Ulver: Der seltsame Fall der norwegischen Wölfe

7 Minuten Lesedauer

Vom den norwegischen Wäldern  in den Konzertsaal


Es war einmal: Eine norwegische Black-Metal Band. Diese nannte sich „Ulver“. Das ist norwegisch und bedeutet so viel wie „Wölfe“. Obwohl die Band überaus beliebt in Norwegen und darüber hinaus war, schien sie bald nach der legendären ersten Platte „Bergtatt“ beschlossen zu haben, keine Black-Metal Band mehr sein zu wollen. Den norwegischen Finsterlingen, die gerne zur Musik von Ulver schwarze Katzen im dunklen Wald opferten, behagte das ganz und gar nicht.
2001 kam es dann zum Gipfel aller Frechheiten. „Perdition City“ flirtete heftigst mit elektronischer Musik, Trip-Hop und allem, was der skandinavische Teufel so verboten hat. Die Band bestand zu diesem Zeitpunkt nur mehr aus zwei Mitgliedern: Rygg und Ylwizaker. Besonders ersten darf man unter Verdacht haben, für die extremen Stilbrüche in der Bandkarriere verantwortlich zu sein. Der Mann macht schließlich auch Filmmusik und lebt seine Vorliebe für elektronische Musik in diversen Nebenprojekten völlig ungeniert aus.
Schlimmer noch: Früher bezeichnete sich Rygg linientreu als Satanist, später wandte er sich von dieser Ideologie ab. Mittlerweile ging es in seinen Texten verstärkt um andere Themen. Auch von sägenden Black-Metal Gitarren, Tremolo-Picking und Blast-Beats war spätestens seit den früher 00er Jahren keine Spur mehr.
Gar Themen wie Mitmenschlichkeit kamen in seinen Songtexten zur Sprache. Der misanthropische innerer Zirkel des norwegischen Black-Metals tobte. Rygg war ein Abtrünniger vor dem Leibhaftigen, vor dem er sich eigentlich in den Staub werfen und die wahre Lehre des nordischen Black-Metals verkünden sollte.

Die norwegischen Finsterlinge von Ulver (Bild: Christian Tunge)
Die norwegischen Finsterlinge von Ulver (Bild: Christian Tunge)

Stattdessen haute er mit seinen Mannen im Jahr 2007 das sphärische „Shadows of the Sun“ raus. Auf diesem Album waren nicht ganz unbekannte Künstler wie Fennezs, Matthias Eick oder Pamelia Kurstin zu hören. Eick an der Trompete und Kurstin gar am Theremin. Satan steh uns bei!
Black-Metal war das keiner mehr. Und vermutlich konnten die beteiligten Musiker das Wort „Corpsepaint“ noch nicht einmal richtig buchstabieren. Getragen hatten sie jedenfalls die obligatorische Kriegsbemalung der linientreuen Black-Metal-Ritter garantiert noch nie. Zu allem Überfluss war auf dieser Platte sogar noch ein Streichquartett zu hören, wo doch die pure Lehre der Reduktion auf Gitarre, Bass und Schlagzeug des echten Black-Metals im Mittelpunkt stehen sollte.
Diese Linie bzw. Abweichung wurde mit „Messe I.X – VI.X“ sogar noch fortgesetzt und die Band stellte sich mit einem 21-köpfigen Kammerorchester auf die Bühne. Ulver hatte damit den unbequemen Weg genommen. Raus aus den nordischen Wäldern, weg vom Katzenblut trinken, hin zu der bürgerlichen Aufführungspraxis in den Konzertsälen. Es war denkbar geworden, dass man zur Musik von Ulver an seinem vorreservierten Tischen in der Konzertpause gemütlich Champagner schlürfte anstatt sich mit Gleichgesinnten während dem Konzert headbangend mit Dosenbier zu besaufen.
Ein Affront sondergleichen. Ulver hatte sich endgültig unbeliebt gemacht. Und passte irgendwie in überhaupt keine Schublade mehr, denn auch die Indie-Presse mochte sich den ehemaligen Black-Metal-Sonderlingen nur ungern annehmen.


„ATGCLVLSSCAP“ und die (neue) Grenzenlosigkeit


Was nun? Der Ruf war ruiniert. Ulver war endgültig keine Szene-Band mehr. Dafür aber eine Band, die zunehmend locker mit der eigenen Vergangenheit und den eigenen Brüchen umging. Etwas seltsam anmutende Trip-Hop-Experimente gehörten der Vergangenheit an. Zumindest klangen solche Einflüsse nicht mehr unerwartet und etwas deplatziert. Mit dem aktuellen Album „ATGCLVLSCAP“ legen Ulver nun eine Art von „Live-Album“ vor, das alles und nichts zugleich ist.
Das Album hat Passagen, die sich hervorragend als Intro für den grimmigsten aller Black-Metal-Song eignen würden. Es gibt langsam fließende Passagen, die auch Ambient-Mögern gefallen könnte. Hin und wieder schleichen sich sogar Gitarren ein, die mehr oder weniger konventionelle Power-Chords spielen. So weit so gut – und so hörbar und interessant.
Der Clou dieses Albums ist aber ein anderer. Es handelt es sich um ein Live-Album, das kein wirkliches Live-Album ist. Die Band nahm die besten Passagen von live und plusminus frei improvisierten Passagen, die sie in 12 Städten auf ihrer Tour gespielt hatten. Man benutzte somit die interessantesten und kohärentesten Passagen und bearbeitete diese im Studio. Man fügte Sounds hinzu, bastelte herum, benutzte das Studio als weiteres Instrument.
Auch das gab es in der Musikgeschichte schon und wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn auch die Ergebnisse klanglich und musikalisch brillant sind. Was Ulver aber gelingt ist außergewöhnlich: Mit diesem „Live-Album“ schaffen sie ein perfektes Spiegelbild ihrer bisherigen Karriere. Alles hat seine Berechtigung, jede Phase des Schaffens klingt, wenn auch manchmal nur als Schatten, in diesen Tracks an. Zugleich lösen sie Dichotomien auf.
Durch das langsame aber intensive Fließen der Tracks schaffen es Ulver, die Stationen ihrer Karriere nicht wie disparate Elemente nebeneinander stehen zu lassen, sondern sie in einem einzigen Klangstrom auf den Punkt zu bringen. Die Live-Improvisation ist in dieser Hinsicht ganz klar die Möglichkeit, Gegensätze aufzulösen, Grenzen zu sprengen und Genre-Fragen beiseite zu schieben. Es ist Musik, die dunkel ist. Unheimlich. Spannend. Intensiv. Und ja: Sie könnte sowohl Trip-Hop-Menschen als auch Black-Metal-Satanisten gefallen. Einzig offene Ohren sollte man mitbringen für dieses hochgradig bekömmliche, aber durchaus herausfordernde Musik-Gebräu.
Ich kann nur appellieren: Musik-Hörer aller Genres vereinigt euch! Hört euch das etwas sperrig betitelte Album „ATGCLVLSSCAP“ an. Es lohnt sich. Egal ob ihr gerne durch dunkle Wälder streift und eine Affinität zu schwarzen Messen habt oder ob ihr einfach nur kraftvolle, dunkle und mutige Musik mögt.


 Zum Reinhören





Titelbild (c) Ingrid Aas

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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