Liebe Kulturstadt Innsbruck, du solltest dich schämen!

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Eigentlich hatte ich für meinen hundertsten Artikel am ALPENFEUILLETON nichts Besonderes geplant. Schließlich feiert man ein solches Jubiläum nur, wenn der Quantität eine besondere Bedeutung zukommt. Dass es nun ein sehr persönlicher Kommentar wird, kommt auch für mich überraschend. Doch ich kann nicht anders. Wenn ich an die Anfänge unseres Online-Magazins zurückdenke, so hallen die Worte die ich damals an die noch kleine Autoren-Gruppe gerichtet habe noch immer laut durch meinen Kopf: „Schreibt, wenn es euch unter den Nägeln brennt.“ Und das tut es heute und zwar gewaltig.
Wenn mich die Erfahrung eines gelehrt hat, dann die Tatsache, dass Meinungstexte ein besonderes Maß an Präzision und Erklärungsbedarf erfordern. Aus diesem Grund möchte ich gleich vorweg nehmen, dass den folgenden Worten keine Studie zugrunde liegt. Ich schreibe aus einer Betroffenheit und damit aus Emotion. Mit der Betroffenheit ist es an und für sich eine schwierige Sache. Gerade für publizierende Menschen ist sie keine all zu gute Beraterin. Sie trübt den Blick, färbt ihn und lässt Dinge, die in der wirklichen Welt kaum Relevanz haben, als wichtig erscheinen. Doch die Betroffenheit die diesem Kommentar zu Grunde liegt, betrifft mich nicht nur in einer Rolle.
Als Herausgeber eines Online-Magazins das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Kultur im Alpenraum generell und die Kultur in und rund um Innsbruck im Speziellen, zu beschreiben, Debatten anzustoßen und so einen Beitrag zur kulturellen Entwicklung zu liefern, betrifft es mich in höchste Maße. Als Bürger Innsbrucks, der in dieser Stadt lebt, hier arbeitet und einen Großteil seiner Freizeit verbringt, betrifft es mich tagtäglich. Als junger Mensch mit vielen Ideen im Kopf und Konzepten in der Schublade, betrifft es mich immer wieder. Als politischer Mensch, der auf Grund seiner Überzeugungen davon ausgeht, dass nicht Beziehungen und Einfluss, sondern gute Absichten und Bemühen zählen, schmerzt es mich unfassbar.
Ab und zu muss man die eigene Wohnung verlassen, um bei der Rückkehr die Unordnung und den Schimmel zu bemerken. So ähnlich erging es mir letzten Sonntag bei meiner Rückfahrt von Burghausen nach Innsbruck. Die kleine Stadt an der Salzach hat es innerhalb von zwei Tagen nämlich nicht nur geschafft mich positiv zu überraschen, sondern hat mir eindrücklich vor Augen geführt, was mir in meiner Heimatstadt so dringend fehlt. Feuer! Unter Feuer verstehe ich den regen Austausch unter allen die an der Kultur arbeiten. Seien es Künstler, Kulturtreibende, Veranstalter, Beamte und die Öffentlichkeit. Innsbruck wirkt auf mich müde, träge, eingeschlafen.
Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Die Subventionen sind verteilt. Jeder hat sein Stück vom großen Kuchen. Fein säuberlich argumentiert und fair, nach Hackordnung sortiert. Kein großer Anreiz für Veränderung. Es reicht, sich einmal im Jahr zusammen zu setzen und sich gegenseitig höflich abzunicken. Wer den anderen nicht schadet, dem wird auch selbst niemand weh tun. Im Kulturbericht der Stadt Innsbruck finden sich die immer gleichen Projekte, die immer gleichen Gesichter. Selbst die Summen ändern sich nur marginal. Doch das reicht, um sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen zu können „Ist doch alles wunderbar. Wir! Innsbruck ist Kulturstadt. Von gutem Ruf.“
Wenn dann doch einmal jemand aufsteht, kann er sich des automatisierten Beißreflexes sicher sein. Wie die Hyänen werden die Kritisierten über ihn herfallen, wunde Punkte suchen und ihn schnell zum Schweigen bringen. Innsbrucks Kultur braucht keine Querulanten, keine Querdenker, keine progressiven Geister. Wer die Lobeshymnen nicht mit intoniert und außerhalb der Grenzen denkt, wird schnell zum Nestbeschmutzer, zum Schwarzmaler und Dauernörgler. Stolz soll man sein. Stolz darauf was wir hier haben. Anderen geht es bei weitem schlimmer. Doch der zufriedene Blick zurück ist besonders in der Kultur ein Nervengift, das langsam, aber sicher tötet.
Wobei eines berücksichtigt werden muss. Um an der Kultur als Ganzes arbeiten zu können, bräuchte es so etwas wie DIE Innsbrucker Kultur. Die gemeinsame Kultur. Ein gemeinsames Kulturverständnis. Einen gemeinsamen Spirit. Innsbrucks Kultur ist zerrissen und zersplittert. Von außen betrachtet mag sie vielleicht wie ein buntes Mosaik erscheinen, doch im Inneren ist nichts anderes, als eine zufällige Ansammlung vieler kleiner, scharfer Scherben. Jede für sich ist ein Kunstwerk und absolut vollkommen. Zusammenfügen würden sie sich nur unter großer Hitze lassen. Doch damit diese entstehen könnte, bräuchte es einen funktionierenden Austausch, eine etablierte Debattenkultur, die inhaltlich und nicht persönlich diskutieren ließe.
Was im Inneren kaum funktioniert, ist auch im Außen nicht möglich. Die Innsbrucker Öffentlichkeit scheint gemeinsam mit seiner Kultur eingeschlafen. Neue Konzepte, neue Impulse, Wagnisse werden im besten Falle kritisch beäugt, im Normalfall ignoriert. Vielleicht mag das ja eine Eigenart von Bergbewohnern sein, dass man Unbekanntem erst einmal skeptisch gegenüber tritt. Da kann es schon einmal vorkommen, dass großartige Künstler, die eher in Fachmagazinen, als in Landeszeitungen beschrieben werden, vor zehn Menschen spielen, lesen oder ausstellen. Hiezu passt wunderbar ein altes Politik-Sprichwort, in umgedichteter Version: Eine Stadt bekommt die Kultur, die sie sich verdient.
An dieser Stelle wird einigen bereits der Kragen geplatzt sein. Es werden sich auch schon allerhand Argumente zur Entgegnung gefunden haben. Eines davon lautet bestimmt: „Geh doch einmal raus auf die Straße. Schau dir an was passiert. Innsbruck ist lebendig. Die Stadt tut doch so viel.“ Ja, das stimmt. Die Stadt tut viel. Viel, für seine Gäste. Doch abseits der tourismusfähigen Attraktionen gibt es nur wenige Elfenbeintürme der Kultur, die ausreichende Unterstützung erhalten. Sei es in materieller, finanzieller oder intellektueller Form. Gott sei Dank gibt es immer wieder unbeugsame „Wilde“, die es trotzdem versuchen und Kultur nach Innsbruck bringen, die es in dieser Form und Qualität, laut meiner Wahrnehmung, eigentlich gar nicht geben dürfte.
Ich möchte meine Betroffenheit konkretisieren und mit einem Beispiel schließen. Mit einem Beispiel, welches mir in dieser konkreten Form in Burghausen begegnet ist. „Wir hatten die Idee mit der Jazzwoche und sind dann zum Bürgermeister. Er meinte. Ich hab zwar kein Geld, aber den Stadtsaal könnt ihr haben.“ 2016 fand die Jazzwoche Burghausen zum 47. Mal statt. Ein Festival, das Burghausen weit über seine Stadtmauern hinaus bekannt gemacht und mich beeindruckt hat. Eine Paradebeispiel für Zusammenarbeit. Eine Leistung, die in mir das Bedürfnis geweckt hat, diesen persönlichen Text zu schreiben. Und ich gebe zu, vielleicht ist das Wort „schämen“ in der Überschrift etwas zu emotional gewählt. Doch. Wer Feuer wünscht, muss eben ein wenig zündeln.
P.S.: Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich die Nachricht, dass der ehemalige deutsche Außenminister Guido Westerwelle im Alter von 54 Jahren verstorben ist. Von ihm stammt ein Zitat, das ich nun, aus gegebenem Anlass und weil es so gut passt, noch anfügen darf: „Nur wer still stehen bleibt, tritt keinem auf die Füße.“
 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

2 Comments

  1. Denke, bzw. bin überzeugt das du schreibst was viele Personen, welche sich mit Kultur beschäftigen, ob Kulturschaffende, Veranstalter … etc. denken bzw. selbst erleben. In vielen anderen Kommunen passiert dasselbe. Vorgelebt von noch „höheren“ Institutionen wie der Kulturförderung des Landes Tirol, deren Argumentationen für abschlägig beurteilte Förderanträge teils schon sehr abstrus sind. ABER es gibt sie, die kleinen, feinen Plätze der Genußkultur und diese werden nicht untergehen! 🙂

  2. Solange sich Innsbruck mit immer fragwürdigeren Aktionen als Sportstadt positioniert, wird es schwer bleiben, an den entsprechenden Stellen Leute zu finden, mit denen es sich über Kultur ernsthaft und gern auch hitzig debattieren ließe.

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