerade sonderlich angesagt und lässig. Aber ich möchte dazu anregen, diese Tradition der „Alten Musik“ in Innsbruck weiter- und neu zu denken. Weil wir unsere eigene Geschichte und Tradition nicht vergessen dürfen.
Das heißt nicht, dass wir eine miefige und bornierte Kleinstadt sein müssen, sondern das heißt, dass wir uns der ganzen Fülle unserer eigenen Geschichte bewusst sind und diese Geschichte mit Einflüssen aus der großen weiten Welt bereichern und gegenlesen. Wir beziehen Haltung, erweitern unser kulturelles Wissen und fallen nicht mehr auf jeden Blödsinn herein, der uns im Moment diktiert durch zumeist einige wenige Großstädte als neuer, heißer Scheiß verkauft wird. Sei es musikalischer oder gastronomischer Natur.
Dann würden wir vielleicht auch aufhören uns auf die Neuheit um der Neuheit willen zu stürzen. Wir würden innehalten und wirklich nachdenken. Das Phänomen der Hipster wäre nur mehr ein Randphänomen, das von den meisten Menschen belächelt werden würde. Ich weiß: Das wird in Innsbruck im Moment so schnell nicht passieren. Aber ein wenig träumen wird man ja wohl noch dürfen.
Ein kritisches, tiefes Denken würde Einzug halten. Die Welt wäre wieder schön und in Innsbruck nicht nur von Menschen bevölkert, die selbst glauben schön, tiefsinnig und wahnsinnig interessant zu sein, weil sie die richtige Musik hören und die richtige Kleidung tragen. Ich habe einen Traum…

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Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

3 Comments

  1. In einigen Punkten sprichst du mir aus der Seele, Markus. Auch ich frage mich oft, warum manche Konzepte in Innsbruck einfach nicht funktionieren und andere sofort mit Begeisterung angenommen werden.
    Vielleicht lohnt sich ein Vergleich mit Salzburg, das ja auch eine kleine Stadt ist, aber vom Feeling her so ganz anders! Geh mal am Samstag durch die Salzburger Innenstadt: Da sitzen die Einhei-mischen in ihren Stammlokalen oder – wenn es das Wetter zulässt – stehen auf den Märkten, kaufen die heimischen Produkte, trinken ein gutes Glaserl, unterhalten sich.
    Und jetzt mach das mal in Innsbruck: Der Innsbrucker ist an einem schönen Samstag auf dem Berg, nicht in der Stadt; oder er ist in Südtirol beim gut Essen und Trinken, beim Shoppen in Bozen oder München, sobald es wärmer wird am Gardasee. Die in Innsbruck tätigen Anwälte, Ärzte, Steuerberater leben zum größten Teil in den umliegenden Gemeinden und gehen nur mal kurz nach der Arbeit auf einen Drink in die Innenstadt, dann fahren sie nach Hause und genießen dort ihren Wein.
    Der Anteil an Studenten ist in Innsbruck extrem hoch im Vergleich zu anderen Städten Österreichs. Diese Studenten gehen abends weg, auch an den Wochenenden; aber Sie haben andere Vorstel-lungen von einem Lokal, andere Bedürfnisse. Und darauf haben sich natürlich auch viele Lokale und Restaurants eingestellt. Daher gibt es bei uns immer mehr „hippe“ Lokale, einen Run auf Bur-ger, Bio, Craft und Co, glaube ich.
    Erstklassige, ausgezeichnete Restaurants gibt es zwar in Tirol so einige, in Innsbruck tut man sich da aber ganz schön schwer. Jedes Jahr die üblichen Verdächtigen bei der Haubenvergabe, ab und zu mal ein Neuer dabei, aber die meisten bieten halt viel und schnell für wenig Geld.
    Bauernmärkte, die diesen Namen verdienen, gibt es in Innsbruck nicht. Vinotheken im Zentrum kann man an einer Hand abzählen; der Wein und Co, den es fast in jeder Hauptstadt im Zentrum gibt, musste bei uns das Lokal in der Altstadt aufgeben und ins DEZ gehen, genauso wie der Fein-kost-Wedl. Nur der Hörtnagl hält noch am Standort in der Innenstadt fest.
    Und so könnte ich noch seitenweise Beispiele aufzählen, aber es ist halt so wie es ist. Der Genießer muss in Innsbruck ein bissl länger suchen, bis er etwas findet. Aber wie heißt es so schön: Ich suche nicht, ich finde 

  2. Aber wir werden suchen und recherchieren und fotografieren und schreiben. Liebe Dorothea, ich finde du bringst hier wirklich spannende Ansätze ein. Als ALPENFEUILLETON fühlen wir uns ja für den gesamten Bereich, von München bis Venedig und Genf bis Wien zuständig. Von daher wäre es wirklich spannend sich einmal vergleichbare andere Städte anzusehen. Bozen und Salzburg – why not?
    Danke für den Input.

  3. Gut beobachtet und analysiert, wenn auch (wieder einmal) ein bisschen zu ausführlich.
    Was die Bevölkerungszusammensetzung betrifft, stimme ich Dorothea zu, aber als Salzburgerin muss ich ihrem Salzburg-Bild widersprechen. In Salzburg gehört die Innenstadt inzw. fast völlig den Touristen, die Einheimischen sitzen in einigen Cafés und wenigen ausgewählten Lokalen zusammen.
    In Innsbruck hab ich das Gefühl, ist die Stadt doch in erster Linie für die hier Lebenden da. Und wenn man älter ist als 35, muss man halt überlegen, ob man sich in Hipster joints reintrauen will oder doch lieber in etwas weniger Zeitgeistiges.

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