Ein selbsternanntes Paradies mit dem Namen "Tirol"

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Über Tirol wurde schon viel geschrieben und erzählt. Spätestens seit das einst so ärmliche, bäuerliche und alpine Land die Goldquelle Fremdenverkehr für sich entdeckt und ausgiebig genutzt hat, haben sich die Zuschreibungen und Geschichten mit denen es beschrieben wird, vertausendfacht. Die gewählten Adjektive entstammen größtenteils den Gattungen Werbung, Marketing und PR. Von „atemberaubend“ bis hin zu „naturbelassen“ wurden Wörter kreiert, die zwar nur als Naturbeschreibungen richtig positiv klingen, aber entsprechend wirken. Dennoch. Tirol ist ein vielumjubeltes Naturjuwel im Herzen Europas, gelobt, geliebt und oft besungen. Dass Tirol auch anders kann, erfahren jene, die länger als 14 Tage hier ihre Zeit verbringen.
Wer das Glück hatte, im Heiligen Land auf die Welt gekommen und hier aufgewachsen zu sein, der merkt es sehr spät oder nie. Wer kein Tiroler, ergo Mensch, ist und das Pech hatte irgendwo an einem weniger schönen, weniger einzigartigen, weniger wunderbaren Ort auf die Welt gefallen zu sein und sich erst später dazu entscheidet ins Paradies zu kommen, zum Beispiel um hier zu studieren, der bekommt es meist recht schnell mit. Oft direkt bei der Ankunft und mitten ins Gesicht. Wir Tiroler mögen nichts und niemanden. Niemanden außer uns selbst, unsere Leit, unsere Berg, unsere Viecher und unsere Tradition. Vor allem jene, die glauben uns nahe zu sein, zumindest sprachlich und geographisch, sind besonders unbeliebt. Hinter Kufstein endet nämlich das gelobte Land, in dem Milch und Schnaps fließen. Hinter Kufstein beginnt das tiefste Niemandsland.
Die Salzburger sind bereits seit Generationen unsere Erzfeinde und noch dazu ein arrogantes Pack Menschen, das gerne Kulturstadt/land wäre, aber außer diesem ausgelutschten Amadeus Mozart und dem Brausedrink, inklusive Fußballabteilung, absolut nichts zustande gebracht hat. Mit den Kärntnern treffen wir Gott sei Dank nur sehr selten zusammen und wenn dann ohnehin nur in unserer Außenprovinz Osttirol, welche viel zu weit von der Landeshauptstadt Innsbruck entfernt liegt und damit sowieso zu vernachlässigen ist. Abgesehen davon, sind die Kärntner ein äußerst dummes Volk, immerhin hatten sie einen Haider als Volkshelden und keinen echten Patrioten, wie es unser Hofer war. Im restlichen Österreich gibt’s für uns Tiroler eigentlich eh nur noch das Burgenland und Wien. Das Burgenland, weil unsere tapferen Burschen dort jahrelang zum Grenzeinsatz hinbeordert wurden, was per se an Absurdität kaum zu überbieten ist und Wien, weil es die ideale Projektionsfläche für unsere Wut auf die Welt darstellt.
Wien ist anders und deshalb so gut zu hassen. Da die Wiener sowieso für alles zu deppert sind und sowieso nur unser (!) Geld, das wir in den Bergen ehrlich und hart verdienen, beim Fenster rauswerfen, haben wir für sie extra ein eigenes Satzl gedichtet. Damit sie sich ja merken wo sie hingehören. „Bisch a Tiroler, bisch a Mensch, bisch koana, bisch a Oaschloch“ hat, seitdem wir es für Wien erfunden haben, eine allgemeine Gültigkeit und vielfältigen, internationalen Einsatz gefunden. Was uns Tiroler besonders amüsiert und an so manchem Wattertisch für lautes Gelächter sorgt, ist die Tatsache, dass Wiener uns ja eigentlich mögen und glauben wir tun es ihnen gleich. Diese falsche Annahme dürfte wohl der typischen Wiener Arroganz geschuldet sein.
Auf einer Ebene mit den großkopfatn Mundln aus Wien stehen in unserem weiß-roten Weltbild nur unsere Lieblingsnachbarn, die Piefke. Das sind jene Holzschädln, die Jahr für Jahr immer wieder zu uns kommen, um hier Ski zu laufen. Von Saison zu Saison finden wir neue Dinge um den Depperten möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Ideen können noch so absurd sein, sie kommen trotzdem immer wieder. Selbst der neueste Schmäh, vom heilenden Zirbenholz und den Kunstschneepisten in der grünen Landschaft, schreckt sie einfach nicht ab. Da hüpft das Tiroler Herz doch fast aus der stolzen Brust – die Säcke unserer Lederhosen quellen über. Dafür lohnt es sich nun wirklich, vier, fünf, sechs Monate auf traditionsbewussten Folklore zu machen. Für unser Land ist uns einfach nichts zu blöd.
Wer von außen kommt und brav sein Geld hier lässt, ist im Heiligen Land jederzeit herzlich willkommen. „Geschumpfen“ wird nur mit jenen, die glauben sie müssten dauerhaft hier bleiben. Tiroler Blut kann man nicht ersitzen, es muss in den Adern fließen. Unsere Gäste die nach zwei Wochen wieder fahren, die lieben wir dafür umso mehr. Die sind sicher vor unserem Grant auf die Welt. Wir würden nie in ihrer Gegenwart über sie schimpfen, gleich wenig wie über die eigenen Leit. Denn auch wenn uns Tirolern eine ausgeprägte Schimpfkultur geläufig ist, würde es uns nie einfallen auch nur ein schlechtes Wort über uns selbst zu verlieren. Was in Tirol passiert ist zwar selten von Weltrang, aber auch nur deshalb, weil die Welt es nicht verdient hat. Und wer dann doch einmal sein Maul aufreißt und einen Missstand im eigenen Land anprangert oder einen Mittiroler kritisiert, der wird schneller aus dem Paradies verbannt, als er „Oachkatzlschwoaf“ sagen und „an Äpfl“ essn kann.

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Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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