Plattenzeit #81: Ulver – Sic Transit Gloria Mundi

6 Minuten Lesedauer

Die Kunst der EP


Es ist bedauerlich, dass die EP ein wenig aus der Mode gekommen ist. Schließlich ist sie doch die logische Mitte zwischen Single-CD und ganzem Album. Sie beinhaltet nicht zwangsläufig den einen großen Hit, wie bei der Single-CD, und muss auch noch nicht die Form eines abgeschlossenen Werkes haben, wie es beim Album als ästhetisches Ziel gilt. Das macht die EP oft zum idealen Medium für Transitorisches, Unvollständiges und Erratisches.
Nun haben Ulver gerade diese Form gewählt, nachdem sie im April ihr meisterhaftes Album „The Assassination of Julius Caesar“ veröffentlicht haben. Es ist eine perfekte Platte, sowohl in Konzeption als auch in Ausführung. Es folgten Konzerte und gerade eben hat sich die Band auf eine neue, kleine Europa-Tournee begeben. Unterstützt wurde und wird die dunkelbunte Musik von einer ausgeklügelten Lasershow und zum Teil auch vom Gitarren-Hexer Stian Westerhus, der auch schon auf zwei Tracks des Albums zu hören war.
Mit der aktuellen EP, derzeit nur digital hier erhältlich, legen Ulver nach. Die Tracks sind nicht vollständig neu, sondern blieben bei den Aufnahmen des vorangegangenen Albums als Skizzen liegen. In diesem Sommer nahm die norwegische Band die Arbeit an diesen zwei Songs wieder auf. Am Cover setzt man auf Kontinuität, waren doch Päpste neben Julias Cäsar und Co. die großen Themen des April-Albums. Für die EP haben sie sich für eine dunkle, mystische Auslegung des Papst-Motivs entschieden und kurzerhand ein Bild von Francis Bacon auf das Cover gehievt.
Die „Pop-Werdung“ von Ulver hat man mittlerweile akzeptiert und nach der Rückkehr zu den Black-Metal-Wurzeln schreit fast niemand mehr. So ist die Musik auf der vorliegenden 3-Track-EP eigentlich keine Überraschung. Nachdem Ulver bisher bei beinahe jedem Album musikalische Kunstgriffe hervorkramten, die so nicht zu erwarten waren, bleiben diese auf „Sic Transit Gloria Mundi“ weitestgehend aus. Es geht nicht um Veränderung, sondern um Intensivierung.
Ulver genießen ganz offensichtlich ihren ästhetisch-künstlerischen Erfolg, den sie mit dem Vorgänger-Album feiern durften. So ist es folgerichtig, dass man in den Video-Clips auch das geschaffene Gesamtkunstwerk zelebriert. Das Album entfaltet seine Wirkung auch unter Kopfhörern genossen, komplett ist die Musik aber erst, wenn sie live mit der präzisen Light-Show an den richtigen Orten aufgeführt wird. Ulver selbst sehen das italienische „Labirinto della Masone“ wohl als einen solchen Ort. Diesem wird in dem Clip zum zweiten Track der EP „Bring Out Your Dead“ ein Denkmal gesetzt.
Die Tracks der EP sind auf ähnlich hohem Niveau wie auf dem dazugehörigen Album. „Bring Out Your Dead“ ist womöglich noch ein wenig poppiger, als es vor wenigen Monaten im Album-Kontext gepasst hätte. Auf „Echo Chamber (Room of Tears)“ kann man sich Martin Gore von Depeche Mode als Leadsänger so gut wie noch nie zuvor vorstellen. Ulver wollen die ausgelegten Spuren dieses Mal also gar nicht verwischen, sondern bestätigen. Ulver sind zur Pop-Band für Prog-Hörer und Dunkelmusik-Möger geworden, welche die Einfachheit und Unmittelbarkeit des Pop nicht mit Unterkomplexität oder Banalität verwechselt.
Indes ist aber unklar, was auf diese EP folgt. Die Live-Sequenzen in den Videos deuten auf eine Live-DVD hin, die noch einmal und höchstwahrscheinlich letztmalig den künstlerischen Triumph auskostet. Somit wären dann Album, EP und Live-DVD eine Einheit. Das Album als das Zentrum der künstlerischen Idee, die EP zugleich als Nachschlag als auch Verdichtung hin zu dem, was sich Ulver unter „Pop“ vorstellen. Die Live-DVD würde dann das etablierte Gesamtkunstwerk und den visuellen Rahmen ausführlich beleuchten.
Danach ziehen Ulver, einsamen und hungrigen Wölfen gleichend, höchstwahrscheinlich weiter. Es ist unwahrscheinlich, dass sie zur erfolgreichen Pop-Band für denkende Menschen aufsteigen wollen. Der Reiz ein „Pop-Album“ zu machen und mit der Form „Pop“ die eigene ästhetische Vision zu präzisieren war aber verständlicherweise groß. Dass bei diesem Experiment aber Pop-Songs entstehen, die ganz ohne Meta-Ebene und Selbstzweck zu den größten Pop-Songs der letzten Jahre gehören war nicht abzusehen.
Auch die jetzt vorliegende EP schlägt in diese Kerbe. Mit „The Power Of Love“ hat man als dritten Track außerdem noch den Klassiker von Frankie Goes to Hollywood kongenial gecovert. Aber selbst das verwundert in diesem Zusammenhang nicht mehr. Im Universum von Ulver ist alles möglich, die Band hat sich über die Jahre freigespielt alles tun zu dürfen und vor allem alles künstlerisch tun zu können.


Fazit


„Sic Transit Gloria Mundi“ ist ein Hörgenuss. Diesen sollten man auskosten, so lange sich Ulver noch im näheren Umfeld der Popmusik aufhalten. Die EP ist ein wichtiges Puzzle-Teil im Verständnis dafür, was die norwegische Ausnahmeband im Moment ist und in absehbarer Zeit wohl nicht mehr sein wird. Sie kann aber auch, weil hier in komprimierter Form die Faszination der gegenwärtigen Manifestation von Ulver hörbar wird, Einstieg in den gesamten Ulver-Kosmos sein.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Irene Serrano

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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