Morgens um acht in der Bib

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Morgens um acht in der Bib wird Lernen zum Kampfsport. Hier finden Wettkämpfe statt — Ausdauerschlangestehen, Sitzplatzsprint. Tag für Tag treten unzählige Studenten gegeneinander an. Wer oft genug die Bestenliste anführt, bekommt ein Plus und kann die Anmeldung zur Aufnahmeprüfung in die Gruppe der Wahnsinnigen in Erwägung ziehen.

lernen

Ich selbst bin stolzes Mitglied der Wahnsinnigen. Die Gruppe wurde gegründet, um die Zahl der Todesopfer am Eingang der Bibliothek endlich zu reduzieren. Übereifer und grenzenloser Egoismus haben in den vergangenen Jahren zu vielen Unfällen geführt. Wir sind eine kleine Gruppe an Studenten, die nicht nur tagsüber in der Bibliothek leben. Wir Wahnsinnigen übernachten auch dort. Denn nur dann ist uns am nächsten Morgen auch ein Sitzplatz garantiert, um konzentriert und in Ruhe zu büffeln und besser, ja viel, viel besser zu werden, als alle Anderen. Wir sind eine kleine Gruppe bestehend aus drei Medizinstudentinnen, zwei Biologen, einem Informatiker, einem Soziologen und mir. Sobald es in der Bibliothek dunkel wird und unsere nächtliche Lerneinheit erfolgreich absolviert ist, legen wir uns längs über die Tische, um am Morgen auch mit Sicherheit einen Lernplatz in der Bibliothek zu ergattern. Meine Lebensqualität hat sich seit dem Beitritt zu den Wahnsinnigen enorm verbessert. Und nur mit Grauen erinnere ich mich zurück an früher.

Für alle, die nicht in meiner privilegierten Lage sind, beginnen die Spiele nämlich morgens um halb acht. In aller Frühe versammelt sich eine Traube von Strebern vor der Tür zur Bibliothek. Vor meinem Beitritt zu den Wahnsinnigen, war ich lange Mitglied der Streber; hier geht es ums blanke Überleben. Verschiedene Methoden zum Erbeuten eines Lernplatzes werden Tag für Tag perfektioniert, Konkurrenten ausgeschaltet. Denn sobald sich die Türen der Bibliothek öffnen, darf man sich keinen Fehltritt erlauben. Jeder Schritt muss sitzen!

8:00 Uhr. Die Türen öffnen sich.

Jetzt heißt es: Ellbogen raus! Blicke nicht nach rechts und nicht nach links sondern wühle dich gekonnt — und auch hierfür gibt es eine besondere Technik — durch die Masse. Stoß alle, die dir in den Weg kommen zur Seite. Schritt zwei: wirf deine Tasche zu Boden. Platziere sie möglichst so, dass sie nicht von anderen Taschen begraben wird. Schritt drei: den Notizblock, den du dir schon im Vorhinein zurechtgelegt hast unterm Arm, läufst du jetzt, so schnell du kannst, in den Lesesaal. Und wieder: schau nicht nach links, nicht nach rechts. Sprinte geradewegs auf dein Ziel zu. Und dann, zeig dein Können im Blockweitwurf! Es gilt, den Block so über die Tische gleiten zu lassen, dass du möglichst wenig Zeit verlierst und er so präzise als nur möglich deinen gewünschten Platz erreicht. Jetzt gehört dieser Platz dir und niemand anderem! Und vergiss nicht, jede Sekunde zählt! Schritt vier: im Laufschritt eilst du zurück zum Eingang. Du schnappst dir deine Tasche, holst einen Spindschlüssel, verstaust deine Sachen. Nimm schnell deine Bio-Multikorn-Reiswaffeln, den Traubenzucker und den Smoothy aus deiner Tasche und laufe wieder zurück auf deinen Platz.

Jetzt kann es losgehen

Du kannst jetzt lernen bis dein Kopf raucht, bis deine Haare lichterloh in Flammen stehen, bis du alles rund um dich herum vergisst, selbst deine Reiswaffeln. Bis dich Professoren lieben und auf Händen tragen, bis das Geld der Leistungsstipendien dein Konto überflutet. Wenn du soweit bist — du fühlst es selbst am besten — dann kannst du die Anmeldung zur Aufnahmeprüfung in die Gruppe der Wahnsinnigen in Erwägung ziehen. Nächster Termin: 1. Jänner 2016, morgens um acht in der Bib.

Bild: Evelyn Merz / pixelio.de

2 Comments

  1. Ich habe so was von überhaupt kein Mitleid!! Ich sitze gerade in der Bibliothek der Linguistik gegenüber der Hauptbib und sie ist fast leer! Hier ist es mindestestens gleich ruhig wie in der Hauptbib!

  2. Es ging mir ja auch nicht darum Mitleid zu erzeugen, sondern auf die Absurdität des „Kampflernens“ aufmerksam zu machen.
    Wusste außerdem gar nicht, dass die Linguisten eine eigene Bibliothek haben. Oder meinst du die Translationswissenschaftsbibliothek?

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