Die Stimme der Mitte

5 Minuten Lesedauer

Text von Anna M. Walcher
Mit 23 Jahren erhielt ich den Ratschlag „Bilde dir eine Meinung, dann bist du wer!“. Diese Aussage beeindruckte mich sehr und bildete weitere fünf Jahre mein persönliches Mantra. Verschiedenste Themen wurden analysiert, angedacht, gelesen, recherchiert, umgekrempelt, aufgestapelt, umgeschlichtet, gestürzt und neu aufgebaut. Schussendlich kann behauptet werden: es gibt sich nicht mehr! Es gibt keine eindeutige Meinung da draußen. Es ist Humbug, Firlefanz und Selbstbetrug eine absolute Meinung zu haben und dieser treu ergeben zu folgen ohne Rücksicht auf Verluste.

Der Weg zur Meinung

Prinzipiell gilt: Um sich eine Meinung bilden zu können ist es von Vorteil sich über den Sachverhalt zu informieren. Aufkommende Fragen sollen  beantwortet und je nach eigener Moralvorstellung eingeordnet werden. Sich über den Sachverhalt der „Gegenseite“ zu informieren und diesem genauso viel Interesse und Zeit zu schenken, ist eine Notwendigkeit, wenn nicht sogar ein muss!
Leider befinden sich die Lager der Meinungen im Ausnahmezustand. Es herrscht Krieg. Ein Abweichen der Meinung, ein klitzekleines Wagnis über den Tellerrand zu blicken, wird bestraft. Kaum interessiert man sich für Argumente der „Gegenseite“ sind Degradierungen und Beschimpfungen nicht weit.  Oder man wird gar ins gegnerische Lager geschmissen. Und Umgekehrt. Es reicht! Erkennt denn niemand dieses fiese Spiel?
Folglich geht einem der Sinn für’s reden flöten. Ich beginne im Gewässer des Oberflächlichen zu Tümpeln. Worthülsen folgen. Desinteresse steigt. Manchmal komme ich trotzdem nicht drum rum und mir platzt wahrlich der Kragen, ich frage nach, wieder und wieder, bis ich einen Funken nachvollziehbarer Argumentation erhaschen kann. Ich fasse zusammen, lenk um und …
… es folgt ein: Ja wo kommen wir denn da hin!? Das ist ein Wahnsinn. Was fällt dir ein, soll ich … nein, nein die haben einen Vogel / das sind alles A* / du bist ein N* / du bist einer dieser Gutmenschen.

Meines und Deines

Wenn wir ehrlich mit uns sind, gibt es kaum Themen, denen man 100% Zustimmung geben kann. Es gibt immer Punkte, die nicht ganz passen. Und hier ist der Knackpunkt – die Punkte die nicht passen, sondern einer anderer Meinung entsprechen, tun nicht weh. Sie brechen der großen Überzeugung, die man lebt keinen Zacken aus der Krone, also nehmen wir sie mit und zurren das Meinungspaket ganz fest zusammen. Unausweichlich. Das ist meine Meinung. Punkt. Das muss deine Meinung sein. Hörst du!
Ich bin der festen Überzeugung es gibt sie da draußen. Die zahlreichen Stimmen, die abwartend still sind. Manchmal zu diesem, manchmal zu jenem Zustimmen oder mit Ablehnung reagieren. Die ausgesprochen gerne die Ansicht anderer und Argumente verstehen möchten. Fragen stellen. Überlegungen teilen. Sich einzelne Punkte herauspicken, um diese genauer zu betrachten. Meinungspakete mit Neugierde begegnen. Es gibt sie die Stimmen der Mitte. Sie agieren im Stillen und Geheimen um sich vor Anfeindungen und dem ständigen Wechsel zwischen den einzelnen Lagern zu schützen. Man soll ja nicht fälschlicherweise angeprangert werden oder in Verruf geraten.

Pippi Langstrumpf / ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt. Quelle: flickr.com / Ichabod H
Pippi Langstrumpf / ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.
Quelle: flickr.com / Ichabod H

Zwei Überzeugungen, „Schwarz/Weiß“, „entweder/oder“ prallen in letzter Zeit immer mehr auf einander zu. Und zwar mit so einer gewaltigen Wucht, dass die Blase voller Hass, Hetze, Anfeindungen und Verachtung an Luft gewinnt und zu platzen droht. Bis schlussendliche eine Meinung überhandnimmt, an Stärke gewinnt und bestimmt: wer geduldet wird, was wer zu denken hat, welche Leitfäden zu befolgen sind. Das hatten wir schon mal… und dort und da auch und vorher anno dazumal auch schon. Ich weiß es ganz definitiv: Jede Seite hat einen ekelhaft sauer-bitteren  Nachgeschmack für jeden Einzelnen. Die Mitte als Ideal? Viele Meinungen, Aspekte, einzeln diskutierte Punkte, jeder will was sagen, jeder meint das Recht zu haben etwas zu sagen. Die Mitte – das Gelbe vom Ei?
Mein Appell: Hört auf zu keifen, lernt zu argumentieren, sprecht miteinander, klärt auf, interessiert euch, beginnt zu verstehen. So und nicht anders bildet man sich seinen Meinungsstamm, den es immer wieder aufs Neue zu prüfen gilt!
Fazit:



            

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